Ein Mädchen im Wachkoma stellte vor acht Jahren in meinem Leben ganz bestimmte Weichen. Rückblickend war es der eigentliche Auslöser für meinen fünften Dokumentarfilm. Ich lernte Kaja und ihre Mutter bei Recherchen zu einem Artikel im Rehabilitationszentrum Affoltern kennen, der einzigen Schweizer Reha-Klinik für Kinder, die schwere Unfälle oder Operationen überlebt haben. Das Mädchen blieb nach einem Badeunfall trotz Reanimation unansprechbar. Über Kajas Bett hing ein Mobile, und ich fragte mich immer wieder: Folgen ihre Augen diesen schwebenden Figuren oder nicht?

Kajas Mutter fuhr damals schon seit drei Jahren jeden Morgen von Zürich in die Klinik, wusch ihr Kind, kleidete es an und gab ihm das Frühstück. Dann ging sie arbeiten und kehrte am Abend zu Kaja zurück. «Wenn das Kind nicht wüsste, dass es hier noch eine Aufgabe zu erfüllen hätte, würde es sterben», erzählte sie mir. Hinter dieser Aussage steckten die Kraft und die Macht bedingungsloser Liebe, wie ich ihr noch nie begegnet war. Eines Tages, das wusste ich, würde ich mich wieder mit diesem Thema beschäftigen. Vor etwa eineinhalb Jahren schrieb mir Kajas Mutter, ihr Kind sei gestorben. Jetzt bekam das Thema im Rahmen der Dokumentarfilme, die ich immer zusammen mit Stascha Bader mit gebührender Stille und Diskretion realisiere, seinen Platz.

Gegenseitiges Vertrauen ist wichtig
Die Hauptschwierigkeit bei dieser Art von Filmen ist die Suche nach Betroffenen, die bereit sind, sich auf das gemeinsame Wagnis einzulassen. Meist vermitteln Fachleute, die unsere bisherigen Arbeiten kennen, die ersten Kontakte. In diesem Fall bot Chefarzt Beat Knecht von der Reha-Klinik in Affoltern Hand. In intensiven Gesprächen lernte ich dann die Familien kennen und nahm mir genügend Zeit für sie. Denn sie müssen sich sicher fühlen können, dass nichts ausgestrahlt wird, mit dem sie sich nicht einverstanden erklärt haben. Wir verbringen ja jeweils eine lange und intensive Zeit zusammen, und ich erfahre Einzelheiten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Die Frage, ob dieser Dokumentarfilm mein Leben verändert habe, kann ich so nicht beantworten. Jeder Film hinterlässt Spuren. Nicht dass ich meinem Leben jetzt einen dramatischen Richtungswechsel gegeben hätte. Aber jeder Film brachte mir wegweisende Begegnungen. Und jeder Film machte mir bewusst, wie schnell unser Leben und dasjenige der Angehörigen auf den Kopf gestellt werden kann, wenn wir aus einem unbeschwerten Alltag herausgerissen werden und plötzlich zu einer Minderheit gehören.

Dass ich jetzt bewusster lebe, trifft nicht ganz zu. Ernsthafter, ja. Wenn man sich immer wieder mit solchen Grenzsituationen auseinander setzt, bekommt das Leben eine Ernsthaftigkeit – nicht zu verwechseln mit Schwere.

Im Umgang mit der eigenen Zeit bin ich geradezu radikal geworden. Für Blabla ist kein Platz mehr in meinem Leben. Zudem hat mein Horizont gewonnen. Man muss vieles für möglich halten, um diesen Menschen und ihren Angehörigen auf einer fairen Ebene zu begegnen.

Im Film kommt der Arzt von Manuela, die seit drei Jahren im Wachkoma liegt, zum Schluss, bei ihr sei eine weitere Rehabilitation eher unwahrscheinlich, weil 95 Prozent der Hirnzellen zerstört seien. Das Mädchen wurde von einem automatischen Garagentor erfasst und an die Decke gedrückt. Die Eltern betrachten den Zustand ihrer Tochter aus einer ganz anderen Perspektive. Sie glauben, die Hirnzellen seien deaktiviert und könnten mit Anreizen stimuliert werden. Was ich glaube? Gar nichts. Zwar orientiere ich mich eher an der Schulmedizin. Ob sie Recht hat oder nicht, ist für mich aber völlig irrelevant geworden. Es geht mir darum, Raum zu schaffen für mögliche Entwicklungen.

Die Oje-Schiene umfahren
Vermutlich berühren Kinder im Koma mehr als beispielsweise erwachsene Töfffahrer. Ich denke aber, es ist uns gelungen, die Oje-Schiene zu umfahren. Manuela kann ja nur noch bis Ende dieses Jahres in der Klinik in Affoltern bleiben. Wo sie nachher Pflege und Zuwendung findet, ist ungewiss. Neben dem Platz in einem Alters- und Pflegeheim bietet sich im Moment keine Alternative an. Ein Fall wie Manuela ist in unserem Gesundheitssystem einfach nicht vorgesehen.

Mein Anliegen ist es, auch auf gesundheitspolitischer Ebene eine Diskussion in Gang zu bringen. Ich will nicht wie ein Apostel daherreden. Aber ich frage mich wirklich, warum wir bis heute keine Amtsstelle für gesellschaftliche Verantwortung haben. Es reicht nicht, alles auf die soziale Ebene zu verlegen. Denn es sind gesamtgesellschaftlich relevante Fragen, die nach adäquaten Antworten verlangen. Ein weites Feld.

Dass man wie ich zwei Leidenschaften miteinander verbinden kann, nämlich das Filme- und das Büchermachen, ist ein Privileg, und die Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen sind eine Bereicherung. Das erfüllt mich mit grosser Freude und Dankbarkeit.

Anzeige