14_00_dg_augenzeuge.jpgEine kleine Bühne, ohne Dach. Bloss zwei Sonnenschirme spendeten den Musikern Schatten: An das erste Open Air auf dem Gurten erinnere ich mich, als sei es gestern gewesen. Die friedvolle Atmosphäre machte die Besucherinnen und Besucher zu Verbündeten. Mit langen Haaren und bunten Röcken tanzten und feierten sie gemeinsam auf dem Berner Hausberg. Das war 1977.

Seit Urzeiten stehen auf der Gurtenmatte zwei Bäume, dort stellten wir die Bühne auf. Dahinter spannten wir die Seile für das Zirkuszelt. Somit hatten wir eine geniale Einrichtung: Bei schönem Wetter spielten die Musikgruppen in der natürlichen Arena des Gurten; bei Donnergrollen und Regen rollten wir die Zeltplachen hinauf und die Bands drehten sich 180 Grad in Richtung Zirkusarena. So waren alle im Trockenen.

Schon das erste Mal dauerte die Veranstaltung zwei Tage. Wir liessen uns mit dem Bähnlein in die Höhe hieven oder nahmen den Weg auf den Berg unter die Füsse, den Schlafsack als Handgepäck.

Auf der Gurtenmatte herrschte, wie noch heute, strengstes Zeltverbot. Ubernachten hingegen war schon damals erlaubt.

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«Schönstes Gelände überhaupt»

In den siebziger Jahren war ich als Plattenaufleger bekannt, «Konservenmusik» war mein Hobby. Den Job als Ansager auf dem Gurten bekam ich wohl bloss deshalb, weil ich ein Mikrofon in die Hand nehmen und reden konnte und vielleicht auch, weil ich bereits Präsentationserfahrung vom Folk-Festival auf der Lenzburg mitbrachte. Heute gibt es die Ansager kaum noch, das Publikum will nur noch die Bands hören.

Als das Festival auf der Lenzburg aus allen Nähten platzte, beschlossen wir, eine weitere Veranstaltung aus der Taufe zu heben. Wir kämpften darum, dass wir das neue Projekt auf dem Gurten lancieren durften einem der schönsten Festivalgelände, das man sich überhaupt vorstellen kann. Doch nicht nur der Ort, sondern auch internationale Bands sollten unser Projekt auszeichnen.

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Die Idee wurde umgesetzt. Fast die Hälfte der Bands kamen aus dem Ausland: aus Deutschland, Frankreich, Irland, Ungarn, Schweden und sogar aus den USA.

Am Anfang arbeiteten alle gratis

Die nationale Szene war schon damals vielfältig. Die Gruppen, die wir einluden, spielten echte Schweizer Folk-Musik. Die Promotoren waren Cracks, die bis heute ihre Spuren hinterlassen haben. Darunter gab es aber auch Leute, die an ihren Idealen zerbrachen. Einige haben sich sogar das Leben genommen.

Die Organisatoren arbeiteten allesamt kostenlos, sonst wären die Auftritte finanziell nicht tragbar gewesen. Damals war es auch nicht das Ziel, Geld zu verdienen. Die Idee war wichtig. Ein Festival machen zu können darin bestand das Erlebnis. Darüber hinaus hatten wir Visionen. Die Strassenmusik damals in den Gassen von Bern noch verboten sollte ermöglicht werden: Mit dem Reinerlös des Gurtenfestivals wurden die Prozesskosten bezahlt, die aufgrund von Klagen gegen Strassenmusiker verursacht worden waren. Daneben ermöglichten die Einnahmen Defizitgarantien für Kulturprojekte.

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Heute hat sich die Motivation der Veranstalter grundlegend geändert: Ohne voraussichtlichen Gewinn findet keine Veranstaltung mehr statt.

