Den 4. Oktober des vergangenen Jahres werde ich nie vergessen: Eine Katastrophe jagte die andere. Ich stand auf der Bühne des grossen Saals im Hotel Spirgarten in Zürich und wartete auf den Einsatz der Musik zu meiner Tanzperformance. Ich war total nervös. Da spielte der Discjockey die falsche Musik ein.

Ich wurde wütend, stieg von der Bühne herunter und sagte meinen zwei dominikanischen Freunden Antonio und Orlando, dass ich nach Hause gehe. Die beiden überredeten mich jedoch zu bleiben. Also zeigte ich dem DJ nochmals genau, welches meine CD war, und wir starteten einen weiteren Versuch.

Schliesslich klappte alles – und ich wurde zum «Mister Latino» gewählt. Es war einfach herrlich! Das Publikum war begeistert, klatschte und jubelte mir zu.

Hoffen auf Modelkarriere
Ich war vollkommen überrascht, dass ich den Titel erhielt – und darüber hinaus auch noch zum «Mister Típico» ernannt wurde, zum besonders echten Latino. Als Gewinn erhielt ich 600 Franken, einen Computer und eine Reise für eine Person nach Brasilien. Dummerweise ging das Kuvert mit dem Geld im ganzen Trubel der Preisverleihung verloren.

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Den Wettbewerb «Miss Latina/Mister Latino» gibt es seit fünf Jahren. Antonio, Orlando und ich hatten uns zu dritt angemeldet – einfach weil wir Spass haben wollten. Meine beiden Freunde wollten zu einem Musikmix singen. Ich dagegen bereitete eine eigene Tanzchoreografie vor. Als wir dann an der Veranstaltung unsere Mitbewerber sahen, rechneten wir uns überhaupt keine Gewinnchancen aus.

Ich bin der erste Dominikaner, der gekürt wurde – das macht mich besonders stolz. Vom Titel erhoffe ich mir, vielleicht mal als Fotomodell gebucht zu werden.

Ich wurde am 18. Mai 1982 in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, geboren. Meinen Vater kenne ich nicht. Als ich noch ganz klein war, lernte meine Mutter einen Schweizer kennen, heiratete ihn und zog mit ihm nach Zürich. Mein drei Jahre älterer Bruder Alberto und ich blieben bei Familienangehörigen in Santo Domingo zurück. Ein paar Monate später holte mich meine Mutter in die Schweiz.

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Ich besuchte in Zürich den Kindergarten und zwei Jahre die Primarschule. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie hilflos ich mich am Anfang fühlte, weil ich von der fremden Sprache kein Wort verstand. Dass ich heute so gut Schweizerdeutsch spreche, habe ich vor allem diesem ersten dreijährigen Aufenthalt in der Schweiz zu verdanken.

Als Achtjähriger reiste ich zurück nach Santo Domingo und lebte dort mit meinem Bruder und einer Angestellten im Haus meiner Mutter. Mit 17 kam ich erneut nach Zürich. Zuerst lernte ich in einer Sprachschule Schriftdeutsch, dann trat ich ins Gymnasium Rämibühl ein.

Das war eine Riesenumstellung für mich, denn in meiner Heimat gehen die Schülerinnen und Schüler nur vormittags oder nachmittags in die Schule. In der Schweiz ist es ganz anders: Den ganzen Tag die Schulbank drücken und dann noch Hausaufgaben machen – das war einfach zu hart für mich.

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Ich wechselte in die Sekundarschule, und nach dem Schulabschluss begann ich eine Lehre als Koch in einem Restaurant in Glattbrugg. Letzten September brach ich sie jedoch wieder ab. Ich hatte mir die Ausbildung anders vorgestellt – abwechslungsreicher und nicht so streng. Jetzt möchte ich Fitnessberater werden. Dieser Beruf interessiert mich, weil ich selbst regelmässig Krafttraining mache.

Dominikanerinnen und Dominikaner in der Schweiz haben einen schlechten Ruf. Man sagt, die Frauen seien Prostituierte und die Männer handelten mit Drogen. Das stimmt nicht. Natürlich gibt es einige Landsleute, die ihr Geld nicht mit ehrlicher Arbeit verdienen. Die Dominikaner haben heisses Blut, da kann es schon einmal zu Problemen kommen. Ich selber gehe Ärger aus dem Weg.

Schweizer arbeiten viel
Von der Berufsschule kenne ich viele Leute, vor allem Schweizer und ein paar Asiaten. Mit ihnen bin ich manchmal auch privat zusammen. Aber im Herzen bin ich durch und durch Dominikaner. Wenn ich zum Beispiel hier in der Schweiz mit meinen Landsleuten Weihnachten feiere, fühle ich mich sofort wie zu Hause, weil das Ambiente gleich ist wie in Santo Domingo. Diese Stadt ist meine Heimat, auch wenn ich heute nicht mehr dort leben möchte. Trotzdem fehlt mir Santo Domingo sehr – vor allem habe ich Sehnsucht nach den Freunden, die ich dort zurückliess.

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An der Schweiz schätze ich, dass sie ein grosses Ausbildungsangebot bietet und man beruflich viele Möglichkeiten hat. Die Schweizerinnen und Schweizer arbeiten viel, und sie halten sich genau an die Gesetze – zum Beispiel an die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Strassen. In der Dominikanischen Republik hingegen werden die Vorschriften selten eingehalten: Wenn man links gehen sollte, geht man rechts; wenn Abfallkörbe aufgestellt werden, wirft man den Abfall einfach in den Rinnstein.

Am liebsten in Latino-Discos
Schweizerinnen und Schweizer machen sich ständig Sorgen – auch das ist ein deutlicher Unterschied zu meinen Landsleuten. Natürlich haben auch Dominikanerinnen und Dominikaner Ärger, aber sie packen ein Problem nach dem anderen an – und vergessen alles gleich wieder.

Ich bin ein Typ, der gerne Spass hat und viel lacht. Ich gehe oft mit meinen Kollegen aus – an den Wochenenden sowieso, aber auch unter der Woche. Manchmal fahren wir nach Luzern oder Chur an eine Party. Am liebsten verbringe ich die Zeit in Latino-Discos.

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Eine Freundin habe ich im Moment nicht. Ich war einmal mit einer Schweizerin zusammen. Sie war für meinen Geschmack jedoch viel zu zurückhaltend und zu unsicher. Verlieben würde ich mich schon gerne wieder einmal – in eine Frau, die weiss, was sie will, und die wie ich einen starken Charakter hat. Meine Mutter sagt sogar, ich sei stur. Wenn ich etwas sage, dann habe ich eben Recht!