Als wir mitten im Gewitter den Helikopter kommen sahen, freuten wir uns, es gleich überstanden zu haben. Doch er drehte ab und flog zur Bergstation. Es sollte noch Stunden dauern, bis wir aus der Seilbahn evakuiert wurden.

Seit 23 Jahren fahre ich im Sommer jeden Abend mit der Seilbahn auf die Alp, um unsere Kühe zu melken. Als Senn lebe ich mit dem Wetter. Hätte ich auch nur die geringsten Bedenken gehabt, hätten wir mit der Fahrt gewartet.

Wir sind sechs Sennen auf der Alp und kennen einander schon lange. Die Seilbahn ist unsere Transportbahn. Aber auch Einheimische und Touristen können sie benützen. Sie ist nicht besonders gross, vier Erwachsene haben Platz. In der Regel dauert die Fahrt zehn Minuten. Die Kabine ist nicht rundherum geschlossen, sondern bloss mit Holzlatten verkleidet, da weht es durch alle Ritzen herein. Deshalb haben wir stets warme Kleider dabei, wenn wir mit der Bahn zur Alp hinauffahren.

Die Sturmbö kam wie aus dem Nichts
An jenem Abend stieg ich mit meinem 12-jährigen Sohn und unserer 72-jährigen Milchkontrolleurin in die Bahn. Es war etwa halb sechs. Die Kontrolleurin ist Bäuerin im Tal und kommt einmal im Monat auf die Alp, um Milchproben zu nehmen. Wir wollten gerade losfahren, da sah ich das Auto von Hans zur Talstation fahren. Hans ist ebenfalls Senn auf der Alp. Wir warteten und nahmen ihn und seine 12-jährige Tochter ebenfalls mit.

Wir fuhren los. Anfangs ohne Probleme. Ungefähr 200 Meter vor der Bergstation überraschte uns eine heftige Sturmbö. Sie kam wie aus dem Nichts. Durch den starken Windstoss zog sich das gegenüberliegende Zugseil unter die Kabine. Die Bahn pendelte auf und ab. Wir hofften, dadurch würde sich das Seil wieder lösen. Stattdessen verhakte es sich, und die Kabine blieb in Schräglage hängen. Ich drückte sofort den Stoppknopf.

Inzwischen hatte sich der Himmel schwarz verfärbt, Blitz und Donner nahten mit geballter Ladung. Zum Glück hat die Seilbahn einen Blitzableiter. Minuten später hagelte es, und es regnete in Strömen. Wir waren durch und durch nass.

Um den Kindern und der Bäuerin keine Angst einzujagen, blieb ich ruhig. Auch Hans liess sich nichts anmerken. Die Kabine verfügt über ein Telefon. Ich nahm den Hörer ab und rief den Betriebsleiter in der Talstation an. Nachdem ich ihm geschildert hatte, was passiert war, beschlossen wir, er solle die Bahn ein Stück zurücksetzen. Damit wollten wir die Spannung vom Seil nehmen. Doch kaum hatte sich die Kabine in Bewegung gesetzt, sah ich, wie sich das Fahrwerk vom Tragseil löste. Auf mein Kommando hin stoppte der Betriebsleiter sofort die Bahn. Jetzt ist fertig, dachte ich, allein können wir hier oben nichts mehr tun. Wir alarmierten die Rega.

Gegen sieben Uhr hörten wir die Rotoren des Helikopters. Er flog Richtung Bergstation. Die Rettungsmannschaft konnte mit der Bergung nicht sofort beginnen, da das Gewitter immer noch wütete. Ich war erstaunt, wie diszipliniert die Kinder mit der prekären Lage umgingen. Eine Stunde später verzog sich das Gewitter endlich. Zu unserer Freude folgte ein warmer Wind, und unsere Kleider trockneten.

Um kurz nach acht Uhr seilten sich zwei Männer der Rettungsmannschaft von der Bergstation am Tragseil zu uns ab. Sie waren vom Schweizerischen Alpenclub. Durch ihre professionelle Art fühlten wir uns gleich viel sicherer. Wir würden einzeln abgeseilt, erklärte uns einer der beiden. 100 Meter trennten uns vom Boden. Die Männer befestigten ein Seil an der Kabine. Wir wurden mit einem Karabinerhaken gesichert. Ich ging als Erster hinunter. Man sah nicht viel, es war gegen zehn Uhr und bereits dunkel. Der andere Teil der Rettungskolonne stand unten bereit. Die Kinder hatten sogar noch Spass am Abseilen. Auch die Bäuerin mit ihren 72 Jahren meisterte die Situation mit Bravour. Als wir alle wieder festen Boden unter den Füssen hatten, musste ich erst mal kräftig durchschnaufen. Dort oben hatte ich einfach funktioniert und mich ständig gefragt, ob ich das Richtige mache.

Die Kühe mussten gemolken werden
Die Rettungskolonne brachte uns sicher hinunter. Gegen halb eins erreichten wir die Talstation. Hans und ich gingen nicht nach Hause, die Kühe mussten ja noch gemolken werden. Mit dem Auto fuhren wir so weit wie möglich zur Alp hinauf. Nach einem halbstündigen Fussmarsch waren wir dort. Erst als ich im Bett lag, lief mir alles noch einmal wie ein Film vor Augen ab. Wären wir zwei, drei Minuten vorher oder nachher an der Stelle durchgefahren, hätte uns die Bö nicht erwischt. Dieser Gedanke wird mich noch eine Zeit lang beschäftigen. Aber am Ende zählt nur, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Dies haben wir der Rettungsmannschaft zu verdanken.

Respekt vor der Natur habe ich schon von klein auf. Doch nach dem Vorfall ist mir wieder bewusster geworden, wie unberechenbar sie sein kann. Am Tag danach habe ich die Seilbahn zwar wieder betreten, allerdings mit gemischten Gefühlen. Auch die Milchkontrolleurin ist drei Tage später zur Alp gefahren. Im Sommer sind wir von der Seilbahn abhängig.

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