In den ersten Jahren war unser Festival stark von politischen Ideen geprägt. Das Publikum bestand vorwiegend aus so genannten Alternativen. Die Gurtenbühne wurde zur Plattform der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Diskutiert wurden Themen wie Atomstrom, Ernährung und der Umgang mit Fremden. Ernst «Aernschd» Born, damals als Liedermacher und als Aktivist eine der Symbolfiguren der Anti-AKW-Bewegung, spielte auf der Bühne und bewegte die Gemüter. Franz Hohler trat auf und erntete Applaus in Form eines Lichtermeers entflammter Zündhölzer.

Einmal machten die Frauen auf sich aufmerksam. Sie organisierten eine Demonstration mit der Aufforderung, mehr Frauentoiletten auf dem Gurten zu installieren. Die emanzipierten Frauen besetzten die Männerklos.

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1981 beschlossen wir, die «Weltküche» auf dem Gurten einzuführen. Es gab Natur-Food in allen Varianten und aus den verschiedensten Ländern, allerdings kein Fleisch. Oder fast keines: Das «Theater am Scharfe Egge» schmuggelte Bratwürste aufs Areal und verkaufte die heiss begehrte Ware.

Beschäftigt haben uns auch die Abfallberge aus heutiger Optik noch überschaubare «Hüüfeli». Die Besucherinnen und Besucher wurden gebeten, ihr eigenes Geschirr mitzubringen. Als Platz-Speaker rief ich am Abend dazu auf, den Abfall zusammenzutragen. Es funktionierte! Heute machen Arbeitslose oder Asylbewerber den Aufräumjob.

Mittlerweile haben die Festivals die gesellschaftspolitische Ausrichtung verloren. Ausnahmen bestätigen die Regel. Angelique Kidjo ist eine solche. Die afrikanische Sängerin tritt auch dieses Jahr wieder auf dem Gurten auf. Sie nutzt die Musik als Medium für politische Botschaften und vermittelt Inhalte zur Völkerverständigung. Die neuen Macher bringen so eine Form der alten Gurtenpolitik auf die Bühne.

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Tänzchen mit zwei Punks

Mit Ausnahme des letzten Jahrs besuchte ich alle Gurtenfestivals die ersten sieben Jahre aktiv und seither als Konsument. In der letzten Zeit traf ich selten auf bekannte Gesichter aus der «Anfangsgeneration» wohl aber auf Stars, von denen wir Ende der siebziger Jahre nur zu träumen wagten. Dazu gehörte ein fantastischer Auftritt von Joan Armatrading im Regen und ein verhaltener Gig von Bob Dylan.

Eine weitere für mich unvergessliche Episode ereignete sich 1996 am Konzert von Dieter Thomas Kuhn. Der deutsche Schlagersänger mit dem langen, blonden, wolligen Haar ist mir bestens in Erinnerung: Er nahm das Zelt auseinander! Vorn an der Bühne standen zwei Punks und daneben ich, der Oldie. Die zwei Burschen mit den Punkfrisuren hakten sich bei mir ein, und wir fingen an, hin und her zu schaukeln. Da sagte plötzlich der eine zum andern: «Spinnen wir eigentlich?» Ich amüsierte mich, Arm in Arm schunkelnd, mit den beiden Punks.

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Andrang schmälert den Genuss

Heute können die Besucherinnen und Besucher entscheiden, ob sie Polo Hofer, Kuno Lauener oder Florian Ast am Open Air St. Gallen, am Paleo in Nyon oder auf dem Gurten sehen wollen. Das Angebot ist riesig, die Musikfans können zwischen grossen und vielen kleinen Veranstaltungen wählen.

Damals war noch jedes Open Air exklusiv, jedes einzelne Festival eine Welt für sich. Wir freuten uns schon den ganzen Frühling auf den Sommer. Noch heute besuche ich mit Begeisterung Festivals. Gelegentlich mache ich mit meiner Lebenspartnerin Open-Air-Ferien, doch der Genuss auf dem Gurten wird allmählich von der Masse erdrückt. Das Gelände des grössten Festivals unter kleinen ist halt beschränkt. Trotzdem es ist wunderschön dort oben, vor allem, wenn der Berg bebt!

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