Drei Jahre lang hab ich davon geträumt, an den World Cyber Games teilzunehmen. Jetzt hats endlich geklappt. Als «Sosi», so mein Gamer-Name, reiste ich an das grösste Ereignis, das ein E-Sportler erreichen kann. Es ist wie eine Olympiade, einfach für E-Sportler oder Gamer, wie man im Volksmund sagt. Wichtig für einen E-Sportler sind Ehrgeiz, Ausdauer und Konstanz, und man muss ziemlich angefressen sein.

Dieses Jahr fanden die Spiele zum ersten Mal ausserhalb von Asien statt, in San Francisco. Der Hauptsponsor, ein Elektronikhersteller, hat uns alles bezahlt. Reise, Hotel, einfach alles. Nur den Burger im Fast-Food-Restaurant musste ich noch selber berappen. In Asien, den USA und in Deutschland gibt es Profispieler, die bei Sponsoren unter Vertrag stehen und vom Gamen leben können. Die Schweiz ist da noch ein ziemliches Entwicklungsland.

Die Eröffnungsfeier war ein Riesenspektakel. Alle Teams liefen in ihren Tenues in die Halle ein, der Fahnenträger voraus. Ich war Fahnenträger der Schweiz, obwohl ich eigentlich nicht wollte. Die anderen haben mich dazu überredet. Die Show wurde sogar auf einem US-Fernsehsender übertragen, und rund 30000 Zuschauer waren während der fünf Tage live vor Ort. Das Gelände, auf dem die Spiele stattfanden, war gigantisch. Es gab Halfpipes, Bühnen für Bands und eine Ausstellung verschiedener Computeranbieter. In der Haupthalle sassen die Spieler unten, die Zuschauer oben auf der Tribüne. Von der Decke hingen riesige Flachbildschirme, darauf waren die Spiele live zu sehen.

Gamen ist ein Leistungssport


Ich hatte mich in der Kategorie «Unreal Tournament» qualifiziert, ein hektisches und schnelles 3-D-Shooter- oder Action-Game. Man muss den Gegner umbringen und Waffen und Rüstungen einsammeln. Das Spiel ist im Prinzip primitiv, aber das ist egal. Es geht um den Wettbewerb, den Ehrgeiz, den Spass. Man sieht nicht Menschen, die man umbringt, sondern nur die Herausforderung des Spiels.

Ich spiele «Unreal», seit ich 15 bin. Ich habe nie etwas anderes gespielt. Es ist wie beim Leistungssport: Man muss sich auf eine Disziplin konzentrieren, wenn man an der Spitze mitspielen will. Ich habe das Glück, dass mich meine Eltern immer unterstützten. Meine Mutter hat sich meine Spiele an den World Cyber Games sogar übers Internet angeschaut. Ich war überrascht, dass sie überhaupt den Explorer öffnen konnte.

Normalerweise spiele ich in einem Team – oder Clan, wie wir sagen. An den World Cyber Games wird «Unreal» nur als Einzeldisziplin ausgetragen, also habe ich vermehrt allein trainiert. Meine Mitspieler im Team Justplay, wo ich normalerweise spiele, kommen alle aus Deutschland. Wir trainieren und spielen übers Internet und kommunizieren auch so. Ausser am Freitag, Samstag und Dienstag trainieren wir immer von 20 bis 23 Uhr. Dass man sich dabei nicht sieht, ist schon speziell.

Ohne Erfolg keine Dollars


An den World Cyber Games ging es mir darum, der Welt zu zeigen, wo wir Schweizer stehen. Unter die ersten 10 bis 20 zu kommen wäre ein gutes Resultat gewesen. Das ist auch das, was die Sponsoren sehen wollen. Ich habe Spiele meiner Gruppengegner vor der Abreise studiert, aber leider war ich in San Francisco viel zu unkonzentriert. Meine Spiele fanden alle am selben Tag statt. Es gibt verschiedene Levels (Schwierigkeitsgrade) und Maps (Durchgänge). Normalerweise geht ein Spiel über maximal drei Maps à 15 Minuten. Zwei davon muss man gewinnen. Sieger ist der mit der höchsten Punktzahl. Mein erstes Spiel gegen den Amerikaner CombatCarl habe ich 20:10 verloren. Er gehörte zu den Favoriten. Gegen Hanbei aus Japan habe ich etwa im gleichen Rahmen verloren.

Nach den Niederlagen ging ich zum Gegner und schüttelte ihm die Hand. Ich bleibe eigentlich immer ruhig, wenn ich verliere. Dass einer durchdreht, weil er verloren hat, habe ich noch nie erlebt. Höchstens, dass mal eine Maus fliegt. Das Spiel gegen den Spanier Pepe habe ich 15:14 gewonnen. Dieses Spiel wurde live über die riesigen Screens in der Halle übertragen. Meine zwölf Schweizer Teamkollegen haben mich angefeuert. Ich konnte das durch die Kopfhörer hören. Das letzte Spiel habe ich dann gleich mit 29:1 gewonnen. Ich glaub, ich landete auf dem 33. Rang.

Die Topspieler mussten unzählige Interviews geben. Wir Schweizer kamen ziemlich unbehelligt durch die Gänge. Aufmerksamkeit kommt erst mit dem Erfolg. Bis zum achten Platz gab es ein Diplom, dazu Hardware oder Geld. In meinem Spiel hätte es für den achten Platz bereits 1000 Dollar gegeben. Der Sieger ging mit 25000 Dollar nach Hause.

Nächstes Jahr startet die Cyberathlete Professional League eine Welttournee. Dabei werden Turniere an zehn verschiedenen Destinationen auf vier Kontinenten ausgetragen. Die Preissumme beträgt eine Million Dollar, der Sieger erhält 150000. Viele trainieren nur noch für diesen Event. Die Höhe der Preisgelder ist schon unglaublich. Ich denke, dass das Gamen in Zukunft noch verbissener wird.

Die Angst, schubladisiert zu werden


Das Bild vom asozialen, übergewichtigen Gamer, der isoliert zu Hause sitzt, keine Freundin hat und die Sonne nie sieht, stimmt übrigens nicht. Das ist ein Klischee wie jenes von den dummen Blondinen.

Eine Freundin habe ich zwar nicht, aber ich arbeite daran. Nicht übers Internet, sondern im Ausgang. Dass ich game, ist sicher nicht das Erste, was ich einer Frau erzähle. Wenn man sich etwas näher kennt, kann man schon damit herausrücken, aber natürlich bleibt die Angst, schubladisiert zu werden. Ich versuche, einen Konsens zu finden. Sowohl meine inskünftige Freundin als auch mein Studium an der Lehrerinnen- und Lehrerbildung Bern haben Vorrang vor dem Spielen.

Trotzdem: Angefressen muss man auf jeden Fall sein. Das brauchts, damit man motiviert bleibt und trainiert. Ob ich süchtig bin? Ich weiss nicht. Ich komme heim, esse, setze mich vor den PC, trainiere – doch, es ist wahrscheinlich schon eine Sucht. So wie jede Sportart auf hohem Niveau ein Suchtpotenzial hat.

Quelle: Jürg Ramseier