Kürzlich trafen wir einen Piloten, der uns vor Jahren via Anchorage nach Tokio und wieder zurück in die Schweiz geflogen hat. «Sit mer zäme z Tokio gsii sind, isch da en Huuffe in Bewegig gsii», sagte er mit säuerlichem Lächeln. Er hat die Stimmung auf dem Flughafen auf den Punkt gebracht: ein Gemisch von Galgenhumor und Abgeklärtheit. Eine Flight Attendant hieb zwei Tage zuvor in dieselbe Kerbe: «Vielleicht fliegen wir in Zukunft mit dem Kranich der Lufthansa auf dem Revers. Hauptsache, wir fliegen.»

Damals flossen die Tränen
Seit dem Grounding ist nichts mehr, wie es war. Damals flossen die Tränen. Trauer, Wut und Ohnmacht erfasste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie hatten einen Teil ihrer Identität verloren. Während die stolzen Swissair-Flugzeuge am Boden blieben, schwoll der Zustrom der Menschen in die Flughafenkapelle in einem Masse an, wie wir es nicht für möglich gehalten hätten. Wir mussten Flipcharts aufstellen, wo die Besucher ihre Enttäuschungen und Hoffnungen niederschreiben konnten.

Die Sicherheit des Arbeitsplatzes war mit einem Schlag dahin. Daran änderte auch die Gründung der Swiss nichts. Eine Restrukturierung löst die andere ab. Entlassungen und Sparmassnahmen, zum Beispiel die Kürzung der Pensen, gehören zum Alltag. Die Erkenntnis, dass es nun auch im Flughafen Working Poor gibt, schmerzt uns. Dass auf dem Flughafenareal ein Regionales Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) entstand – es wurde ein paar Monate später wieder geschlossen –, spricht für den Ernst der Lage.

Wir Flughafenseelsorger arbeiten mit den Personal- und Sozialdiensten der Swiss eng zusammen. Sozialarbeit ist ja auch Teil der kirchlichen Arbeit, nur läuft sie bei uns unter dem Begriff Diakonie. Diakonie heisst dienen. Neue Stellen können wir den Arbeitslosen nicht anbieten. Natürlich schauen wir immer wieder die Stellenanzeiger an – hin und wieder haben wir auch schon jemanden auf eine Möglichkeit hinweisen können.

Wichtig ist sicher, dass wir alle, die sich an uns wenden, anhören. Vielleicht können wir einem Ratsuchenden helfen, die Prioritäten zu erkennen. Ist es nun wichtiger, den Mietzins zu bezahlen oder dem Kind einen dringend nötigen Stützkurs in Deutsch zu finanzieren? Probleme in der Familie oder mit dem Partner, die schon vorher da waren, werden plötzlich akut. Wir haben auch schon Therapeutinnen vermittelt. Oder wir beten mit den Ratsuchenden, wenn sie das wünschen.

Das Eingeständnis, es würden Verhandlungen mit der Lufthansa geführt, hat hier niemanden überrascht, daran änderten auch die zuvor abgegebenen Dementis nichts. Denn wer hier arbeitet, weiss, dass die Swiss für den Alleingang zu klein ist. Gegenüber den Deutschen herrscht mehrheitlich eine positive Grundhaltung. Sie seien genau und zuverlässig, bekommen wir immer wieder zu hören.

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Verlorener Kampf gegen Billigflieger
Dass erneut das Damoklesschwert der Restrukturierung über allen Sparten hängt, kann nicht wegdiskutiert werden. Es löst Bedrückung und Angst, aber keine Panik aus. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter scheinen gewillt, dies auf sich zu nehmen, etwa unter der Devise: «Das geht wohl nicht anders, aber nachher ist unser Fortbestand doch einigermassen gesichert.»

Dauerfrust herrscht hingegen bei den ehemaligen Crossair-Piloten: Ihre Stellen sind mit oder ohne Lufthansa gefährdet. Sie fliegen die Kurzstrecken und kämpfen einen verlorenen Kampf gegen die Billigflieger. Die verzweifelte Hoffnung, im Falle von Entlassungen wären ehemalige Swissair- und Crossair-Piloten zu gleichen Teilen betroffen, hat sich bis jetzt nicht erfüllt.

Eines jedoch vereint die ehemaligen Swissair- und Crossair-Mitarbeiter: Wenn die Swiss ihre Unabhängigkeit verliert, schmerzt das beide nicht so stark. Ein älterer Flight Attendant fasste die Stimmung recht gut zusammen: «Was jetzt geschieht, ist mir gleich. Mit der Swissair identifizierte ich mich, bei der Swiss mache ich meinen Job.»

Er und die meisten Swissair-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen waren der Überzeugung, für ein besonderes Unternehmen zu arbeiten. Sie waren top motiviert. Der Dienst am Kunden war eine Selbstverständlichkeit – so selbstverständlich wie der Anspruch, besser als die Konkurrenz zu sein.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden seit dem Grounding immer neuen Wechselbädern ausgesetzt. Ruhe inmitten der Hektik finden viele in der Flughafenkapelle, die Christen, Moslems und Juden offen steht. Nach dem Grounding ist der Besuch der Kapelle etwas zurückgegangen. Seit einiger Zeit steigt er aber wieder kontinuierlich an.

Auch in den Zentren der Städte besuchen die Menschen über Mittag vermehrt Kirchen; sie suchen Ruhe und Einkehr. Wir sehen darin eine neue Form der religiösen Praxis: ein Ort der Besinnung im Alltag als Ergänzung oder Alternative zum traditionellen Sonntagsgottesdienst.

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