«Würdest du es nicht freiwillig tun, sollte man dich mit einer therapeutischen Massnahme zur Arbeit am Gericht zwingen», sagte mir kürzlich ein Richter beim Mittagessen; nur so könne ich den Irrsinn des Theaterlebens aushalten. Das stimmt. Ich liebe die Arbeit am Gericht. Es gibt eine Kaffeepause, ein Team und einen Arbeitsschluss um 19 Uhr. Klare Regeln, klare Abläufe. Ich brauche das gelegentlich als Ausgleich zum einsamen Schreiben, zum unsicheren und oft chaotischen Leben am Theater. Deshalb arbeite ich auch als Jurist. Als juristischer Sekretär bereite ich Prozesse vor, sitze im Gerichtssaal, führe Protokoll und verfasse am Schluss die Urteilsbegründungen, die die Richter gutheissen müssen.

Manchmal erlebe ich Szenen, die auch auf einer Bühne spielen könnten, so berührend und dramatisch sind sie. Da ist zum Beispiel ein Mann, der sich gegen die Scheidung wehrt, weil er noch an die Zukunft der Beziehung glaubt. Er erfährt im Gerichtssaal, dass seine Frau bereits zwei Jahre lang akribisch Buch geführt hat über seinen Alkoholkonsum, um das Sorgerecht für das Kind zugesprochen zu erhalten. Die Enttäuschung ist gross, als er realisiert, dass seine Frau den Abgang nicht erst seit drei Monaten, sondern bereits seit zwei Jahren geplant hat.

Oder die psychisch angeschlagene Mutter, die wie eine Löwin um das Sorgerecht für ihr Kind kämpft. So engagiert, dass man unsicher wird und sich fragt, was dem Kind am besten dient, letztlich aber doch gegen die Frau entscheiden muss. Das ist das Thema von Friedrich Schillers «Maria Stuart». Auch da kämpft eine Frau auf verlorenem Posten gegen den Staat.

Zu Gast in Zelle 104
Der Gerichtssaal überzeugt auch als Bühnenbild: Das juristische Personal sitzt hinter den Schranken auf bequemen Stühlen, die Angeklagten oder Zivilparteien dagegen vor der Schranke auf harten Holzstühlen. Zuhinterst das Publikum. Kein Wunder, dass das Theater oft Anleihen aus der Gerichtswelt macht.

Mein allererster Bühnentext entstand aus einer Recherche in der Arbeitserziehungsanstalt in Uitikon ZH. Ich lebte eine Woche in der Zelle 104, machte das Tagesprogramm der Inhaftierten mit und führte lange Gespräche mit ihnen. Am Schluss entstand das Stück «Zimmer100bis», bei dem es darum geht, wie beschränkt unser Bild von anderen Menschen ist. Um die Frage, was man von sich preisgibt, was man nur vorspielt und wie man sich gegenseitig manipuliert.

In einem Punkt ist die Welt des Gerichts deutlich anders als diejenige der Bühne: Richtige Auftritte gibt es keine vor Gericht - das stellen wir uns falsch vor, weil wir von Filmen geprägt sind, wo Richter auch Roben und Perücken tragen und mit dem Hammer Ruhe heischen. Wenn die Parteien den Gerichtssaal betreten, sitzen die Richter schon drin. Die Verhandlungen sind weitgehend Gespräche auf Augenhöhe und nicht Demonstrationen von Macht.

Zivilrechtliche Verfahren wie Scheidungen gehen mir oft viel näher als viele strafrechtliche Prozesse. Ich werde nie fünf Kilo Heroin verkaufen. Deshalb fällt mir da die Abgrenzung leichter. Aber heftigste Konfrontationen zwischen Menschen, die sich ursprünglich nahestanden, berühren mich. Bei Scheidungsverfahren sitzen Leute vor mir - manchmal in meinem Alter -, mit denen ich sofort ein Bier trinken würde, wenn ich sie unter anderen Umständen kennenlernte, die sich nun aber fetzen, vielleicht sogar zulasten der Kinder, dass es einem schlecht werden könnte.

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Die menschlichen Urgewalten
Der strenge Rahmen einer Gerichtsverhandlung ist manchmal die einzige Möglichkeit für zerstrittene Parteien, überhaupt noch miteinander reden zu können. Unter diesen Umständen kommen dann auch archaische Gefühle wie Trauer oder Wut plötzlich an die Oberfläche - das seh ich in den Gesichtern. Es wird häufig geweint und geseufzt, aber selten geschrien. Wie oft habe ich mir gewünscht, dass die Parteien nochmals in aller Ruhe miteinander reden könnten, statt sich um Geld und Sorgerechte zu streiten. Aber wenn Scheidungen vor Gericht gelangen, sind meist jahrelange Streitigkeiten vorangegangen. Da sind offene Gespräche eine Illusion.

Es gibt natürlich Ausnahmen: Letzthin haben wir um 10 Uhr ein älteres Ehepaar geschieden, das mir sehr sympathisch war. Als ich um 16 Uhr in den Gang trat, um zwei Parteien in den Gerichtssaal zu bitten, sassen die beiden frisch Geschiedenen noch immer in einer Nische und waren innig am Diskutieren. Ich hab nicht weiterverfolgt, ob sie kurz darauf wieder geheiratet haben.

Klar bin ich manchmal ein Exot in der Welt der Richter und Anwälte. Doch auf der 8. Abteilung am Bezirksgericht Zürich, auf der ich arbeite, fühle ich mich aufgehoben wie in einer Familie. Die Richter schauen sich meine Stücke an, kritisieren oder loben sie.

Nach meinen fünf Monaten hier am Gericht gehe ich Ende August zurück nach Deutschland, wohl nach Mannheim. Dort bin ich Hausautor des Schauspielhauses. Fürs Schauspielhaus Zürich schreibe ich ein Auftragsstück, und mit einem Freund arbeite ich an einem Dokumentarfilm - bis mir Freiheit, Chaos und der Druck zur ständigen Kreativität wieder zu anstrengend werden. Dann gehe ich wieder für ein paar Monate ans Gericht.

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