Ich nehme weder Drogen, noch bin ich mit dem Aidsvirus infiziert. Allerdings bin ich seit zwölf Jahren mit einer Frau verheiratet, die drogenabhängig und HIV-positiv ist. Sie sind erstaunt? Damit sind Sie nicht allein. Selbst Fachleute haben Mühe zu verstehen, wie eine solche Beziehung funktioniert. Sicher, einfach war und ist es nicht. Doch wir sind immer noch beisammen. Und das Wichtigste: Wir lieben uns.

1987, als ich meine Frau kennen lernte, lebte ich in einer Wohngemeinschaft. Mein Wohnpartner und ich suchten eine dritte Person. Gefunden haben wir meine jetzige Frau. Nach ungefähr sechs Wochen waren wir total verliebt. Ein halbes Jahr später zogen wir in eine eigene Wohnung; im August 1988 heirateten wir.

Von ihrer Drogenabhängigkeit wusste ich von Anfang an. Dass sie HIV-positiv ist, habe ich erst zwei, drei Monate nach dem Kennenlernen erfahren. Für mich war das nicht weiter schlimm. Rückblickend denke ich, dass die Sucht unser Leben bedeutend stärker geprägt hat als die HIV-Infektion. Die Drogen haben uns etwa 100'000 Franken Schulden eingebracht. Wir sind heute noch am Zurückzahlen.

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Ich habe viel unternommen, um für meine Situation fachliche Unterstützung zu bekommen. Doch das war sehr schwierig. Die Aidshilfe war früher ganz auf die HIV-Infizierten ausgerichtet. Als Nicht-Homosexueller, Nicht-Drogenkranker und Nicht-Infizierter gabs für mich kein Hilfsangebot. Da ich «nur» mit einer HIV-positiven Frau verheiratet bin, passe ich in keine Risikogruppe. Ich fiel in die Schublade «Diverses» und wurde abgelegt.

Therapie als Ablöscher
Wir versuchten, über eine Paartherapie Hilfe für unseren Alltag zu organisieren. Doch die Therapeuten waren hoffnungslos überfordert. Die sind mit unserer Situation nicht zurechtgekommen. Vor allem konnten sie nicht verstehen, weshalb wir geheiratet hatten. Diese Frage war für uns nicht relevant. Für uns zählte nur unsere Liebe. Solche «Therapiepleiten» haben wir Ende der achtziger Jahre mehrere erlebt.

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Anfang der neunziger Jahre kam ich mit unserer Ehe gar nicht mehr zurecht. Ich war drauf und dran, die Scheidung einzureichen. Vor allem die Schulden drückten sehr. Wir hatten uns auseinander gelebt. Ich war richtig froh, wenn meine Frau nicht um mich war. Mir ist es ziemlich schlecht gegangen, damals. Ich begann zu fürchten, dass ich mir etwas antue.

Eine zweieinhalbjährige Therapie hat mir schliesslich geholfen, aus dieser Krise herauszufinden. Es war ein Prozess des Loslassens. Ich lernte, Menschen zu lieben, ohne sie zu besitzen.

Seit dieser Therapie hat die Selbstreflexion einen festen Platz in meinem Leben. Während meiner Ausbildung zum leitenden Krankenpfleger arbeitete ich mit Bioenergetik und Transaktionsanalyse. Diese Erfahrungen sind für mich noch heute sehr wertvoll.

Früher habe ich meine Frau immer vor die Entscheidung gestellt: entweder ich oder die Drogen. Ich brauchte Jahre, um zu begreifen, dass dies falsch ist. Es ist an mir zu entscheiden, ob ich mit einem drogenabhängigen und HIV-positiven Menschen zusammenleben will oder kann. Wenn die Antwort Ja lautet, muss ich mit den Konsequenzen leben lernen. Ich habe mich für diesen Weg entschieden.

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Die Familie meiner Frau weiss um die HIV-Infektion. In meiner Familie ist nur eine meiner zwei Schwestern informiert. Meine Eltern könnten diese Wahrheit nicht verkraften. Sie würden nicht einmal mehr anrufen, weil sie – etwas übertrieben ausgedrückt – Angst hätten, durch die Telefonleitung infiziert zu werden. An meinem Arbeitsplatz sind meine unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen im Bild, meine Vorgesetzten jedoch nicht.

Einen eigentlichen Freundeskreis haben wir beide nicht mehr. Wir haben noch nicht herausgefunden, welches der richtige Zeitpunkt ist, um neuen Bekannten von der Drogenabhängigkeit und der Infektion meiner Frau zu erzählen. Machen wir es am Anfang, geht die Bekanntschaft meistens gleich in die Brüche. Warten wir länger, beschweren sie sich darüber, dass wir so lange nicht damit herausgerückt sind. Wir haben deshalb in den letzten Jahren keine grossen Anstrengungen mehr unternommen, Kontakt zu anderen Menschen zu finden.

