Das darf nicht wahr sein», dachte ich mir, als ich im Radio hörte, dass drei Pitbulls den sechsjährigen Suleiman zerfleischt und getötet hatten. Mich elektrisieren alle Nachrichten über Attacken von Hunden auf Menschen, doch diese hat mich besonders aufgewühlt: Es traf ein Kind – ein Kind, das sein ganzes Leben vor sich hatte. Zudem kenne ich den Ort des fürchterlichen Geschehens bestens: Ich wohnte einmal in Oberglatt. Ich sehe den kleinen Knaben vor meinen Augen, wie er in panischer Angst über die Wiese gerannt ist und vergeblich versucht hat, den Tieren zu entkommen.

Suleiman lebt nicht mehr. Der Tod ihres einzigen Kindes hat der Mutter unendliches Leid zugefügt. Unwillkürlich denke ich auch daran, dass ein Dobermann in Zürich eine Frau so in Panik versetzte, dass sie in die Limmat sprang und ertrank. Der Gedanke an den tragischen Hinschied seiner Frau wird ihren Mann immer wieder einholen. Das Mädchen, dem ein Rottweiler das Gesicht zerfetzte, wird die Alpträume nicht so schnell loswerden. Ich kenne diese Todesangst vor Hunden aus eigener Erfahrung – wenn man nicht weiss, ob dir das Tier seine Zähne auch noch in die Kehle schlagen wird.

Die Angst bleibt noch jahrelang
Für Kinder sind die Folgen einer Attacke besonders schlimm: Sie haben ihr Gesicht noch jahrelang auf der Höhe der Hundeschnauzen. Nach Ereignissen wie Suleimans Tod sind Angstträume aber bei allen Hundeopfern programmiert. Auch bei mir. Unzählige Male bin ich in den letzten Wochen schweissgebadet aufgewacht. Da lag ich an diesem Junitag 1978 wieder im Garten jenes Spenglers, dessen Hund sich in meinen Oberschenkel verbissen hatte. Einmal mehr sah ich die Wunde, sah das Blut herausquellen. Die gut gemeinten Sprüche der Kollegen wie «Vergiss die alte Geschichte endlich, mach einen dicken Strich darunter» ändern nichts daran, dass ich diesen Tag nicht aus meinen Gedanken streichen kann.

Unser Hirn speichert solche Vorfälle in allen Details. Ich wollte dem Spengler einen Plan zur Blechbearbeitung bringen. Durch eine Tür betrat ich den Garten, in dem sich ein Deutscher Schäferhund behaglich ausstreckte. Das Tier war gutmütig, ein richtiger Familienhund. Den zweiten Hund, einen scharfen Schäfer, hielt der Spengler immer im Haus. An diesem Tag aber stand die Terrassentür offen, doch das konnte ich nicht sehen. Das Tier raste auf mich zu, warf mich über den Haufen und verbiss sich in meinen Unterschenkel. Ausgerechnet an jener Stelle, wo ich zwei Frakturen erlitten hatte, die noch nicht ganz verheilt waren.

Es folgten mehrere Spitalaufenthalte, rund 50 Operationen und diverse Therapien. Vergeblich: Es blieb nur die Amputation. Zu allem Unglück zeigten die Bemühungen meines Anwalts keinen Erfolg: Das Obergericht entschied, der Fehler liege bei mir. Der richtige Zugang zum Büro- und Wohnhaus führe durch die Werkstatt, und am Gartentor habe der Spengler ein Schild «Warnung vor dem Hunde» aufgehängt. Zeugenaussagen, wonach das Schild erst später angebracht worden sei, stufte das Gericht als unglaubwürdig ein. Die Versicherung verweigerte darauf die Zahlung.

Ich kann das Erlebte nicht einfach wegstecken. Mein Abstieg vom Bauunternehmer zum IV-Rentner wird mich immer schmerzen, und das Zerbrechen meiner Ehe warf noch lange seine Schatten. Mit dem Leben im Rollstuhl fand ich mich nie ab, ja ich schämte mich sogar. Auf die definitive Wendung zum Besseren musste ich bis Anfang 2005 warten. Es geschahen zwei Wunder: Die letzte Operation befreite mich von meinen Schmerzen. Jetzt kann ich eine Prothese tragen und so einen Kilometer marschieren. Auch schwimmen ist wieder möglich. Ein totaler Aufsteller! Zudem bin ich nicht mehr abhängig von Medikamenten.

Die Menschen stecken dahinter
Mit kritischer Distanz denke ich inzwischen über das Verhältnis zwischen Mensch und Hund nach. Trägt der scharfe Schäfer die Schuld an meinem Dasein als IV-Rentner? Hat der Dobermann wirklich eine Frau in den Tod getrieben? Der Rottweiler aus lauter Bosheit ein Mädchen fast getötet? So einfach ist es denn doch nicht. Menschen haben über Jahrhunderte gewisse Rassen gekreuzt, um sie zu Kampfmaschinen zu machen. Es sind die Menschen, die Kampfhunde so halten, dass diese sich auf alles stürzen, was sich bewegt. Wer Hunde auf diese Art abrichtet, ist psychisch krank.

Dass jetzt Forderungen nach einem raschen Verbot von Kampfhunden gestellt werden, ist folgerichtig. Rücksichtnahme auf Leute, die Hunde fürchten, sollte für Hundehalter eine Selbstverständlichkeit sein. Bei mir dauerte es 27 Jahre, bis ich das Zutrauen zu Hunden wieder fand – gepaart mit einer gehörigen Portion Vorsicht. Jetzt ist Jimmy, ein Dalmatiner, mein Begleiter. Ich habe ihn so erzogen, dass niemand vor ihm Angst haben muss. Trotzdem führe ich ihn immer an der Leine.

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