Von meiner Nominierung war ich überrascht, denn es gibt ja viele andere Menschen, die sich ebenso engagieren. Vielleicht wurde ich wegen meiner Beharrlichkeit vorgeschlagen. Anfang der neunziger Jahre war Flüchtlingen ohne Identitätspapiere der Zutritt zur Basler Empfangsstelle für Asylsuchende verboten. Eines Tages stand eine Familie mit Kindern vor der Tür, es regnete. Ich bot der Familie an, mit mir zu kommen; daraus entstand ein Hilfsnetz von privaten Unterkünften, an dem sich schon bald viele Leute beteiligten.

Den Anstoss, mich gegen Diskriminierung und Ungerechtigkeit zu wehren, erhielt ich durch die Frauenbewegung. Nach dem Studium gründeten wir in Basel die Genossenschaftsbeiz Hirscheneck und später die Rösslibeiz der Kulturwerkstatt Kaserne.

Als wir eine türkische Woche organisierten, störte es mich, dass keine Türkin das Wort ergriff. Deshalb schloss ich mich mit Migrantinnen zusammen und eröffnete eine Frauenberatungsstelle. Ich lernte Türkisch und absolvierte bei einer Anwältin ein Praktikum. Seither begleite ich regelmässig Migrantinnen und Migranten zu den Behörden und vertrete sie in rechtlichen Fragen.

Bei der Emanzipation beistehen
Immer wieder kam es zu spannenden Aktionen. So wehrten sich 60 allein stehende Frauen, fast alles Kriegswitwen, nach Bosnien zurückkehren zu müssen: Sie schrieben ein Buch über ihre Situation und wandten sich an Politikerinnen. Schliesslich durften sie bleiben. Von der Frauenbewegung her weiss ich, dass wir Menschen bei ihrer Emanzipation nur beistehen, diesen Prozess jedoch nicht für sie übernehmen können.

Für mich ist die Asyl- und Migrationspolitik zum Lebensthema geworden. Warum? Weil sich unsere Menschenrechtspolitik daran misst, wie wir mit den Menschen umgehen, die in unserer Gesellschaft die niedrigste Position haben.

1996 erhielt ich bei Solidarité sans frontières eine Stelle als politische Sekretärin. Ich blieb acht Jahre. Es war ein Privileg, für die eigene Überzeugung arbeiten zu dürfen und damit den Lebensunterhalt zu verdienen. Zu meinen Aufgaben gehörte auch die Koordination der vielen Gruppen, die sich für eine menschlichere Asyl- und Migrationspolitik einsetzen.

Wir kämpften zum Beispiel dafür, dass frauenspezifische Fluchtgründe anerkannt werden und Migrantinnen eine eigene Aufenthaltsbewilligung erhalten, die nicht vom Zivilstand abhängig ist. Ein Thema war auch die unhaltbare Situation der Sans-Papiers. Erst als die Betroffenen selber auf die Strasse gingen, fand ihr Problem endlich Beachtung: Bundesrätin Ruth Metzler erliess ein Rundschreiben, und 1800 Personen erhielten ein Bleiberecht. Vor einem Jahr setzte Bundesrat Christoph Blocher das Dekret jedoch ausser Kraft. Es hat etwas Diktatorisches, dass Blocher mit einem Federstrich alles vernichten konnte, was wir über Jahre politisch erkämpft und erarbeitet hatten.

Später wurden dann die Asylsuchenden von der Politik buchstäblich auf die Strasse gestellt. So haben wir wieder damit begonnen, Privatunterkünfte zu organisieren. In Baselland haben wir heute Räume, in denen die Abgewiesenen selber kochen können, weil sie in der Notunterkunft oft nicht genug zu essen erhalten. Wir beraten die Betroffenen juristisch, und sie können Deutsch lernen. Daneben mache ich viele Besuche im Ausschaffungsgefängnis.

Die politischen Rückschläge frustrieren, doch es wäre vielleicht noch schlimmer, wenn niemand Widerstand leisten würde. Ich erhalte oft Anrufe von Leuten, die mich auf Verletzungen der Rechte von Asylsuchenden hinweisen. Immer wieder treibt mich bei meinem Einsatz auch die Wut an. Kürzlich musste ich mich bei einem Besuch eines Ausschaffungshäftlings bis auf die Unterwäsche ausziehen. Und die Polizei wollte von meinen Nachbarn wissen, wer in meiner Wohnung aus und ein geht.

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Lieber eine Demo organisieren
Die Idee, 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis zu nominieren, überzeugte mich. Denn so wird die Arbeit der vielen Nichtregierungs-Organisationen sichtbar. Für die Auswahl der Frauen galten verschiedene Kriterien: Sie müssen nicht nur engagiert sein, sondern für eine Sache arbeiten, die langfristig wirkt. Ende Mai stellten die fünf Frauen, die in der Schweiz für den Friedensnobelpreis nominiert wurden, ihre Arbeit vor. Die Projekte sind zwar verschieden, aber alle verbindet der Einsatz für die Menschenrechte. Nun haben wir beschlossen, Mitte Oktober eine gemeinsame Erklärung zu veröffentlichen.

Wenn wir den Preis tatsächlich erhalten, ist das eine Ermutigung. Wir werden bestimmt auch weiterhin Vorschläge für parlamentarische Vorstösse zu menschenrechtlichen Problemen machen. Doch den Bundesräten irgendwelche Bittschriften zuzuschicken, um eine stereotype Antwort zu erhalten, liegt unter meiner Würde. Da organisiere ich zusammen mit Gleichgesinnten lieber eine Strassenaktion oder eine Demo.

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