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Eigentlich wäre es wichtig, über das Leben mit dem HI-Virus zu sprechen. Nur so können Vorurteile abgebaut werden. Doch im Alltag funktioniert es einfach nicht. Wenn ich mich outen würde als Ehemann einer HIV-positiven, drogenabhängigen Frau, hätte das negative Folgen an meinem Arbeitsplatz – da bin ich ganz sicher.

Angst vor Tablettencocktail
Seit Jahren versuchen die Ärzte, meine Frau von der Therapie mit Medikamenten zu überzeugen. Wir wehren uns dagegen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, jeden Tag 14 verschiedene Medikamente einnehmen zu müssen. Ich musste diese Therapie einmal für vier Wochen durchstehen, nachdem ich mich mit der Nadel einer Spritze gestochen hatte. Mir war permanent übel. Morgens musste ich mich zuerst einmal übergeben. Ganz abgesehen davon, dass der ganze Tagesablauf auf die Einnahme der Medikamente ausgerichtet werden muss. Da geht unheimlich viel Lebensqualität verloren.

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Die Ärzte haben Mühe, unsere Weigerung zu verstehen. Sie meinen, wir sollten froh sein, dass es überhaupt eine lebensverlängernde Therapie gibt. Das möchten wir nicht in Abrede stellen. Doch für uns zählt nicht nur, wie lange man überlebt, sondern auch, wie man überlebt.

Meine Frau lebt bereits 15 Jahre mit dem HI-Virus, und es geht ihr recht gut. Sie hatte bisher nur kleinere Erkrankungen, wie sie bei allen Menschen vorkommen. Vielleicht ist sie jeweils etwas länger krank, und die Symptome sind ausgeprägter. Medizinisch ein Problem ist hingegen, dass sie nur sehr wenig Blutplättchen hat, nämlich zwischen 5000 und 20000. Normalerweise liegen diese Werte zwischen 150'000 und 300'000.

Viele Jahre lebten wir mit der Angst im Nacken, dass bei meiner Frau jederzeit Aids ausbrechen könnte. Du teilst das Jahr in wichtige Daten ein, lebst sozusagen von der einen Weihnacht über die Geburtstage zur nächsten Weihnacht. Wir überlegten uns, was wir in diesen kurzen Zeitabschnitten alles zusammen unternehmen könnten. Doch meine Frau blieb über alle Weihnachten und Geburtstage hinweg gesund. Je länger dieser Zustand andauert, desto kleiner wird der Druck. Und plötzlich denkt man: «Nun ist bereits wieder ein Jahr vorbei, und es geht ihr eigentlich viel besser als vor zwei Jahren.»

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Ähnliches erlebten wir mit den Blutwerten. Sind sie schlecht, folgt eine tiefe Niedergeschlagenheit. Sind sie besser, schöpft man Mut. Das geht rauf und runter. Irgendwann haben wir uns aus diesem «Spielchen» ausgeklinkt. Meiner Frau ist wohl dabei. Der Mensch lässt sich nicht auf seine Blutwerte reduzieren.

Ein Lauf auf heissen Kohlen
Noch vor zwei Jahren haben wir in der kleinsten Erkältung eine Bedrohung gesehen. «Fängt jetzt Aids an?», haben wir uns gefragt. Das ist jetzt anders. Wir leben gelassener, und meine Frau sucht Lebensperspektiven. Wir wandeln zwar auf heissen Kohlen, haben aber über die Jahre das Gefühl für die Hitze verloren.

Meine Frau und ich sind einen schwierigen Weg gegangen. Doch es hat sich gelohnt. Wir haben uns entwickelt und festgestellt, dass wir uns brauchen. Wir haben unser Gleichgewicht gefunden.

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Neue Studie: Das Wort den Angehörigen

Wie erlebt das Umfeld eine Aidserkrankung? Die Uni Freiburg sucht Antworten.

Aids hat dank Prävention und neuen Medikamenten aus medizinischer Sicht einiges an Dramatik verloren. Es wird kaum mehr über die Krankheit gesprochen. Dieses Schweigen belastet nicht nur Aidskranke und HIV-Infizierte, sondern auch Angehörige und Freunde.

Das Departement Sozialarbeit und Sozialpolitik der Universität Freiburg nimmt sich nun im Rahmen einer gesamtschweizerischen Studie der speziellen Lebenssituation dieser indirekt Betroffenen an. Wie erleben sie die HIV-Infektion eines Partners oder Freundes? Wie beurteilen sie die Kombinationstherapie mit Medikamenten? Mit welchen Gefühlen blicken sie in die Zukunft?

Personen, die einem Aidskranken oder HIV-Infizierten nahe stehen und sich an der Studie beteiligen möchten, melden sich über die Telefonnummer 079/6883052 für eine erste Kontaktaufnahme. Graziella Ceriani und weitere Mitglieder der Forschungsgruppe sind von Montag bis Freitag durchgehend von 9 bis 19 Uhr erreichbar. Selbstverständlich werden alle Angaben vertraulich behandelt.