Bisher empfingen mich die Balinesen auf der «Insel der Götter» immer mit ihrer freundlichen und liebenswürdigen Offenheit. Diesmal, zwei Tage nach dem Bombenattentat im Badeort Kuta, spürte ich schon beim Anflug auf die Piste des Ngurah-Rai-Flughafens in Balis Hauptstadt Denpasar die kollektive Depression, die auf den Inselbewohnern lastet. Tatsächlich war alles anders als früher. Das sonst allgegenwärtige Lächeln fehlte.

Normalerweise gehen die Einheimischen im Supermarkt spontan auf die westlichen Touristen zu und knüpfen ein Gespräch an. Jetzt wandten sich alle verlegen von mir ab. Später liess ich mir von Bekannten erklären, dass sich jeder einzelne Balinese für das Bombenattentat mit rund 200 Toten und 400 Verletzten verantwortlich fühle und sich schäme, dass die Gäste nicht besser beschützt wurden. Meine Gefühle lassen sich nur schwer in Worte fassen: Es war, als hätte die Bombe am 13. Oktober alle Balinesen ins Herz getroffen und sie tief verletzt.

Eine unheimliche Stille
Seit drei Jahren betreue ich auf Bali das Aktionsprogramm «Kann kollektiver Gewalt vorgebeugt werden?». Es ist Teil meines weltweiten Engagements als Gründerin und Leiterin des Psycho-Political Peace Institute in Stäfa am Zürichsee (www.pppi.net). Hier bilde ich auch Leute aus, die in anderen Ländern mit Gewaltprävention oder Posttrauma-Arbeit positive Veränderungen mittragen wollen.

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Ein Teil dieses Präventionsprojekts konzentriert sich auf die Slums von Kuta, wo die Bombe explodierte. Hier arbeiten wir mit verschiedenen ethnischen Gruppierungen – meist Zuwanderern von anderen indonesischen Inseln –, um Gewaltausbrüchen vorzubeugen. Schon vor Jahren spürte ich, dass sich in diesem Umfeld Spannungen aufbauen.

Als ich die Unglücksstelle besuchte, wirkte die Hauptstrasse von Kuta wie ausgestorben. Trotz dem Dröhnen der Riesenbagger war der Ort in eine unheimliche Stille getaucht. Vereinzelt sassen Balinesen auf den Trottoirs vor ihren Geschäften. Zaghaft versuchten sie mich anzusprechen: «Brauchen Sie ein Taxi?»

Hinter der Absperrung ergoss sich ein Meer von Blumenkränzen. Behutsam griff ein Fremder einen davon heraus und zupfte das herunterhängende Stoffstück zurecht: «Liebe Laura, du wirst uns nie verlassen, wir werden dich in der nächsten Welt wieder treffen. Mom + Pop», stand darauf. Nebenan sassen einige Balinesen in zeremonieller Kleidung, unter ihnen auch Priester. Sie sangen und beteten.

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In den Dörfern begegnete ich immer wieder Balinesen auf dem Weg zum Tempel. Da riefen die Priester zu Reinigungs-, Segnungs- und Heilungszeremonien zusammen und brachten den Göttern der Insel Opfergaben dar.

Das Leben hier ist von einer besonderen Art des Hinduismus geprägt. Der Obere von Kuta versuchte mir den Glauben des Inselvolks verständlich zu machen: dass dieses Unglück ohne den Willen der Götter nicht hätte geschehen können. Daher sind den Balinesen Hassgefühle fremd. Menschen, die sich zu einem solchen Terrorakt hinreissen lassen, sind in ihren Augen bedauernswerte Geschöpfe.

Aufgrund der hinduistischen Religion und des Glaubens an die Wiedergeburt hat das kollektive Trauma auf dieser Insel sein ureigenes Gesicht. Jeder Balinese, wo immer er auch wohnt, ist zeitlebens in seinen Heimatort, in seinen Banjar, eingebettet. Nach seinem Tod ruft der Priester oder Brahmane den Geist ins Dorf zurück; anschliessend wird der Körper, begleitet von aufwändigen Zeremonien und Ritualen, verbrannt.

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Für die Kremation und die spätere Reinkarnation muss die vollständige Leiche vorhanden sein. Von vielen Opfern des Bombenanschlags waren jedoch nur noch einzelne Körperteile übrig geblieben. Um diesem Dilemma auszuweichen, beschloss man in einigen Dörfern, die Säcke mit den Überresten gar nicht erst zu öffnen. In anderen wiederum wurden die fehlenden Körperteile mit Lehm nachgeformt.

Auf Wunsch von Kollegen unterstützte ich während meines Besuchs im Krankenhaus das psychologische Nothilfeteam für die Brandopfer. Auf der behelfsmässig eingerichteten Intensivstation lagen noch rund 20 balinesische und indonesische Opfer. «Was kann ich denn hier tun?», fragte ich mich immer wieder und versuchte als Erstes, die Verwundeten mit einfachen Entspannungsübungen vertraut zu machen. Indem sie lernen, ihre Gedanken sich selber zuzuwenden, werden ihre Selbstheilungskräfte aktiviert. Die Brandopfer nahmen diese Herzübungen, wie ich sie nenne, dankbar an.

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Eine örtliche Universität bat mich, meine Erfahrungen im Umgang mit kollektiven Traumata und der Vorbeugung von Gewalt in einem eigens gebildeten Team einzubringen. Gemeinsam begannen wir, langfristige Massnahmen zu entwickeln, um den psychologischen Langzeitschäden zu begegnen.

In erster Linie muss man die Freiwilligen begleiten, die vor Ort mithalfen, Leichenteile und bereits verwesende sterbliche Überreste in Plastiksäcke zu verpacken. Es handelte sich vorwiegend um Schüler und Studenten. Sie erlitten schwere Traumata, die in der Regel erst drei bis vier Wochen später zum Ausbruch kommen. Sie haben therapeutische Hilfe nötig, um das schreckliche Geschehen verarbeiten zu können. Auch die Angehörigen von Opfern und Verletzten brauchen professionelle Unterstützung.

Verschärfung der Konflikte
Bali leidet nicht nur unter Schock und tiefer Depression, auch der Tourismus ist zum Erliegen gekommen – für den Grossteil der Bevölkerung die Haupterwerbsquelle. Die Arbeitslosenzahl wird steigen, viele stehen vor einem Überlebenskampf. Dadurch, so befürchte ich, werden sich die Konflikte zwischen den Balinesen und den multi-ethnischen Bevölkerungsgruppen anderer Inseln noch verschärfen.

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Gewalt und Aggression wiederum bauen ein riesiges Feld von Angst auf. Ich habe diese Angst gespürt. Sie umschliesst die Herzen der Balinesen wie ein schwerer Umhang.