Noch nie habe ich so viele fröhliche Menschen gesehen wie beim grossen Stromausfall der SBB. Das ist doch schräg! Als hätten alle gedacht: Jetzt steht die Welt endlich mal still. Die Leute sassen fest und hatten Zeit, miteinander zu reden, zu lachen und zu hören, was der andere für einer ist. So vieles wurde damals möglich. Das fehlt mir sonst, im ganz alltäglichen Wahnsinn. Diesem keine Chance zu geben, das ist meine Aufgabe.

300 bis 500 Leute, darunter auch Moslems, Hindus, Buddhisten und Juden, besuchen jeden Tag unsere Kapelle im Zürcher Hauptbahnhof, die von der katholischen und der reformierten Kirche gemeinsam getragen wird. Fünf bis zehn Menschen täglich kommen zu einem Gespräch. Wir von der Seelsorge beobachten, dass die meisten unter dem heutigen Tempo leiden. Daran sind wir alle beteiligt; sogar mir kann der Computer nicht schnell genug sein! Wir müssen langsamer werden.

Schweizer geben zu schnell auf
Die Gesellschaft ist nicht mehr nett. In den letzten beiden Jahren waren viele hier, die sich im Job nur noch als Manövriermasse und Kostenfaktor erleben. Das ist doch verrückt: Man nimmt sich gegenseitig nicht mehr wahr, und das schlägt bis in die privaten Beziehungen durch. Die sind unglaublich oberflächlich geworden. Zum Beispiel kommt eine Frau, weinend, vom Freund verlassen. Ich frage, warum sie damit nicht zu ihrer besten Freundin geht. Sie sagt, Kolleginnen habe sie 150, aber mit denen würde sie nie darüber reden. Man merkt, dass viele ihre drei, vier wirklichen Freundschaften nicht mehr pflegen. Solche Menschen öffnen sich hier sehr schnell - sie haben sonst niemanden.

Am 11. September und nach dem Attentat in Zug kamen viele, die davon gehört hatten, direkt hierher. Was ich bei solchen Katastrophen tue? Aktiv zuhören, die Erschütterung teilen, innehalten. Und wissen lassen: Das macht uns nicht kaputt, und wir können sogar darüber reden. Bei Menschen mit persönlichen Konflikten fällt mir auf, dass sie meist zu eindimensional denken. Wie beim biblischen «Bist du für, bist du wider mich?». Aber es gibt immer mehr als zwei Möglichkeiten - die Leute haben das verlernt und leisten sich auch nicht mehr Versuch und Irrtum. Ich komme mir dann vor, als müsste ich die Erlaubnis erteilen, Fehler zu machen. Meine Botschaft ist: Du musst nicht perfekt sein und hast viel mehr Möglichkeiten, als du dir zugestehst. Überhaupt geben wir Schweizer zu schnell auf und schlucken wahnsinnig viel. Ich sage den Leuten oft: Jetzt ist es Zeit zu handeln. Wenn aber jemand seine Blockaden kultiviert, kann ich nur noch für ein Wunder beten.

Man muss sich selbst gern haben. Mich besucht regelmässig ein Mann, kein bösartiger, der aber schon einige Jahre im Gefängnis war und von sich sagt: Ich mache alles, was der liebe Gott verboten hat, aber ich bin immer guter Dinge. Das mag ärgerlich sein, doch er hat etwas erkannt, was andere verdrängen. Und das kann kein Gefängnisaufenthalt ändern.

Wir haben hier einen Spiegel der Gesellschaft: Drögeler, Alkoholiker, Angestellte, Arbeiter, Chefs, Frauen im Deuxpièces. Die Hälfte hat mit der Kirche noch was am Hut, der Rest macht nicht mehr mit. Aber das heisst nicht, dass sie nicht mehr glauben - zwei Drittel möchten einen persönlichen Segen oder ein Gebet.

Psychisch Kranke sind etwas übervertreten - der Bahnhof zieht die an, denn sie fühlen sich hier weniger einsam. Ich liebe solche Leute. Wie sie Dinge anpacken, ist oft kreativ, auch wenn sich ihre Psychiater wohl die Haare raufen. Etwa der Mann, der Zeitungsausschnitte sammelt und die Weltverschwörung darlegt. Er zieht Parallelen, die man durchaus sehen kann, ist aber unfähig, die Fülle der Informationen zu filtern. Der kann alles über die Connections von Bush erzählen, hört aber nicht mehr auf damit. Trotzdem: Das gefällt mir, solche Leute sind auch Kinder unserer Welt. Oder der Punk, der kommt, weil er Hunger hat. Wir gehen dann mit ihm einkaufen. Für den Hund nimmt er das Beste, für sich nur M-Budget, und er braucht nur 12 von den 15 Franken, die wir ihm zugestehen. Solche Bescheidenheit beschämt mich. Punks regen uns auf der Strasse vielleicht auf - redet man aber mit ihnen, merkt man: Hey, die ticken nicht so falsch!

Manchmal kommt auch jemand, um seine Freude zu teilen. Wie die junge Frau, die mir berichtet, dass sie gerade die kaufmännische Prüfung bestanden habe. Irrsinnig, dass Sie mir das erzählen, sage ich ihr, aber warum kommen Sie zu mir? Antwort: Meine Eltern hatten keine Zweifel, dass ich bestehe, und die freuen sich vielleicht nicht besonders, aber Sie freuen sich!

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Gott hat einen Fehler gemacht
Wenn die Arbeit gut läuft, merke ich, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe. Kommen aber viele mit Blockaden, träume ich schon mal davon, den Bettel hinzuschmeissen. Mir gehts wie allen: Wir brauchen grenzenlos Lob und können uns im Misserfolg suhlen. Das passiert einfach mit uns. Dann habe ich aktive Auseinandersetzungen mit dem lieben Gott, denn hier hat er beim Einrichten des Menschen einen Fehler gemacht. Ich rede gern mit ihm über solche Sachen. Wie Don Camillo denke ich manchmal, ich könnte ihn austricksen, aber dann lässt er mich reinrasseln, lacht und sagt: Jetzt sind wir wieder quitt!