Anfang Jahr war ich in Gersau am Silvesterlauf – wir Senioren wanderten. Plötzlich riss etwas am Fuss. Zuerst dachte ich, ich hätte die Schuhsohle verloren. Es war aber die Achillessehne. Gerissen. Darum konnte ich im März nicht wie seit 30 Jahren am zweitägigen internationalen Gebirgslauf in der Lenk teilnehmen. Und deshalb konnte ich die Schneewechten dieses Jahr schlecht beobachten. Aber ein Freund hat mir erzählt, dass es Nordwindwechten hatte. Die Bise hat den letzten Winter regiert: Da wusste ich, dass es kein nasser Sommer wird. Die Winterwinde bestimmen das Wetter bis weit in den Sommer hinein.

Das Hochwasser Ende August sah ich aber erst wenige Tage im Voraus kommen. Drei Tage vor dem Unwetter stiegen die grossen Schnecken bis zu eineinhalb und die kleinen Schnecken sogar zweieinhalb Meter den Stamm meiner Gartentanne hoch. Das ist eine ausserordentliche Höhe und verheisst Regen, viel Regen. Dass es aber so viel Niederschlag geben würde, wusste ich natürlich nicht. Immerhin hatte ich in meiner Halbjahresprognose geschrieben, der Nachsommer werde dem Elektrizitätswerk Freude machen – mit viel flüssigem Gold.

Kinder und Hühner verraten Regen
Ich halte es zu Hause nicht länger aus als zwei oder drei Tage. Dann muss ich raus in die Natur, um zu wandern. Ich entdecke immer wieder etwas Neues, auch wenn ich die gleichen Wege gehe. Das lernte ich schon als Kind. Meine Eltern waren Bauern. Ich musste jeweils nach der Schule auf unsere Alp Bodelose und von dort aus das Heu ins Tal tragen. Zwei Stunden Marsch. Mein Vater hat mich jeweils den Weg wählen lassen. Ich solle nur die Schnecken, Winde und Wolken beobachten, dann wisse ich schon, ob es Regen gebe und welcher Weg der richtige sei.

Meine Mutter konnte die Zeichen noch besser lesen. Von ihr lernte ich die Bedeutung der Ameisen. Rennen sie zum Beispiel herum, ohne Lasten zu tragen, gibt es Regen. Und fliegen die fliegenden Ameisen, gibt es ebenfalls Regen. Meine Mutter hat auch auf die Hühner und uns Kinder geschaut. Wenn wir oder die Hühner abends nicht ins Haus kommen wollten, schloss sie auf Regen. Klar – weil wir instinktiv wussten, dass wir den schönen Abend noch geniessen mussten, bevor das Wetter umschlug.

Zu viele Sprüche geklopft
Interessant ist auch, dass die Vögel am Ende ihres Pfiffs andere Töne anhängen, wenn ein Gewitter im Anzug ist. Früher mussten die Bauern auf solche Zeichen achten, weil sie für die Heuet ohne Maschinen sehr viel länger brauchten und keine Radioprognose hören konnten. Und würden die Wanderer heute die Zeichen der Natur besser beobachten, gäbe es weniger Bergunfälle.

Das Bisewetter hat dieses Jahr auch den Herbst bestimmt und goldig werden lassen. Da lagen alle sechs Muotataler Wetterfrösche richtig. Aber mit einer Trefferquote von 85 Prozent habe ich bei unserer internen Rangliste den ersten Platz belegt – wie schon etliche Male in den bald 60 Jahren, in denen ich dem Verein der Innerschwyzer Meteorologen angehöre. Ich war auch zehn Jahre Vereinspräsident, gab das Amt letzten Herbst aber ab: Man hat zu viele Sprüche geklopft und zu wenig genaue Arbeit geliefert. Da konnte ich nicht mehr dahinterstehen. Einer sagte etwa, es gebe da und dort Schnee über Weihnachten. Das ist doch keine Prognose!

Im Oktober habe ich auf meinen Wanderungen kaum Alpenrosen oder gelben Enzian gesehen, die schon geknospt hätten. Das ist ein Zeichen, dass es 2006 einen eher frühen Frühling geben wird, der Winter also kurz ist. Als ich in Zürich unten am Waffenlauf mitwanderte, sah ich, dass dort das Laub teilweise schon am Boden lag. Der Winter kommt dies Jahr vom Tal, sagte ich. Und siehe da: Es hat in Zürich früher geschneit als im Muotatal.

Der Winter wird dieses Jahr kalt, aber es gibt wenig Schnee, weil die Bise weiter regiert. Für weisse Weihnachten im Mittelland wirds nicht reichen, denn um Weihnachten warmet es irrsinnig gern. Der Januar wird sehr kalt werden. Der Februar bringt die ersten Zeichen von Frühling, bevors nochmals kalt wird. Auch der März bleibt kühl. Die Bäume haben diesen Herbst ihr ganzes Laub aufs Mal fallen lassen, das lässt auf einen schönen Frühling schliessen. Über Ostern wird es aber veränderlich – mit wenig Sonne.

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Ohne Regenschutz im Gewitter
So richtig verhauen habe ich mich noch nicht sehr häufig. Einmal habe ich in der Fernsehsendung «Traumpaar» behauptet, man könne im Dezember vom Stoos bis ins Tal hinunter Ski fahren. Just in jenem Jahr stimmte das nicht. Und einmal stieg ich ohne Regenschutz auf den Mythen. Im Gewitter hatte ich nur den Regenschirm dabei, der bei Wind wenig nützt.

Ich beobachte die Natur gern, merke mir Sachen, die mir auffallen, und schaue, ob sich daraus im nächsten Jahr etwas ableiten lässt. Haben sich solche Zeichen drei oder vier Jahre lang bewährt, vertraue ich ihnen. An Allerheiligen habe ich dieses Jahr zum Beispiel das Gleiche beobachtet wie letztes Jahr. Ich verrate aber nicht, was es ist. Geschäftsgeheimnis.