Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte zwar schon, dass wir von der Bevölkerung hier in Bellinzona unterstützt würden. Aber das, was wir dann mit unserem Streik ausgelöst und bewegt haben, hat mich doch überwältigt: Aus dem ganzen Kanton kamen Sympathisanten, um uns im Kampf gegen den Stellenabbau bei SBB Cargo zu helfen. Sie sammelten für uns Geld, sie haben für uns gekocht und Kuchen gebacken. Ganze Familien, Schulklassen und Studentengruppen haben uns besucht, uns Mut zugesprochen und Geld gespendet.

Der Bischof, die Politikerinnen und Politiker, alle stehen hinter uns. Für mich ist klar warum: Im Tessin hat fast jeder Verwandte oder zumindest Freunde bei der Bahn. Mein Vater war auch Lokführer, und ich bin mit 16 Jahren zu den SBB gekommen, war Stationsbeamter, habe Signale gestellt, Züge abgefertigt. Seit 1989 bin ich Sekretär im Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verband (SEV) und habe den jahrelangen Kampf um die SBB-Arbeitsplätze im Tessin hautnah miterlebt.

Ich weiss darum auch, dass der Streik Ergebnis einer langen und traurigen Geschichte war: Bereits während der Tessiner Session des Nationalrats im März 2001 setzten wir Bähnler uns mit einer Petition zur Rettung der Arbeitsplätze in den Werkstätten, den sogenannten «Officine», ein. In der Deutschschweiz hat man das jedoch einfach ignoriert. Erst jetzt, durch den Streik, nimmt man unsere schwierige Situation zur Kenntnis.

Arbeitskampf mit Vergangenheit
Für uns geht es um mehr als nur die Rettung von Arbeitsplätzen; es geht ums Überleben einer ganzen Region, um den Stolz eines Kantons. In Bellinzona entstanden in den 1883 eröffneten Officine auch die ersten Gewerkschaften des Tessins, und es begann der Kampf um bessere und gerechtere Arbeitsbedingungen. Die Stadt ist mit der Bahn gross geworden; die Werkstätten sind eine tragende Säule für die Familien. Noch heute sind sie der grösste industrielle Arbeitgeber des Kantons.

Das erklärt vielleicht auch, dass selbst die rechtsbürgerliche Stadt Lugano 80'000 Franken für unsere Streikkasse stiftete. Ich denke, diese riesige Solidarität hat mit unserer Identität zu tun: Viele hier im Tessin fragen sich nämlich, ob wir überhaupt noch zur Schweiz gehören. Jedenfalls fühlen wir uns wie «la cenerentola», das vernachlässigte Stiefkind der Schweiz - sei es in der Politik, bei Bundesratswahlen oder bei wirtschaftlichen Beschlüssen. Immer dann, wenn der Bund Umstrukturierungen vornimmt und Stellen bei Staatsbetrieben abbaut, trifft es uns am stärksten. Seit Anfang der neunziger Jahre haben Post, SBB und Swisscom im Kanton Tessin fast 3000 Stellen gestrichen, obwohl wir gute Arbeit leisten.

Das Schlimme für mich ist, dass die Verantwortlichen nie mit offenen Karten spielen: Ich erinnere mich gut, dass es seitens der SBB immer hiess, der Standort Bellinzona sei für die SBB-Hauptwerkstätte ideal - weil sie auf der Nord-Süd-Achse liegt. Letztes Jahr kam der damalige Cargo-Chef, Daniel Nordmann, noch zu uns und sagte, Bellinzona werde als Kompetenzzentrum gestärkt. Mitte Februar haben wir dann aus der «Berner Zeitung» erfahren, dass Bellinzona geschlossen wird. Der Lokomotivunterhalt komme nach Yverdon, der Rest werde ausgelagert und privatisiert. Es seien schon alle Beschlüsse gefasst. Ohne mit uns zu reden!

Natürlich habe ich auch Verständnis für die Probleme der Bahn mit dem Güterverkehr und dafür, dass sich SBB Cargo auf dem Markt behaupten muss. Doch wir Tessiner haben den Preis für den Umbau von Bundesbetrieben längst bezahlt und wollen nun nicht auch noch für die Fehler der Manager büssen.

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Vernichtung von Know-how
Bei der Bahn sind teure Berater am Werk, die am Schreibtisch Statistiken erstellen, die alles und jedes beweisen - je nach Vorgabe. In der Theorie stimmt immer alles. Dabei geht es gar nicht um Zahlen, sondern um Menschen: Wo sollen 130 Leute eine neue Stelle finden? Ennet dem Gotthard, ohne Deutsch- oder Französischkenntnisse? Oder in Norditalien mit massiv schlechteren Löhnen, die für den Unterhalt der Familie in der Schweiz nicht ausreichen? Bei uns in den Officine arbeiten hochqualifizierte Spezialisten. Die Schliessung dieser Werkstätten wäre deshalb auch eine massive Vernichtung von Know-how beim Lokomotivunterhalt.

Die SBB wollten das nicht einsehen und haben ihre Massnahmen lediglich sistiert. Bei einem Scheitern der Verhandlungen hätte dies bedeutet, dass die Werkstätten geschlossen worden wären. Nun haben wir erreicht, dass die Massnahmen aufgehoben wurden und wir offen verhandeln können. Unser Ziel dabei ist klar: Das Arbeitsvolumen soll aus- und nicht abgebaut werden. Das kann durchaus auch unter Mitwirkung Privater geschehen - aber die SBB müssen die Führung behalten, damit die guten Arbeitsbedingungen beibehalten werden.

Gewiss, es gab während des Streiks immer wieder Phasen des Zweifelns. Dann hat uns aber die Unterstützung durch die Bevölkerung und die Tessiner Regierung immer wieder gestärkt. Nun fühle ich mich erleichtert. Wir haben mit dem Rückzug der SBB-Massnahmen etwas Wesentliches erreicht. Doch jetzt beginnt der schwierigere Teil, nämlich unsere Forderungen zu festigen.

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