Wenn ich als Aufseher einer Strafanstalt in Aktion trete und die Jugendlichen anschnauze, beim Betreten dieses Raums werde angeklopft, wissen sie nichts über meine Person und mein Vorleben. In diesem Rollenspiel ziehe ich jeweils eine Show ab.

Meine Auftritte finden im Rahmen des Religionsunterrichts statt: Zusammen mit Jugendarbeitern engagiere ich mich in Projekten zum Thema Gewaltprävention mit. Dabei mime ich jeweils eine zackige Autoritätsperson, die den jungen Spielverderbern den Tarif durchgibt: Ich poche auf strikte Anstandsregeln, verhänge ein generelles Redeverbot und verknurre Renitente auch mal zu 20 Liegestützen. Die Aufseherrolle überzeichne ich absichtlich mit militärischem Drill, wie ich ihn in der Armee als Grenadier eingeimpft bekam.

Wenn mich der Jugendarbeiter in der folgenden Gesprächsrunde als Ruedi Szabo vorstellt, der gleich über einen besonderen Abschnitt seines Lebens berichten wird, quatschen die 16- bis 17-Jährigen in der Regel unbeeindruckt weiter. Dann übernehme ich die Regie: «Ich, Ruedi Szabo, Vater von fünf Kindern, wurde 1996 verhaftet und zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt. Bis zum Abschluss der Untersuchung sass ich eineinhalb Jahre in Isolationshaft.» Alle verstummen jetzt und richten ihren Blick ungläubig auf mich, als wollten sie sich vergewissern: «Bist du wirklich ein Verbrecher?»

Finanzprobleme stachelten zur Tat an
Sobald ich dann die Jugendlichen frage, welche Art von Straftat sie mir zutrauen würden, ist das Eis gebrochen. Alle möglichen Delikte kommen zur Sprache: Drogenhandel, Körperverletzung, Sexualverbrechen, Betrügereien.

Der kriminelle Tatbestand lässt sich kurz fassen: Im November 1995 reichte ich die Scheidung ein, worauf meine Frau für sich und die fünf Kinder eine monatliche Unterstützung von 6200 Franken forderte. Gleichzeitig kündigte mir die Bank den Kredit. Bald stand ich mit meinem Baugeschäft vor dem Ruin und musste Angestellte entlassen. Sie hatten für meine berufliche und private Situation Verständnis und teilten auch meine Wut und Frustration, als ich witzelte, ich könnte mir ja das Geld eigenmächtig bei der Bank beschaffen - immerhin sei ich ja als ehemaliger Unteroffizier der Grenadiere im Nahkampf durchaus geübt.

Als mir dann drei Mitarbeiter ihre Unterstützung zusagten, wurde aus dem Spass Ernst. Bis zu meiner Verhaftung am 14. Februar 1996 überfielen wir sieben ländliche Bankfilialen und Poststellen. Die Beute betrug 400'000 Franken. Glücklicherweise fiel nie ein Schuss.

Fix und fertig nach der Isolationshaft
Es kann vorkommen, dass sich in der Gruppe Jugendliche melden, die schon einmal wegen einer Dummheit festgenommen wurden und das quasi als Mutprobe oder Heldentat hinstellen. Die geben jeweils sehr schnell klein bei, wenn ich schildere, wie ich nach eineinhalb Jahren Isolationshaft auf dem Zahnfleisch ging und eine tiefe Sehnsucht verspürte, wenigstens wieder einmal jemanden im Arm zu halten.

«Wer von euch schaut gerne Krimis und Actionfilme an?» Auf diese Standardfrage schnellen meist fast alle Hände in die Höhe. Frage ich dann, wer sich dabei auch Gedanken über die Opfer mache, die gefangen genommen, gequält oder erschossen werden, herrscht in der Regel betretenes Schweigen. Hier knüpfe ich an meine persönliche Auseinandersetzung mit den Opfern an. Viele standen Todesängste aus, als ich sie mit meiner Armeepistole in Schach hielt. Die sind jetzt ein Leben lang traumatisiert.

Mit den Opfern persönlich Kontakt aufzunehmen und sie um Verzeihung zu bitten ist für mich Teil der Therapie. Als Krimineller muss man aber auch Verständnis haben für ihre ablehnende Haltung. Trotzdem bleibt die Hoffnung auf Versöhnung bestehen. Ich ermutige die Jugendlichen, auf Menschen, die sie körperlich oder seelisch verletzt haben, zuzugehen, ihnen in die Augen zu schauen und zu sagen: «Es tut mir Leid.»

Auf meine Lebensgeschichte reagiert die Gruppe mehrheitlich mit Anteilnahme, die Mädchen geben sich gefühlsbetonter als die Jungs. Es ist erstaunlich, wie konzentriert die meisten auf meine Vergangenheit eingehen und sich bewusst werden, dass es hilfreich ist, in einer vermeintlichen Sackgasse das Gespräch mit Angehörigen, Bekannten oder Fachleuten zu suchen. Ich selber war damals zu verletzt, fühlte mich privat und beruflich als Versager und verrannte mich in Feindbilder.

Am Anfang musste ich mir Mut zureden, vor eine Klasse hinzustehen und über die grösste Dummheit meines Lebens zu reden. Mittlerweile verstehe ich diese Art von Jugendarbeit auch als persönliche Wiedergutmachung.

Zum Abschied ein Handschlag als Dank
Zurzeit bin ich intensiv auf der Suche nach einer Stelle in einer Institution oder einem Heim, um berufsbegleitend eine Ausbildung als Sozialpädagoge zu absolvieren. Später möchte ich mit Jugendlichen Filmprojekte realisieren.

Am eindrücklichsten sind die Reaktionen am Schluss der dreistündigen Gruppenarbeit, wenn ich mich in eine Ecke zurückziehe und es allen freistelle, ob sie sich von mir verabschieden wollen. Die meisten drücken mir die Hand und bedanken sich. Nicht selten lassen sie einen Spruch fallen wie: «Machsch aber kei Seich mee.»

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