Nach meinem ersten Auftritt in einem Kindergarten im Kosovo war ich den Tränen nahe. Das Kriegselend stand diesen Kindern zum Teil noch ins Gesicht geschrieben und erschütterte mich. Mir war klar: Ich musste mich mit meiner Funktion identifizieren und gleichzeitig auch psychisch abgrenzen. Also lernte ich, mit dieser Herausforderung umzugehen. Es erfüllt mich mit Freude, dass ich als Hauptmann und Milizoffizier der Schweizer Armee in meinen Missionen als Zauberer die Mädchen und Buben für eine halbe Stunde aus ihrem Alltag herausreissen kann. Der Glanz in ihren Augen, das Lachen auf ihren Lippen bereichern und motivieren mich unermesslich.

Dass mir diese Aufgabe zuteil wurde, war ein glücklicher Zufall. Ich war wohl einfach zur richtigen Zeit mit den richtigen Fähigkeiten am richtigen Ort. Ich hatte eine Vision und einen militärischen Chef, der das Potenzial solcher Einsätze erkannte und mir die Chance und die nötige Unterstützung dazu gab.

Keine Knalleffekte, kein Feuer
Mittlerweile habe ich in sechs Einsätzen mit insgesamt gegen 100 Vorstellungen vor rund 10'000 Kindern gezaubert und Kfor-Truppen verschiedener Länder unterhalten. Als einziger Truppenbetreuungsoffizier bin ich die wahrscheinlich kleinste «Einheit» der Armee, ein Einmannbetrieb eben.

Als Zauberer spüre ich überall einen enormen Goodwill. Besonders erfreut hat mich die Aussage eines Ex-Kommandanten der Kfor, General Fabio Mini: «Jetzt verstehe ich das Schweizer Milizsystem. Die Schweizer haben einen Hauptmann, der Zauberer ist.»

Ich habe versucht, ein recht anspruchsvolles Kinderprogramm zusammenzustellen, das betont visuell, einfach verständlich und doch nicht kindlich-kitschig ist. Die Kinder werden oft unterschätzt. Natürlich muss man auch über Kultur und Mentalität der Bevölkerung ein wenig Bescheid wissen. Ich höre aufmerksam zu und akzeptiere die Regeln vor Ort, auch wenn sie nach unserem Verständnis zum Teil nur schwer nachvollziehbar sind.

Bei der Auswahl der Kunststücke für Kinder bin ich besonders vorsichtig. Ich setze kein Feuer ein, lasse es nicht knallen und biege keine Löffel, um nicht Angst zu erzeugen. Viele Kosovaren glauben an die Macht der Zauberei. Besonders eindrücklich war der Besuch einer Schule mit mehr als 50 Vollwaisen. An der Schulhausmauer sind die Einschusslöcher noch immer sichtbar. Wie sollen diese Kinder das Erlebte jemals vergessen können?

Normalerweise trage ich einen Kampfanzug, aber keine Waffe. Der Zauberstab ist meine wirkungsvollste Waffe. Für die Kinder ziehe ich mich um und trete in schwarzer Hose und weissem Hemd auf. Ich begrüsse sie immer mit den Worten: «Ich bin ein Zauberer aus der Schweiz.» Die meisten sehen zum ersten Mal in ihrem Leben live einen Magier.

Ohne Unterstützung geht es nicht. Mir steht jeweils ein Übersetzer zur Seite. Bei meinen Auftritten spreche ich deutsch, der Sprachmittler übersetzt ins Serbische oder Albanische, und ich führe möglichst simultan das Kunststück dazu aus. Diesem durch die Übersetzung verlangsamten Ablauf können die Kinder leicht folgen. Ich achte immer darauf, dass ich Szenen, die ich sprachlich nicht hervorheben kann, mit der Gestik zusätzlich unterstütze. Zweimal gastierte ich mit meinem Programm auch schon in der Gehörlosenschule in Prizren – eine anspruchsvolle, aber sehr dankbare Herausforderung.

Ich beziehe die Kinder so oft als möglich in meine magische Reise um die Welt mit ein. Mein Maskottchen ist Rocky, ein Pelztier, das in meinen Händen lebendig und bei den verschiedenen Zwischenstationen aktiv wird. Der Zauberspruch «Tschiribu – tschiriba» zieht sich wie ein roter Faden durch das Stück und reisst die Kinder mit. Oft stehen sie nach Schulschluss, wenn wir ins Camp Casablanca zurückfahren, am Strassenrand und winken uns zu: «Tschiribu – tschiriba.»

«Zaubere uns mal Geld herbei»
Oft werde ich von Erwachsenen gebeten, Geld zu zaubern. Wenn ich während der Show aus einer halbierten Zitrone eine Banknote herauszupfe, wollen alle sofort wissen, wo diese Bäume wachsen. Unter den Einheimischen ist der Aberglaube noch weit verbreitet. Manche glauben, dass meine Zauberkraft von Generation zu Generation weitergegeben wird. Sie können sich nicht vorstellen, dass ich die Tricks über Jahre hinweg einstudiert habe, bis ich 2000 Schweizer Meister im Tischzaubern wurde. Während ich im Alltag als Inhaber der Zürcher Firma Meister Silber mit offenen Karten spielen muss, kann ich beim Zaubern auch auftanken.

Im Dienste der Schweizer Armee betrachte ich mich als eine Art Botschafter, der Freude und Ablenkung vermitteln, Brücken schlagen und Goodwill schaffen kann, bei der Bevölkerung und auch bei den Truppen der Swisscoy und der Kfor. Ich bin dankbar für die Offenheit und die Unterstützung der Schweizer Armee.

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