An jenem 7. Februar ging ich wie jeden Tag in die Mittagspause. In der Parkgarage beim Bahnhof stand mein Auto auf einem Parkfeld, das ich als Gemeinderat benutzen darf. Eigentlich schaue ich nie unter das Auto. Diesmal aber glaubte ich, etwas Herunterhängendes zu erkennen. Als ich nachsah, dachte ich, ich sei im falschen Film. Da waren am Auspuff tatsächlich zwei verschraubte Röhren mit Elektrokabeln befestigt, dazwischen eine Batterie und verschiedene Drähte. Ich fühlte mich wie in der Grenadierschule in Losone TI – dort hatten wir solche Apparate gebaut, um zu sprengen.

Ich ging zum Polizeichef der Gemeinde. Der sah mich zuerst ziemlich verdutzt an. Als er selbst die Konstruktion sah, rief er sofort die Kantonspolizei. Nun erst wurde uns der Ernst der Lage bewusst. «Stopp!», hiess es. Man schickte uns ins Freie. Die Polizei sperrte das Parkhaus weiträumig ab und evakuierte alle Personen. Dann wurden die Feuerwehr und die Sanität aufgeboten. Schliesslich rückte der Wissenschaftliche Dienst der Stadtpolizei Zürich mit dem Bombenräumroboter an.

Es war wie im Krimi: Der Roboter, ausgerüstet mit einer Kamera, näherte sich der «Bombe». Dann schoss er mit einem Hochdruckwasserstrahl das befestigte Gerät weg. Es gab einen lauten Knall, doch keine Detonation.

Später hat der Wissenschaftliche Dienst die Trümmer untersucht und festgestellt, dass alle Bestandteile einer Bombe vorhanden waren. Der Mechanismus hätte über die thermische Energie und einen Umleiter funktioniert. Sobald der Auspuff heiss geworden wäre, wäre die Vorrichtung explodiert. Doch statt richtiger Sprengstoff steckte nur ein Knallkörper drin.

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Etwa um 16 Uhr war die Aktion beendet. Um den Bahnhof hatte es einen Volksauflauf gegeben. Meine Schwester und meine Frau erschraken, als sie hörten, bei mir sei eine «Bombe» gefunden worden. Ich selbst hatte keine Angst; ich hielt das «Ding» für eine Attrappe. Irgendjemand hat ein Problem mit mir und will mir Angst machen, dachte ich. Aber ich glaubte nicht, dass er mich umbringen wollte.

Anders meine Familie. Ich habe drei Töchter im Alter von 13 bis 16 Jahren. Eine will seither, dass wir abends immer die Tür drei Mal verschliessen. Die andern beiden bestanden darauf, dass ich mit ihnen in die Sportferien fahre, obwohl ich nicht Ski laufe. Sie wollten mich, den 50-jährigen Mann, während der Ferien nicht allein zu Hause lassen.

Vom Täter fehlt jede Spur
Jux oder Ernst, werde ich immer wieder gefragt. Jux ist es sicher nicht. Ich hätte an diesem Abend vor dem Gemeinderat Richterswil über ein Spitalprojekt referieren sollen. Die kurze Fahrt hätte wohl genügt, um die thermische Reaktion auszulösen. Eine Explosion während der Fahrt hätte mich zwar nicht getötet, aber zünftig erschreckt. Vielleicht hätte ich so einen Unfall verursacht. Und dass der Täter die Attrappe entweder am Vormittag im stark frequentierten Parkhaus oder nachts in meiner eigenen Garage angebracht hatte, setzt doch ein rechtes Stück Unverfrorenheit voraus.

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Es ist auch nicht der erste Vorfall dieser Art. Im Mai letzten Jahres wurde mir am gleichen Auto der Auspuff ausgeschäumt – mit Polyurethan, einem Dämmschaum, den man auf dem Bau gebraucht. Das tat ich noch als Bubenstreich ab. Wir hatten früher ja auch Kartoffeln in einen Auspuff gesteckt. Ich merkte es, als ich nach der Gemeinderatssitzung wegfahren wollte: Der Motor stellte einfach ab. Der Garagist musste dann die Masse, die den Auspufftopf luftdicht verschloss, herauskratzen.

