Überwachungskameras gibts in den Städten überall, oft unsichtbar. Sie haben knopfgrosse Linsen, versteckt hinter Halbkugeln oder verspiegelten Flächen. Bei Botschaften sind sie in Pseudolaternen versteckt. Ich kenne mich da aus. In Zürich sind wir sechs Leute, die Kameras zählen. «Big Brother Awards» nennen wir uns. Ich bin seit fünf Jahren dabei. Im Herbst vergeben wir jeweils Preise für die grössten Schnüffler aus Politik und Wirtschaft, die wir im Internet veröffentlichen.

Ins Netz stellen wir auch eine Karte mit den Standorten der Kameras. Wir spüren sie auf. Ich schätze, in der Stadt Zürich gibt es ungefähr 500. Die Zahl der Kameras hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Allein im Hauptbahnhof haben wir über 100 gezählt. Die gehören der Polizei und den SBB. Ebenso viele Kameras gibt es im Langstrassenquartier. Dort sind die elektronischen Augen in Lokalen, an einschlägigen Orten und anderen Stellen angebracht. Das Problem: Oft wird auch öffentlicher Raum ins Visier genommen. Nicht nur der Hauseingang, auch das Trottoir und die Strasse davor werden gefilmt.

Da bohrt man nicht mehr in der Nase
Bei unseren Rundgängen zeigen wir den Leuten die Standorte. Die Menschen haben keine Vorstellung davon, wie massiv die Überwachung ist. Schulen oder öffentliche Plätze sind Orte, wo die meisten keine Kameras vermuten. 

Manchmal werden wir auf den Rundgängen von Leuten als Spinner betitelt. Sie sagen: «Was wollt ihr denn, die Kameras bringen doch Sicherheit.» Genau das ist der Punkt. Sicherheit ist nur dann gewährleistet, wenn hinter den Monitoren auch jemand sitzt und prompt reagiert.

Doch unsere Bewegungen werden meist einfach aufgezeichnet. Ich weiss das von Gesprächen mit Firmen und Behörden. Eigentlich sollten die Daten nach 24 Stunden gelöscht werden. Das ist aber längst nicht immer der Fall.

Wenn ich unterwegs bin, nehme ich eine Kamera zufällig wahr, ich suche nicht aktiv. Mit der Zeit bekommt man ein Auge dafür. Dann beginnen die Gedanken zu kreisen, wem die Kamera gehört, warum sie installiert wurde, wofür die Bilder verwendet werden. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich mich mit einem anderen Gefühl bewege. Ich glaube, dass viele Menschen sich unbewusst anders verhalten, wenn sie wissen, dass sie gefilmt werden. Sie bohren dann vielleicht nicht in der Nase, werfen den Kaugummi nicht auf die Strasse oder verzichten auf die Zigarette.

Filmen allein ist nicht schlimm. Düster sieht es dann aus, wenn Daten unterschiedlicher Herkunft zusammengeführt werden. Es gibt so genannte Gesichtserkennungs-Software. Ist ein Gesicht mit Namen im Internet veröffentlicht, können die Daten mit dem Kamerabild verglichen werden und voilà – schon ist die Person identifiziert. Es geht dabei um das, was ein Schnüffler anrichten könnte. Er kann mit etwas Hackerwissen herausfinden, wo wir was und wann mit der Kreditkarte bezahlt haben, welche Webseiten wir abrufen, mit wem wir telefonieren.

Meine Befürchtung ist, dass jemand das mit System macht. Es könnte gut sein, dass in zehn, zwanzig Jahren ein grosses Firmenkonglomerat oder gar ein Staat Daten in grossem Stil zusammenführt. Der Gedanke ist nicht so abwegig. Firmen sind an Personendaten interessiert, um gezielt Werbung machen zu können. Auch die USA sind auf dem besten Weg, ein Schnüffelstaat zu werden. Bei der Einreise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden biometrische Daten registriert und gespeichert.

Zur totalen Überwachung darf es aber nicht kommen. Um auf die schleichende Veränderung aufmerksam zu machen, opfere ich einen Teil meiner Freizeit. Auch im Beruf beschäftige ich mich mit Datenschutz. Ich bin Informationssicherheitsberater, prüfe Schwachstellen von Firmen im Internet. Hacker kommen leicht zu sensiblen Daten. Ich staune oft ob der Naivität der Web-Benutzer. Hersteller von Computerprodukten müssten Hand bieten, um die Geräte sicherer zu machen.

«Über Sie wissen wir einiges»
So verbinde ich Beruf und Freizeit. Weil ich ständig mit Datenschutzfragen konfrontiert bin, ist der Schritt zu paranoiden Gedanken schon klein. Ich habe am 11. September Geburtstag. Manchmal überlege ich mir, ob das Schicksal oder Zufall ist. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass mein Name bei den Behörden registriert ist, weil ich sie immer wieder mit dem Thema konfrontiere. Ich frage mich auch, ob sie mich kennen, meine Wege verfolgen. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie eines Tages kommen und sagen würden: «Herr Annino, über Sie wissen wir schon einiges.»

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Für Familie und Freunde ist mein Interesse für den Datenschutz kein Thema. Ein anderer spielt vielleicht Geige oder sammelt Briefmarken. Ob sie mich für verrückt halten? Nein, das Gegenteil ist der Fall. Meine Bekannten hören mir interessiert zu, wenn ich erzähle. Aufzuklären macht mir Freude, ist Antrieb für mich. Unsere Gruppe veranstaltet Vorträge. Ich erkläre dann den Leuten, dass der Staat mehr Sicherheit für den Bürger will. Das ist nichts Schlechtes. Nur hat diese Sicherheit ihren Preis: mehr koordinierte Daten, mehr Kontrolle. Wenn der Bürger das will, ist das für mich kein Problem. Nur sollte er bewusst darüber entscheiden können. Den Menschen in der Schweiz diese Kompetenz zu geben – genau das habe ich mir zur Aufgabe gemacht.