Die Dankbarkeit der Leute überraschte mich schon am ersten Tag. Nur selten bekam ich von Jugendlichen zu hören: «Spinnst du eigentlich, freiwillig fremden Abfall einzusammeln?» Sie sind halt mit den voluminösen Fast-Food-Verpackungen aufgewachsen und lassen vieles einfach am Boden liegen. Kommt hinzu, dass die ufoförmigen Salatschüsseln die Abfalleimer bald einmal verstopfen.

Dass ich dereinst als Anti-Littering-Botschafter um das Zürcher Seebecken fahren würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Ich hatte der Igora-Genossenschaft für Aluminium-Recycling einfach mal eine Blindbewerbung als Springer für Aludosensammlungen oder für PR-Aktionen geschickt. Was man unter Littering versteht, war mir allerdings geläufig – das achtlose Wegwerfen oder Liegenlassen von Abfall im öffentlichen Raum.

Ich war hell begeistert, als mich die Igora-Geschäftsleitung mit diesem Pilotprojekt betraute. Es entspricht meinem Naturell, denn Berührungsängste sind mir fremd. Ich bin gelernter Siebdrucker, war auch schon als Securitas-Wächter unterwegs oder, wie bei meinem letzten Job, als Kulturwerbevertreter einer Kleinplakatfirma. Dabei kam ich mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt.

Manchen Leuten ist es peinlich
Wie mir die Passanten mit meinem beschrifteten Abfall-Stosskarren und der Greifstange begegnen würden, konnte ich nicht abschätzen. Sofort spürte ich aber, dass sie mich aufmerksam beobachteten. Am Anfang war es mir fast peinlich, auf eine Bank zuzugehen: Die Leute halten jeweils spontan die Füsse hoch, damit ich den Abfall vom Boden aufnehmen kann. Sie selber scheinen manchmal auch peinlich berührt. Ich wünsche immer guten Appetit und bedanke mich für die Aufmerksamkeit und die künftige Unterstützung.

Zigarettenstummel führen die Hitliste meines Sammelguts an. Ich gehe diplomatisch vor und habe auch schon beiläufig zu einer Dame gesagt, die Filter am Boden seien wohl von einem Vorgänger auf der Bank, auch wenn der Lippenstift auf sie schliessen liess. Man wächst in den Job hinein und entwickelt ein Auge für herumliegende Abfälle und deren Verursacher. In flagranti habe ich allerdings noch niemanden ertappt.

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Liegt schon Abfall, kommt mehr dazu
Die Angesprochenen reagieren unterschiedlich auf meine Präsenz: Die Sauberkeit in der Schweiz nerve, erklärte mal einer, ein anderer wiederum meinte, ohne Abfall hätte ich keinen Job. Als häufigste Ausrede wird moniert, es habe hier keinen Abfallkübel. Windeln nehme ich generell nicht mehr mit – die entwickeln in meinem Wagen einen ätzenden Gestank. Bei Präservativen und Damenbinden rümpfe ich die Nase und entsorge sie ganz diskret. Zu meinen Findlingen gehören auch ein Kugelgrill, ein Autoradio oder ein Raddeckel.

Ich habe ein normales Verhältnis zum Müll. Von Kindesbeinen an lernte ich, dass man im Freien nichts fallen und liegen lässt – auch nicht das kleinste Fötzeli. Viele denken, ein Papierchen sei doch nicht der Rede wert. Aber Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist. Den Hinweis «nicht umweltschädlich» empfinde ich als verwirrend. Er verleitet dazu, die Verpackung liegen zu lassen.

Diplomatie und Psychologie sind bei diesem Job besonders gefragt. Manchmal denke ich mir auch ein Experiment aus: Bei einem Steinblock, der als Sitzgelegenheit genutzt wird, liess ich fünf Zigarettenstummel bewusst liegen. Als ich am Abend wieder vorbeikam, zählte ich bereits 20. Das zeigt, dass die Littering-Hemmschwelle sinkt, wenn nicht alles weggeräumt ist. Von politischen Diskussionen distanziere ich mich. Die Leute am See suchen Entspannung und Erholung, sie wollen sich nicht belehren lassen.

Kein Tag ist wie der andere. Ich staunte nicht schlecht, als ich einmal einen Schwan entdeckte, der einen Widerhaken im Schnabel hatte. Sofort alarmierte ich die Zürcher Seepolizei; ein Fachmann konnte dann das Tier aus seiner misslichen Lage befreien. Selbstverständlich führe ich eine kleine Apotheke mit, falls beispielsweise jemand in Glassplitter getreten ist. Bei Vollmond bin ich immer wie auf Nadeln. Ich spüre ihn nämlich selber. Aber es ist bisher noch nie etwas Aussergewöhnliches passiert.

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Studenten und Ausländer sind sauber
Beim Littering spielt auch der Gruppendruck eine Rolle. So präsentiert sich die Studentenwiese in der Region Tiefenbrunnen immer tipptopp. Und auch mit den Ausländern habe ich ein gutes Einvernehmen: Gerade sie wollen vermeiden, dass man mit Fingern auf sie zeigt.

Jetzt im Herbst bin ich mit meinem Abfallmobil an der Bahnhofstrasse unterwegs. Das Publikum hier unterscheidet sich nicht von jenem am See. Der Abfall hingegen schon. Rund um den «Globus» liegen auffallend viele Fast-Food-Verpa- ckungen. Bei den Veloständern am Hauptbahnhof wiederum häufen sich Zigarettenstummel und Flyer.

Manchmal fühle ich mich schon ein wenig als Sisyphus, wenn nach meiner Tour der Boden gleich wieder mit Müll übersät ist. Dann halte ich mir die dankbaren Passanten vor Augen – und könnte vor Begeisterung abheben.

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