Es krachte fürchterlich - ohne zu bremsen, war ich kopfvoran in das Wohnmobil meines Teams gedonnert. Der kurzen Ohnmacht folgte der Schock. War das das Ende nach nur vier Tagen im Sattel meines Rennvelos, nach jahrelanger Vorbereitung und minutiöser Planung?

Mein Wunderteam verscheuchte mit seiner professionellen Hilfe die trüben Gedanken fürs Erste. Der Arzt sprach mich an, prüfte meine Reaktionen und untersuchte mich zusammen mit der Sporttherapeutin auf mögliche Lähmungserscheinungen. Zehn Minuten später stoppte bereits die Ambulanz hinter uns - ein wahres Wunder bei den amerikanischen Distanzen. Im Spital von Pegosa Springs, Colorado, gaben die Ärzte dann definitive Entwarnung: Bleibende Schäden seien nicht zu befürchten, Schock, Schwindel, Prellungen und Schürfungen verböten jedoch den Verbleib im Rennen.

Ich bin überzeugt, dass ich ohne diesen Unfall Atlantic City im Mittelfeld erreicht hätte. Meine Verfassung war super. Kurz vor dem Unfall hatte ich noch einmal geradeaus geschaut und festgestellt, dass der Pannenstreifen meilenweit leer war. Das gesamte Rennen findet auf den Pannenstreifen der Autobahnen statt. Ich konnte getrost wieder den Nacken entspannen und den Blick auf den Asphalt richten. Eine Wohltat für die versteifte Halsmuskulatur, die sich vor zwei Jahren beim Race Across Germany von Flensburg nach Garmisch erstmals bemerkbar gemacht hatte. Doch mittlerweile hatte ich diese Beschwerden dank ärztlicher Unterstützung gut im Griff.

Am Schicksalsschlag zu beissen
Gegen die doppelte Verschwörung der Technik hatte ich jedoch keine Chance: Nach einer Panne musste das Team-Wohnmobil auf dem Pannenstreifen vor mir anhalten. Gleichzeitig fiel auch noch die Funkverbindung zu meiner Crew aus - niemand konnte mich warnen. Weil die Strasse anstieg, erfolgte der Aufprall «nur» mit einem Tempo zwischen 15 und 20 Kilometern pro Stunde.

Nach kurzem Spitalaufenthalt fuhren wir im Auto Richtung Osten, um rechtzeitig zum Rennschluss in Atlantic City zu sein. Zeit zum Rückblick auf meine Velokarriere, Zeit zum «Chätschen» am jüngsten Schicksalsschlag. Mit 15 entdeckte ich meine Liebe zum Radsport, weil mir mein Vater wegen schlechter Noten den Fussball gestrichen hatte. Als Junior, Amateur und Eliteamateur erreichte ich dann mittlere Klassierungen.

Vor der Meisterprüfung als Coiffeur und nach der Eröffnung des Salons musste ich sportlich kürzertreten. Doch bald trainierte ich wieder bis zu 20 Stunden pro Woche. Beim Velofahren und Laufen kommt meine Ausdauer voll zur Geltung. Am 24-Stunden-Rennen von Schötz LU stand ich auf dem Podest, gute Resultate erzielte ich auch am Powerman von Zofingen, den ich elfmal bestritt. Sport und Beruf füllen mein Leben aus - an Heirat und Familie hab ich nie gedacht. Zum Glück ist meine Freundin auch sportverrückt.

Vor rund 20 Jahren hörte ich erstmals vom Race Across America - dem Rennen für Spinner, wie es damals hiess. Als Ausdauersportler, der auf dem Velo pro Jahr rund 25'000 Kilometer abspult, faszinierte mich der Gedanke, einmal mitzufahren, sofort. 2004 qualifizierte ich mich am Rennen Bern-Bodensee-Bern, das über rund 720 Kilometer geht, für das Race Across America.

Ich begann das Team zusammenzustellen, suchte Sponsoren und nahm das gezielte Training auf. Das hiess: über Tage auf tiefem Level mit wenig Kraft lange Strecken fahren, gefolgt von kurzen Erholungszeiten. Letztere musste ich nicht trainieren − auch im Alltag genügen mir vier bis fünf Stunden Schlaf.

Der Schweizer Daniel Wyss, Sieger von 2006 und Viertplatzierter 2007, stellte mir Videos des Rennens zur Verfügung. Dadurch konnte ich mir die Streckenprofile einprägen. Dass Fahrer einander unterstützen, ist typisch für das Race Across America. Die Amerikaner sind auch während des Rennens Meister im Motivieren von Konkurrenten; entsprechend gut ist die Stimmung.

Die 5000 Kilometer hält nur durch, wer ökonomisch fährt, wer Gang und Tretfrequenz optimal aufeinander abstimmt und den «runden Tritt» beherrscht, der die optimale Kraftübertragung sicherstellt. Den hatten mir die Radsportgrössen Paul Köchli und Oscar Plattner vor Jahrzehnten auf der Bahn beigebracht. Die Steuerkünste trainierte ich mit dem Mountainbike.

Anzeige

Übergewicht als Souvenir
Beherrscht man die Technik, wird das Fahren lustvoll. Selbst in der Wüste von Nevada konnte ich dem Fahren noch positive Seiten abgewinnen, obwohl die Sonne erbarmungslos brannte und die Temperatur auch nachts kaum unter 35 Grad sank. Ich schnitt meine Veloschuhe auf, weil die Füsse derart aufquollen. Das änderte sich in den Rocky Mountains, wo nachts das Thermometer auf null Grad fiel.

Wie gerne hätte ich noch den Wolf Creek Pass bewältigt - mit 3310 Metern das Dach des Rennens. Nachher geht es bergab und über die Ebene der Ostküste zu. Sicher bin ich froh, dass der Sturz keine gesundheitlichen Folgen hatte - aber ein wenig wurmt es mich schon, dass ich aufgeben musste.

Ein Souvenir bleibt mir. Es besteht aus drei zusätzlichen Kilo Körpergewicht. Fünf hatte ich mir als Vorrat angegessen - und bis zum Unfall nur zwei verbrannt.

Anzeige