Eigentlich hatten meine Schwester und ich immer ein gemeinsames Schneideratelier eröffnen wollen - sie war Damenschneiderin, ich hatte Herrenschneiderin gelernt. Doch es kam ganz anders. Ich stamme ursprünglich aus Renens am Genfersee. Ins Appenzellerland, konkret nach Teufen, hat es mich verschlagen, weil ich damals meiner Tante für zwei Monate zur Hand gehen sollte. Sie brauchte Hilfe in ihrem Lädeli, weil ihre Mutter, also meine Grossmutter, krank geworden war. So fuhr ich mit 20 - ich bin 1917 geboren, es war folglich kurz vor dem Krieg - in die Ostschweiz. Und blieb.

70 Jahre lang habe ich in diesem Lädeli hinter der Theke gestanden. Es war immer streng. Vor allem während des Krieges. Wir mussten uns mit den Lebensmittelkarten und -märkli herumschlagen, mussten nach Ladenschluss die Marken auch noch aufkleben und ganz genau Buch führen - eine zusätzliche Heidenarbeit, kann ich Ihnen sagen! Wir hatten ja sonst schon viel zu tun, der Grossmutter ging es nicht gut, und meine Tante musste ich später auch noch pflegen. Als ich 26 war, wurde meine Tochter geboren, und nur drei Jahre später starb mein Mann bei einem Unfall. Er war mit einem Kollegen segeln gegangen und kam nicht wieder. Ich hatte ihm noch gesagt: «Geh nicht, du kannst ja gar nicht schwimmen.» Aber er ging trotzdem. Geheiratet habe ich nie mehr. Nicht, dass ich keine Angebote hatte, viele machten mir den Hof. Einer kam sogar immer wieder von Genf herauf und wollte sogar meine Tochter adoptieren. Aber ich wollte nicht. Einer hat mir gereicht.

Im Krieg blühte der Schwarzhandel

In unserem Lädeli gabs alles, von Porzellan über Tubakpfeifen zu Butter, Reis, Käse, Eier, Polenta, Mehl, Wein, Haarspangen, Nähfaden, Jasskarten - eben wirklich alles, was man im Haushalt so braucht. Fleisch, Obst und Gemüse führten wir eigentlich nicht. Wenn mir aber mal ein Bauer zehn Poulets anbot oder fünf Kilo Chriesi, dann gabs die zusätzlich im Angebot. Während des Krieges war die Ware rationiert, Lebensmittel gab es nur gegen Märkli. Aber wenn wir Milch oder Butter oder Eier übrig hatten, dann verkauften wir sie halt schwarz. Das war zwar illegal, aber die Leute waren immer froh, wenn es noch was zusätzlich gab. Am meisten verkauften wir natürlich Grundnahrungsmittel wie Nudeln, Mehl und Reis. Ebenfalls grosse Nachfrage herrschte aber nach Schoggi. Wir hatten eine ganze Vitrine voll mit den verschiedensten Marken und Sorten.

Das Sortiment ist jetzt schon ziemlich geschrumpft, der Laden halb leer. Manches musste ich fortschmeissen. Etwa die Sauger für die Kälbli. Die kommen in den Kessel mit Milch, damit das Kalb zum Trinken so etwas Ähnliches wie eine Zitze hat. Da diese Sauger aus Gummi hergestellt sind, wurden sie über die Jahre ganz spröd und trocken, die hätte ich nicht einmal mehr verschenken, geschweige denn verkaufen können. Dafür kommen immer wieder Leute, die mir das Inventar abkaufen wollen. Die Münzteller, meine schöne Waage, das Gütermann-Kästchen mit den Nähseiden, die Vitrinen, die Kasse und natürlich auch die alten Werbetafeln. Für eine speziell schöne hat mir jemand sogar 500 Franken geboten. Aber ich habe sie nicht hergegeben.

Mit den Kindern war es so eine Sache. Ich habe immer wieder mal eins erwischt, das gestohlen hatte. Vor allem Schokolade haben die Schlingel geklaut, Kinder mögen halt sehr gerne Süsses. Es waren übrigens keineswegs immer Kinder von armen Leuten, auch reiche waren darunter. Bei einem habe ich mich sogar hinter der Ladentheke versteckt, um den Dieb zu entlarven. Einmal, etwa vor 30 Jahren, wollte sogar jemand bei uns einbrechen. Der Dieb hatte versucht, durch ein Astloch den Schiebeladen hochzustemmen. Dabei muss er wohl abgerutscht sein, denn es gab einen Riesenchlapf, als der Laden wieder runterdonnerte. Er ist dann abgehauen, wurde aber bald erwischt.

Nachts noch in die Samenabfüllerei

So richtig geschlossen war unser Laden selten. Ich öffnete auch nachts um elf, etwa wenn ein Bauer Petroleum kaufen wollte, weil die Familie im Dunkeln sass, oder wenn sonst etwas im Haushalt fehlte. Weil das Geschäft nicht so viel abwarf, habe ich jahrelang abends noch in einer Samenabfüllerei gearbeitet. Von acht Uhr abends bis um Mitternacht. Jemand musste ja dafür sorgen, dass Geld hereinkam. Und nebenher hatte ich noch das Kind und meine Grossmutter, die ich zwölf Jahre lang pflegte. Und den Garten, die Kaninchen und die Hühner, die wir auch noch hielten.

Jetzt schliessen wir den Laden für immer. Ich bin immerhin am 6. Oktober 90 geworden. Einen Nachfolger habe ich nicht. Meine Tochter ist krank und wird das Geschäft nicht weiterführen können. Und viel Gewinn hat es eh schon lange nicht mehr abgeworfen. Darum macht es jetzt keinen Sinn mehr, auch wenn mir der Laden fehlen wird. Aber immerhin: Es ist der letzte von neun solcher Läbis in Teufen, der schliesst. Die anderen haben viel weniger lange durchgehalten!

Anzeige