Da ich schon zweieinhalb Jahre in Krisengebieten gearbeitet habe, bin ich einiges gewohnt. Was ich nun aber in Pakistan sehe, bringt mich ab und zu doch an die Belastungsgrenze. Was kann ich einer Frau schon bieten, deren zwei Kinder unter den Trümmern des zerstörten Hauses begraben liegen? Wie soll ich sie trösten, wenn sie mir sagt, für sie sei ihr Leben beendet? Da muss ich auch mal gegen die Tränen kämpfen. Doch ich bin Profi genug, um meine Gefühle immer wieder zurückzustecken. Für die Arbeit brauche ich einen freien Kopf: Wir müssen uns um die Überlebenden kümmern – jeden Tag von morgens früh bis tief in die Nacht hinein.

Die Caritas ist im pakistanischen Teil Kaschmirs und in der benachbarten Grenzprovinz tätig. Die Zeit drängt. In unserem Einsatzgebiet in und um die Stadt Mansehra sind die Höhenzüge bereits von Schnee bedeckt. Normalerweise fällt Anfang Dezember intensiver Regen, der nach wenigen Tagen in Schnee übergeht. Gegenwärtig ist die Temperatur tagsüber noch angenehm, aber in den Nächten wird es bereits empfindlich kalt.

Hilfe für 50 Grossfamilien pro TagJetzt klären wir unter anderem die Bedürfnisse jener Familien ab, die ihre Verwandten aufgenommen haben, die aus den Bergen geflohen sind. Wir, das sind drei Teams mit je sechs Frauen oder Männern. Die Hilfsbereitschaft innerhalb der einzelnen Clans sprengt unser Vorstellungsvermögen: Da verfügt etwa eine Witwe über ein noch einigermassen intaktes Haus mit einem grossen Hof. Ohne zu zögern, nimmt sie acht Familien auf. In dieser Region heisst dies: acht Familien, von denen jede zehn bis zwölf Mitglieder zählt. Das sind also zwischen 80 und 100 Personen – darunter kleine Kinder, alte Leute und schwangere Frauen. Diese finden fürs Erste unter einigen Plachen notdürftig Schutz. Die Kehrseite dieser Solidarität ist, dass sie häufig nur für Angehörige des gleichen Clans gilt.

Unsere drei Teams können an einem Tag die Bedürfnisse von rund 50 Familien prüfen. Danach gilt es, innerhalb kurzer Frist – am besten gleich am nächsten Tag – die dringend benötigten Hilfsmittel zu liefern. Meist bringen wir Plastikplachen, zwei oder mehrere schwere Decken, die auch als Matratzen verwendet werden können, Küchenutensilien und Hygieneartikel. Auch die Nahrungsmittelhilfe müssen wir in die Wege leiten.

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Kein Händedruck für fremde MännerWir müssen akzeptieren, dass in Pakistan die Welt der Frauen und jene der Männer strikte voneinander getrennt sind. Frauen sprechen mit Frauen, Männer mit Männern. Mit jedem Tag verstehe ich die Regeln, die zwischen Männern und Frauen gelten, etwas besser – aber noch lange nicht ganz. Selbstverständlich ist, dass ich keinem fremden Mann die Hand gebe. Auch habe ich stets ein Tuch bei mir, um meine Haare zu bedecken.

Ein Aufsteller ist, dass die fremden Sitten unsere Hilfsarbeit nicht im Geringsten behindern. Wir arbeiten sehr freundschaftlich und effizient mit Vertretern der pakistanischen Caritas oder auch anderen nichtstaatlichen Organisationen zusammen. Bisher hat die Caritas 1500 Zelte und sanitäre Einrichtungen in die Region gebracht. Dieses Projekt wird auch von der Glückskette unterstützt.

Die Hilfsgüter in die abgelegenen Bergregionen zu bringen ist eine grosse Herausforderung. Weil viele Strassen und Wege verschüttet sind, geben wir die Zelte und Decken an Sammelstellen in den Tälern ab. Die Begünstigten kommen mit ihren Maultieren dorthin und gehen dann mit der Ware zu Fuss in die Dörfer zurück. Schätzungsweise 150'000 Personen – meistens Männer – haben allein in unserer Region ihre teils zerstörten, hoch gelegenen Behausungen nicht verlassen: Sie wollen weiter für ihr Vieh sorgen. Ob sie dort oben ohne ein Dach über dem Kopf überleben können, ist fraglich. Der Winter hier ist bitterkalt. Hie und da gelingt es, eine Strasse für kurze Zeit zu öffnen, aber häufig sind die Hilfsorganisationen auf Helikopter angewiesen.

Mein Einsatz in Pakistan dauert sechs Wochen. Ich verrichte diese Arbeit gern: Es gibt mir Kraft, wenn ich den Menschen helfen kann. Gerade die Frauen sind so dankbar und herzlich. Sie haben nichts und laden uns trotzdem zum Tee ein.

Auch die Unterkünfte für die Helfer sind nach dem Erdbeben knapp. Wir teilen uns zu sechst in ein Zimmer. Einige Kolleginnen kommen manchmal erst nach Mitternacht von ihren Einsätzen zurück; selbst wenn sie ganz leise sind, wachen die anderen auf. In solchen Momenten sehne ich mich nach einer ruhigen Nacht und tiefem Schlaf. Doch das wird erst nach meiner Rückkehr möglich sein.

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Wiederaufbau erst im FrühlingMomentan hat die Not- und Überlebenshilfe höchste Priorität. Noch werden Tausende wintersicherer Zelte gebraucht, die Hilfswerke sind auf Spenden angewiesen. Neben der Soforthilfe machen wir uns auch Gedanken über die Zukunft. Im Frühling, nach der Schneeschmelze, duldet die Wiederherstellung der Infrastruktur keinen Aufschub mehr. Damit die Leute wieder in ihre Dörfer in den Bergen zurückkehren, braucht es Strassen und Schulen. Erst dann haben die Menschen eine Perspektive für ihr zukünftiges Leben.