Man könnte mich als doppelten Augenzeugen bezeichnen. Ich sah die drei unversehrten Dinos Ornithomimus, Deinonychus und Velociraptor am Abend des 20. Mai vor dem Vandalenakt als einer der Letzten. Und ich war einer der Ersten, die am nächsten Morgen vor den Resten des Ornithomimus standen und in die Lücken starrten, die die beiden gestohlenen Modelle hinterlassen hatten. Als Projektleiter der Dinosaurierausstellung ging mir dieses Wechselbad unter die Haut.

Unser Team war total aufgestellt, als wir am Abend vor der Eröffnung die 18 Dinomodelle im Park «Im Grünen» in Münchenstein den Medien und der Basler Prominenz präsentierten. Wir spürten, dass die Ausstellung beim Publikum gut ankommen würde, und genossen die Früchte der zweijährigen Arbeit. Es wurde ziemlich spät. Dann am Morgen der Anruf, ich solle rasch in den Park kommen, mit den Dinos sei etwas passiert.

Kein Dino-Disneyland

Angesichts des sinnlosen Gewaltaktes gingen bei mir die Emotionen hoch. Der erste Schock wich der Bestürzung, der Enttäuschung und der Wut. Für mich war es das erste Mal, dass ich direkt mit Vandalismus konfrontiert wurde. Natürlich lese ich die Nachrichten über Saubannerzüge von gewaltbereiten Jugendlichen und Zerstörungen nach Demonstrationen. Zwar hatte ein Nachtschwärmer eine Woche vor der Eröffnung das Auge eines Dinos mit einem schwarzen Filzstift bemalt. Doch das war ein vergleichsweise kleiner Schaden.

Klar, die Modelle der Dinos sind tote Materie. Aber eben doch nicht ganz. Jedenfalls faszinieren mich diese urtümlichen Wesen – den Besuchern der Ausstellung, seien es nun Kinder oder Rentner, geht es gleich. Zudem hat unser Team zwei Jahre Arbeit in die Ausstellung investiert. Wir sind stolz, das Publikum nicht in ein Dino-Disneyland zu führen, sondern ihm Modelle zu präsentieren, die nach den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen angefertigt wurden.

Vor zwei Jahren stieg ich mit gemischten Gefühlen ins Dinoexperiment ein. Ich bin Leiter PR und Kultur bei der Migros Basel und muss mir immer wieder die Frage stellen, wie sich die Firma in der Öffentlichkeit darstellt. Ist es da geschickt, den Riesen im Detailhandel mit den Riesen der Tiergeschichte auftreten zu lassen? Nun bestand das Bündnis aber bereits halbwegs. Ein fantasievoller Dinosaurier war das Wahrzeichen der Grün 80, die von der Migros massgeblich unterstützt wurde. Er blieb stehen, bis seine Altersgebrechen eine Gefahr für die Besucher darstellten. An seiner Stelle steht nun das Modell des Seismosaurus, der Erdbebenechse, die mit ihrer Länge von 45 Metern und einem geschätzten Gewicht von 40 Tonnen den urzeitlichen Boden bestimmt erzittern liess.

Dieses grösste Dinosauriermodell der Welt wird hoffentlich weitere 25 Jahre stehen bleiben, während die andern 17 Modelle am 15. September wieder zum Hersteller nach Deutschland zurückkehren. Neben den gigantischen Pflanzenfressern sind auch die kleineren, aggressiveren Fleischfresser anzutreffen. Zu ihnen gehören auch die drei zerstörten Dinos. Ob es ein Zufall ist, dass sich die Vandalen an ihnen vergriffen, oder ob eine Geistesverwandtschaft zwischen Tätern und Opfern besteht, wage ich nicht zu entscheiden.

Inzwischen ist mein Zorn über die Zerstörung etwas verraucht. Dazu beigetragen hat sicher, dass die Herstellerfirma Ersatzmodelle lieferte. Meine Mitarbeiter und ich wollen uns jedenfalls die Freude an der gelungenen Ausstellung nicht vermiesen lassen. Doch die Frage bleibt: Wer tut so etwas? Beinahe hätten wir es erfahren; eine Frau in Muttenz alarmierte in der Tatnacht die Polizei, nachdem sie ein Moped gesichtet hatte, aus dessen Anhänger ein Dino guckte. Doch die Täter entkamen und warfen ein Modell in die Birs, die es in den Rhein spülte, wo es entdeckt wurde. Das andere Modell wurde nicht gefunden.

Mehr als 100 Beileidsbriefe

Sicher ist, dass sich die Zerstörer mit ihrem sinnlosen Akt keine Freunde gemacht haben. Ihre Attacke hat allgemeine Empörung hervorgerufen und ist zum Stadtgespräch geworden. Der Vandalenakt beherrschte eine Woche lang die Leserbriefspalten. Regionale und nationale Medien berichteten darüber. Über 100 Briefe erreichten uns – sie waren meist im Stil von Beileidskarten abgefasst.

Das war selbst für mich als langjähriger PR-Fachmann der Migros neu: Zum ersten Mal wurden wir als Opfer wahrgenommen. Ansonsten werden wir meist in die Rolle des Täters gedrängt. Die neuen Verhältnisse fielen natürlich auch meinen Kollegen in anderen Unternehmen auf. Einer fragte mich im Scherz, ob ich die Dinos nicht etwa selber geklaut hätte. So viel Publizität und Goodwill erreiche man mit den üblichen PR-Mitteln ja nie.

Quelle: Ursula Meisser
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