«Muss ein arbeitsloser Bankmanager anders behandelt werden als ein Fabrikarbeiter, eine Putzfrau oder ein Konstruktionsschlosser?» Diese Frage wird mir immer wieder gestellt. Meine Antwort ist klar Nein. Ich behandle alle Leute, die zu mir kommen, zuvorkommend und fair. Es spielt für mich auch keine Rolle, welche Ausbildung jemand hat, welchen akademischen Titel oder welche Nationalität.

Stress und materielle Sorgen

Dennoch ist klar: Der massive Stellenabbau im Kadersegment hat eine neue Klasse von Arbeitslosen geschaffen, denen wir spezielle Massnahmen anbieten müssen. Im Kanton Zürich hatten rund neun Prozent aller registrierten Erwerbslosen zuletzt eine Kaderfunktion.

Einen erfahrenen Kreditmanager kann ich nicht einfach in einen Buchhaltungskurs, einen Softwareingenieur nicht in einen Computerkurs schicken. Darum setzen wir bei den gut Geschulten mehr auf persönlichkeitsorientierte Kurse, wo berufliche Standortbestimmungen oder Potenzialanalysen vorgenommen werden. Wichtig ist, dass bei diesen Kursen der Mix stimmt und Leute mit derselben Wellenlänge in eine Gruppe kommen.

Ich kümmere mich vorwiegend um Akademiker und Fachspezialisten aus dem Banken- und Versicherungssektor. Auch Leute aus Werbung, Marketing und Informatik werden von mir betreut. Diese Leute haben bis anhin sehr gut verdient manche über 100000 und mehr Franken im Jahr und sich weitgehend über ihren Job definiert. Es sind Menschen, die nie daran gedacht haben, dass es auch einmal sie treffen könnte. Die Arbeitslosen, das waren immer die anderen.

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Einige begegnen mir zuerst mit Misstrauen und denken, dass ich sowieso nichts für sie tun könne. Andere sind optimistisch, im Stil: «Mich sehen Sie hier bald nicht mehr, Herr Klingler.» Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie ziemlich gestresst sind. Sie sind es nicht gewohnt, plötzlich nichts mehr zu tun zu haben. Dazu kommen materielle Sorgen: Wenn jemand jahrelang 12000 Franken im Monat zur Verfügung hatte und plötzlich nur noch 80 Prozent des maximal versicherten Verdienstes von 8900 Franken erhält, muss er seine materiellen Ansprüche massiv senken.

Generell gilt: Ein arbeitsloser Finanzspezialist, der fünf Jahre im Management eines internationalen Konzerns tätig war, ist gegenüber einem Hilfsarbeiter im Vorteil, weil er über ein gutes Beziehungsnetz verfügt. Das ist ein Bonus, den man nicht unterschätzen darf. Ich rate deshalb immer, alte Geschäftskontakte zu aktivieren und das berufliche Beziehungsnetz weiterzupflegen. Auch ein befristeter Einsatz auf Freelance-Ebene kann verhindern, dass man im Jobkarussell vergessen geht. Irgendwo, das ist meine Überzeugung, geht immer eine Tür auf. Schliesslich melde ich pro Monat zirka 20 Leute, die wieder eine Stelle gefunden haben, beim RAV ab.

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Viele hoch qualifizierte Arbeitslose sind allerdings zuerst ziemlich überfordert. Manche wissen zum Beispiel nicht, wie ein heutiges Bewerbungsdossier gestaltet sein muss. Das ist logisch, wenn man vor 20 Jahren das letzte Mal eine Bewerbung schrieb. Aber häufig ist es leider auch so, dass Stellensuchende ein perfektes Dossier einreichen, sämtlichen Anforderungen im Inserat entsprechen und trotzdem nichts finden, weil der Markt in gewissen Bereichen einfach ausgetrocknet ist.

Ein 40-jähriger Eventmanager mit Wirtschaftsstudium und MBA (Master of Business Administration) zum Beispiel war nach zwölfjähriger erfolgreicher Tätigkeit in den USA in die Schweiz zurückgekehrt. Locker, dachte er, finde er hier wieder eine Stelle. Nach drei Monaten erfolgloser Suche meldete er sich beim RAV. Als er nach sieben Monaten immer noch nichts hatte, riet ich ihm, flexibler zu werden, Alternativen zu prüfen. «Ich mache alles», versicherte er mir und bewarb sich als Croupier in einem Spielkasino. Er erhielt die Stelle nicht. Begründung: Er sei überqualifiziert.

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Keine heillose Überforderung

Ähnlich erging es dem früheren Chef einer Versicherungsagentur, der sich für eine Stelle als Agent ohne Führungskompetenzen bewarb. Keine Chance. Die Gefahr, dass er bei der erstbesten Gelegenheit kündigen könnte, wurde von der Firma offenbar als zu gross beurteilt.

Weil die grossen Firmen die RAV nicht als primären Partner anschauen, sondern direkt mit ihren Headhuntern zusammenarbeiten, ist es für uns fast unmöglich, Kaderstellen zu vermitteln. Hier stossen wir an Grenzen. Aber heillos überfordert, wie das zurzeit oft in den Medien behauptet wird, sind wir nicht. Die RAV haben sich frühzeitig auf den Anstieg der Arbeitslosigkeit vorbereitet und sukzessive mehr Berater eingestellt.

Stellensuchende, die über Universitätsabschlüsse, anerkannte Diplome, interessante Referenzen und fundierte Fremdsprachenkenntnisse verfügen und sich laufend weitergebildet haben, haben gute Chancen, wieder Tritt zu fassen.

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Gegenseitiges Vertrauen

Schwieriger ist es für Quereinsteiger, die in den neunziger Jahren mit viel Ehrgeiz und Glück die Karrieretreppe hochgeklettert sind und für die Funktion, die sie zuletzt ausübten, zu wenig qualifiziert waren.

Nach einer Entlassung ist es für diese Leute zum jetzigen Zeitpunkt fast unmöglich, wieder eine gleichwertige Stelle zu finden. Ich muss sie auf allfällige Prestige- und Lohneinbussen vorbereiten. Ein Broker, der jahrelang im Herzen von Zürich gearbeitet hat, muss vielleicht ein weniger tolles Büro in der Agglomeration oder gar einem anderen Kanton beziehen.

Obwohl ich derzeit rund 130 Dossiers betreue, fühle ich mich nicht als Aktenverwalter. Bei jedem Gespräch versuche ich, eine gute Atmosphäre zu schaffen.

Mit der Zeit entsteht ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis. Wenn ich zum Beispiel merke, dass jemand eine gute Suchstrategie hat, muss er sich nicht mehr jeden Monat beim RAV melden. Es reicht dann, wenn er nur noch alle acht Wochen vorbeikommt. Mit vielen bin ich auch per E-Mail in Kontakt. Dass jemand bei mir in Tränen ausbricht, kommt selten vor. Die meisten Kaderleute haben ihre Emotionen unter Kontrolle.

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