Soeben war bei mir eine Frau, die vor 30 Jahren als Neunjährige von einem Priester sexuell missbraucht wurde. Sie erzählte, dass der Vorfall ihr Verhältnis zu ihrem Körper und zur Sexualität einschneidend verändert habe. Die Frau, die etwas rundlich ist, meinte, vielleicht sei sie so geworden, um nicht mehr so attraktiv zu erscheinen. Darüber, was genau vorgefallen war, sprach sie nur wenig. Ich bohrte auch nicht nach. Meine Aufgabe ist es in erster Linie, zuzuhören und die Geschichte so, wie sie mir erzählt wird, stehen zu lassen; ich muss sie nicht unbedingt verstehen.

Ich teile den Menschen, die mich aufsuchen, mit, wo sie weitere Hilfe finden können. Innerhalb unseres Bistums wird nun eine Kommission mit aussenstehenden Fachpersonen gebildet, an die sich die Opfer wenden können. Darunter sind eine Jugendberaterin und eine Juristin.

In meiner Arbeit bewege ich Opfer dazu, zu ihrer Geschichte zu stehen. Früher wurden Opfer nämlich selber fast zu Tätern gestempelt. Sie schämten sich, dass so etwas mit ihnen geschehen war, und fühlten sich mitschuldig.

Gewaltiger Nachholbedarf
Am Anfang, als die Stelle gerade geschaffen worden war, hat das Telefon sehr oft geklingelt. Auch die Medien interessierten sich für meine Arbeit. Ich musste aufpassen, dass ich nichts Falsches sagte – allzu schnell hätten aus Gerüchten Fakten werden können. Inzwischen hat der Ansturm ein wenig abgenommen. Nicht alle Betroffenen melden sich bei mir. Das ist auch gar nicht nötig. Von einer Bekannten, die als Therapeutin arbeitet, weiss ich, dass sich die Opfer vermehrt solche Hilfe holen.

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Mich rufen jetzt auch Menschen an, die nicht Opfer einer Kirchenperson wurden. Es sind jüngere und ältere Frauen, die als Kind von einem Mann ausgebeutet wurden – in ihrer Familie oder sonst wo im zivilen Leben. Deshalb ist Pädophilie kein Kirchenproblem. Mit pädophilen Tätern hatte ich schon bei meiner Arbeit als Seelsorger in der Strafanstalt Saxerriet SG zu tun. Darunter waren auch verheiratete Männer. Pädophilie hängt nicht mit dem Zölibat zusammen; sie zieht sich durch alle Alter und Schichten.

Sexuelle Ausbeutung ist ein grundlegendes Männerproblem. Die Geschichte zeigt, dass stets Männer Frauen ausgebeutet haben. Bauern vergingen sich an den Mägden; Priester, Lehrer und andere nutzten ihre Machtposition aus. Das Problem in der Kirche besteht darin, dass sexuelle Ausbeutung hier besonders verwerflich ist, weil Kirchenleute einen besonderen Vertrauensbonus geniessen.

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Was wir tun können, ist, etwas dazu beizutragen, dass die Opfer nicht erst 40 Jahre nach dem Vorfall reden können, sondern dass man ihnen hilft, gleich nach der Tat über die Traumatisierung hinwegzukommen. Dann muss die Ausbeutung nicht unbedingt derart lebenseinschneidend und lebensverändernd sein.

Dennoch hat die Kirche ein Problem. Der Mensch ist ein sexuelles Wesen. Die Kirche bewertet die Sexualität immer noch tendenziell negativ. Für mich bräuchte es seitens der Kirche dringend eine positive Würdigung der Sexualität als einer Dimension des Menschseins in der Begegnung zwischen Mann und Frau, aber auch zwischen gleichen Geschlechtern. Hier besteht ein gewaltiger Nachholbedarf.

Ich bin dafür, dass heute nach anderen Kriterien geweiht wird, als dies der Fall ist – nämlich nicht nach Geschlecht und Zivilstand, sondern nach Eignung. Davon sind wir noch weit entfernt. Aber ich bin sicher, dass die Kirche irgendwann so weit kommen wird. Die Gründe, die die Kirche dagegen anführt, halten für mich theologisch nicht stand.

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Ich finde, dass auch die Gesellschaft punkto Sexualität ein Problem hat. Solange auf Pausenhöfen die Kinder einander «schwule Sau» anhängen und solange Homosexualität ein Tabu ist, erscheint jungen Männern, die wahrnehmen, dass sie schwul sein könnten, der Priesterberuf als möglicher Schutzbereich, in dem sie sich dieser Frage entziehen können. Damit hat es zu tun, dass der Anteil Homosexueller im Priesterstand höher ist als in anderen Berufen. Allerdings muss klar gesagt sein: Schwul heisst nicht pädophil.

Ich vermisse in der Gesellschaft die Erotik. Wenn ich beispielsweise die Street Parade betrachte, sehe ich sehr viel Fleisch, das sich sehr nahe kommt. Aber es fehlt das Spiel mit Nähe und Distanz. Ich habe in meiner Jugend gern getanzt – zur Sexualität und zur Erotik gehört auch die Spannung, die sich aus dem Wechsel von Nähe und Distanz ergibt.

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Ich selber bin hetero. Ich habe Freundinnen und Freunde, mit denen ich mich austausche, mit denen ich musiziere oder zu Berg gehe, unterwegs im Zelt. Da stellt sich auch die Frage der Zärtlichkeit. Ich erlebe in der Begegnung mit der Schöpfung fast gleich orgastische Zustände wie in der Sexualität. Auch ich bin oft mit jeder Faser meines Körpers und meiner Seele glücklich. Ich meine, dass das Zölibat auch eine Chance sein kann. Dies allerdings nur, wenn die Sexualität grundsätzlich bejaht wird und eingebettet ist in einen eigenen Lebensstil, zum Beispiel eine Mönchsgemeinschaft. Das Zölibat bedeutet dann, die Sexualität nicht immer ausleben zu müssen. Auf diese Weise kann einem der Verzicht auch etwas geben. Zum Genuss gehört auch die Askese.

«Lebt die Sexualität!»
Etwas Wichtiges in meinem Leben ist der Humor. Das Dimitri-Buch «Humor. Gespräche über die Komik, das Lachen und den Narren» steht in meinem Gestell gleich neben den wichtigsten Büchern über Mystik und Meditation. Ohne Humor und Lachen könnte ich meine Arbeit als Gefängnisseelsorger und als Ansprechperson für Opfer von Kirchenleuten schon lange nicht mehr ausüben. In Dimitris Buch habe ich mir den Satz «Ein Mensch ohne Humor kann nicht lieben» angestrichen. Und einer mit Humor liebt bereits ein Stück weit.

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Der Kirche wünsche ich, dass eine Zeit heranbricht, in der sie mit der Sexualität offener umgehen kann – auch was ihre geweihten Vertreter angeht. Der Gesellschaft würde ich sagen: «Lebt die Sexualität! Gebt und empfangt! Aber vergesst nicht: Die Innenseite der Sexualität ist die Liebe.» Diese ist beschrieben im Hohelied des Alten Testaments als erotischer Liebesdialog zwischen Mann und Frau und im Hohelied des Paulus, 1. Korinther 13. Wenn man diese Kapitel lebt, werden Sexualität, Erotik und Liebe ein Ganzes.