Als Berufssoldat der Festungswache und gelernter Maler strich ich schon in den fünfziger Jahren Innenräume von Festungen. Mit dem Anstrich sollte die Staubentwicklung bei Treffern reduziert werden. In den sechziger Jahren standen neue Malerarbeiten an: Die während des Zweiten Weltkriegs gebauten kleinen Befestigungen – wir nennen sie Werke – verloren ihre Tarnfarbe. Über die Notwendigkeit eines Neuanstrichs bestand mitten im Kalten Krieg kein Zweifel.

Natürlich war es ein Aufsteller, als mein Major mich beauftragte, für das Werk Angenstein bei Duggingen im Laufental ein Tarnkonzept vorzulegen. Im Schussfeld der Infanteriegeschütze und Maschinengewehre des Werks Angenstein liegt die kleine Klus, durch die sich die Birs, die Strasse und die Bahn zwängen. Eine befestigte Unterkunft für die Mannschaft ist ins Werk integriert.

Vor allem die Schiessscharte tarnen
«Bevor öppis machsch, Bueb, lueg zeerscht ales gnau aa», hatte mir mein Lehrmeister mit auf den Weg gegeben. Diese Devise befolgte ich bei allen Tarnbauten. So schaute ich mir das Schloss Angenstein genau an, das hinter der Befestigung aufragte. Ich schlug vor, das Werk als Weinstube mit Gesinderäumen und Stall zu tarnen und das Ganze unter ein Walmdach zu stellen. «Machen Sie das, Eggenberger», sagte der Major. Unsere Gruppe – ein Maurer, ein Schlosser, ein Schreiner und ich – machte sich an die Arbeit. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich eine Butzenscheibe samt Fensterladen malte und so den Eindruck einer Weinstube vermittelte. Der Rebstock verdeckt heute die Ecke des Bunkers und reicht bis zum Dach. Schloss und Weinstube wirken als natürliche Einheit – ich bin noch heute stolz darauf.

In Füllinsdorf im Baselbiet stand die Befestigung vor einem Bauernhaus. In drei Monaten verwandelte unsere Gruppe das Werk in einen Stall – natürlich mit einem steilen Dach, wie es dort üblich ist. Bei allen getarnten Bunkern bestand die Knacknuss darin, die Schiessscharte unkenntlich zu machen. Ich montierte immer zuerst einen Rost aus Röhren vor die Scharte. Darüber befestigte ich ein engmaschiges Drahtgeflecht und malte die Farbe darüber. Diese Tarnung konnte innert kürzester Zeit heruntergeklappt werden. Geschlossen, erkennt nur der Fachmann die militärische Anlage.

Dank meiner Vergangenheit sehe ich in strategisch heiklen Gebieten mehr als andere Passanten. Habe ich erst einmal die Schiessscharte eines Werks ausgemacht, suche ich sofort das Gegenwerk auf der anderen Talseite. Denn nur beide zusammen sichern einen Durchgang. Stosse ich auf eine Panzersperre, so halte ich nach den Befestigungen Ausschau, die die Sperre schützen. Eine ungeschützte Sperre gibts nicht, die wäre ja nichts wert. Die Kontrolle, ob Geschütz und MG noch funktionstüchtig sind, könnte ich heute noch vornehmen; das ist mir in über 40 Dienstjahren in Fleisch und Blut übergegangen.

Inzwischen darf ich auch meiner Frau zeigen, wo die Werke stehen. Verabschiedete ich mich während meiner Dienstzeit montags von ihr, wusste meine Frau nur, dass ich samstags wieder zurück sein würde. Geheimhaltung war eben höchstes Gebot. Allerdings musste das Schild «Betreten und Fotografieren verboten» die Neugierde von Spionen geradezu wecken. Trafen wir einen Zivilisten, der sich nicht ans Verbot hielt, mussten wir seine Personalien aufnehmen und ihm den Apparat abnehmen. Was weiter mit ihm geschah, wussten wir nicht.

Die Schweizer Armee war in den vergangenen Jahrzehnten immer kampfbereit. Auch die Armee XXI wird ihren Auftrag erfüllen können. Die Werke im Jura und im Mittelland, die ich getarnt habe, braucht die neue Armee jedoch nicht mehr. Mit modernen Waffen kann man auf eine Distanz von drei bis vier Kilometern in die Scharte schiessen und damit das Werk ausschalten. Störend wirken die alten Werke jedoch nicht; wir haben sie so gut in die Landschaft eingepasst, dass sie eine Bereicherung sind.

Der Soldat mit Pinsel und Farben
Die Festungen, die im ehemaligen Reduit liegen, wurden zum Teil modernisiert und sind voll funktionstüchtig. Auch in diesen arbeitete ich. Das brauchte eine gewisse Härte: Am Abend konnte man nicht ins Wirtshaus, weil keines in der Nähe lag. Ich frönte meinem Hobby, der Malerei. Ein Ölbild der Rhone mit den Dents du Midi hängte ich in der Festung «Kleiner Durrer» auf. Mit ungeahnten Folgen. Plötzlich hiess es, der Eggenberger male während der Dienstzeit und verwende dazu noch Armeematerial.

Da musste ich nachweisen, dass dies reine Freizeitarbeiten waren, dass kein Pinsel und kein Farbtopf aus Armeebeständen stammte. Zu meinem Erstaunen interessierten sich meine Vorgesetzten von einem Tag auf den andern nicht mehr für das ganze Theater um meine Bilder. Der Grund: Korpskommandant Franz Nager hatte die Festung besucht und beiläufig erwähnt, dieses Bild gefalle ihm. Auch das ist die Schweizer Armee, der ich nichtsdestotrotz immer verbunden bleiben werde.

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