Massiver war der Vorfall im August vergangenen Jahres. Morgens um vier hörte meine Frau zwei Mal einen riesigen Klapf vor dem Haus. Ich ging auf die Terrasse, meine Frau öffnete das Fenster. Doch wir sahen nichts im Dunkeln. Am Morgen entdeckten wir dann das zertrümmerte Auto meiner Frau auf dem Vorplatz. Da waren drei oder vier Fünf-Kilo-Steine von einem höher gelegenen Absatz aus auf den Wagen hinuntergeworfen worden. Es sah fürchterlich aus.

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Zusätzlich stand an der Hauswand eine geöffnete Flasche Benzin. Hatte der Täter sie als Warnung hingestellt? Oder hatten wir ihn mit dem Öffnen der Fenster gestört? Vielleicht wollte er das Auto oder unser Haus in Brand stecken? Wir machten eine Strafanzeige. Doch die Polizei fand keine Fingerabdrücke, weder auf der Flasche noch auf den Steinen.

Es ist verrückt: Ich weiss nicht, wer der Täter sein könnte. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten. Einerseits bin ich als Anwalt tätig, vor allem in Scheidungsangelegenheiten. Da gibt es schon ab und zu Leute, zu denen man nicht so lieb ist. Ich habe zwar keinen bestimmten Verdacht. Sollte die Polizei aber Spuren finden, würde ich drei bis vier Personen zur Überprüfung angeben.

Ein politischer Racheakt?
Zum andern engagiere ich mich in der Politik. Ich bin seit 16 Jahren sozialdemokratischer Gemeinderat in Horgen und Bauvorstand. Horgen ist eine Stadt mit 17'000 Einwohnern. Wir bewilligen etwa 250 Baugesuche pro Jahr. Zudem bin ich für die Planung verantwortlich. Doch zurzeit habe ich eine gute Phase, die Projekte laufen erfreulich, und ich kenne niemanden, den ich hätte piesacken müssen.

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Auch das private Umfeld stimmt. Meine Familie lebt seit 1541 in Horgen, wir waren Bauern. Ich bin glücklich verheiratet. Wir leben etwas ausserhalb der Stadt in einem Zweifamilienhaus mit Umschwung, das wir vor zehn Jahren kaufen konnten.

Natürlich macht sich auch meine Frau Sorgen. Aber dass die Attacken ihr gelten, halte ich für absolut unwahrscheinlich. Sie ist Lehrerin, von den Kollegen und den Eltern sehr getragen; die Kinder gehen gern zu ihr in die Schule.

Ich weiss, es tönt komisch, wenn von einem «Attentatsversuch auf einen Lokalpolitiker» die Rede ist. Ich «tschutte» ja in einer ganz andern Liga als George W. Bush oder ein Schweizer Bundesrat. Die Lösung des Rätsels kann nur auf der Täterseite gefunden werden. Ich bin überzeugt, dass es sich um einen kleinen Fisch handelt. Sonst würde die Person hinstehen und sagen: «Hör mal, ich habe ein Problem mit dir, das ich lösen muss.»

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Grosse öffentliche Anteilnahme
Auf den Vorfall hin habe ich zahlreiche Reaktionen erhalten – Briefe, Telefonanrufe. Auf der Strasse haben mich bekannte und unbekannte Leute angesprochen. Ich habe auch Rührendes erlebt. Eine alte Frau kam auf mich zu und sagte: «Gällezi, das isch aber en feige Cheib!»

Wenn ich dem Täter eine Botschaft geben will, dann diese: «Ich werde mein Leben nicht ändern.» Ich brauche keine Bodyguards und lebe weiter – ohne Angst. Ich hoffe einzig, dass der Unbekannte über den Aufruhr, den er verursacht hat, selbst überrascht ist. Er muss aber auch wissen, dass es für ihn eine teure Sache wird, wenn man ihn erwischt. Der Einsatz der Spezialtruppe aus Zürich, die Feuerwehr, unsere eigenen Schäden – das alles kostet gegen 50'000 Franken.

Ob ich ein unerschrockener Mensch bin? Zivilcourage hat jedenfalls einen grossen Stellenwert für mich – in der Politik wie im Alltag. Würde in meiner Gegenwart jemand zusammengeschlagen, hoffe ich, dass ich genug Mut habe, dagegen einzuschreiten. Ich bin zwar nie in eine solche Situation gekommen. Aber ich könnte nicht tolerieren, dass jemand geplagt wird, ohne dass Herumstehende eingreifen. Ich finde es wichtig, dafür zu sorgen, dass die Sozialkontrolle nicht noch weiter abnimmt.

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