Einen Lieblingsort in der Schweiz habe ich nicht. Als gebürtige Münchnerin und Skifahrerin liebe ich natürlich die Berge. Doch dieses Land hat so viele wunderschöne Flecken.

Beruflich fliege ich rund fünf- oder sechsmal im Jahr von Brüssel in die Schweiz – meistens nach Bern. Eigentlich sollte ich häufiger anreisen, doch unser Programm in der Zentrale der Europäischen Union ist dicht. Als Leiterin der Abteilung für die Beziehungen der EU zur Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) habe ich auch mit der Schweiz zu tun. Einer meiner Mitarbeiter bearbeitet ausschliesslich die Schweizer Dossiers. Zu meinem Bereich gehören Kontakte zu den ganz kleinen Ländern Europas – wie etwa San Marino, Monaco oder Andorra.

Gerne vergleiche ich unsere Arbeit mit einem Kugellager: Wir achten darauf, dass alles rund läuft. Sämtliche Fragen zu den gegenseitigen Beziehungen gehen über unser Pult. Die bilateralen Verträge mit der Schweiz sind dafür ein gutes Beispiel.

Da geht es unter anderem um Lastwagen, Landwirtschaft oder den Personenverkehr: Themen, die koordiniert und zu einem Gesamtpaket geschnürt werden mussten. Während der Verhandlungen sind alle Fäden bei uns zusammengelaufen, zum Teil haben wir auch direkt verhandelt.

Überstunden sind die Regel
Unsere Kontaktländer sind in Brüssel sehr gut vertreten: die Schweiz mit einer grossen Mission, die Efta mit einem Sekretariat und die anderen Länder mit Botschaften. Deshalb finden die meisten Sitzungen bei uns statt.

In Brüssel beginnt der Arbeitstag nicht so früh – in der Regel um etwa neun Uhr. Auch die Mittagspause ist relativ lang. Dafür geht niemand bereits um 17 Uhr nach Hause. Überstunden sind ohnehin die Regel. Oft heisst es zwar, die EU beschäftige viel zu viele Beamte. Wenn man aber an all die vielen Bereiche denkt, stellt man fest, dass die einzelnen Sektoren eher dünn besetzt sind.

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Ich bin gespannt, ob die Schweizer Stimmberechtigten am 21. Mai den Verträgen zustimmen werden. Ich hoffe es sehr. Vor der Abstimmung halten wir uns aber zurück und mischen uns nicht in die Meinungsbildung ein.

Beide Seiten profitieren
Für die EU ist es sehr gut, dass sie eine Lösung mit der Schweiz gefunden hat. Das Paket mit den sieben Abkommen bringt beiden Seiten markante Fortschritte. Es war ein anstrengender, aber fruchtbarer Prozess. Nachdem die Schweizer 1992 den EWR abgelehnt hatten, standen die Beziehungen weitgehend still. Gleichzeitig baute die EU ihre anderen Aussenkontakte aus. Damit ist die Schweiz schleichend zum Sonderfall geworden.

Die Sektorabkommen waren der einzige Weg, den die Schweiz als möglich erachtete. Für jene, die das Paket auf unserer Seite verhandelt haben, war es eine sehr intensive Zeit. Wir mussten Lösungen finden, die speziell für die Eidgenossenschaft massgeschneidert wurden.

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Der Grundsatz etwa, dass die Schweiz beim Dossier Personenverkehr während 12 Jahren die Möglichkeit behält, die Zuwanderung von Arbeitskräften in Grenzen zu halten, war für uns ein Quantensprung. Mit diesem Modell, das in meiner Abteilung entwickelt wurde, sind wir von einem Grundsatz der EU-Philosophie abgewichen: Eine Schutzklausel gibt es im Bereich Personenverkehr sonst nicht.

Entsprechend hart war die Arbeit, die Leute auf unserer Seite zu überzeugen. Wir haben aber gesehen, dass die Schweiz sonst die Verhandlungen wahrscheinlich abgebrochen hätte.

Immer wieder werde ich gefragt, ob die Schweizer speziell schwierige Partner seien. Dem ist aber nicht so. Der alltägliche Umgang ist völlig normal. Zudem: Alle Verhandlungen sind schwierig, wenn es um viel geht. Das war bei den bilateralen Verträgen der Fall.

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Den Schweizer Chefunterhändler Jakob Kellenberger habe ich als kompetenten und umgänglichen Mann kennen gelernt, aber auch als sehr vorsichtigen Verhandler. Natürlich müssen die Schweizer immer daran denken, dass sie ihr Resultat durch eine Volksabstimmung bringen müssen. Doch auch Regierungen, die auf keine Abstimmung angewiesen sind, wollen keine schlechten Resultate nach Hause bringen.

Jedes Land muss selber bestimmen, welchen Weg es gehen will. Die EU hat keine Probleme, dies zu akzeptieren. Die Grundidee der EU war ja, Feindseligkeiten zu überwinden und die Gräben der Kriege zuzuschütten. Dieses Problem hatte die Schweiz nicht. Dass der reine Wirtschaftsbund nach wenigen Jahrzehnten eine Staatengemeinschaft mit gemeinsamer Währung sein würde, war nicht absehbar.

Der Abstand ist gross geworden
Für die Schweiz heisst das: Der Abstand ist sehr schnell sehr gross geworden. Ich verstehe gut, dass ein Land diese Distanz nicht von heute auf morgen überwinden will und kann. Ein Präjudiz für einen EU-Beitritt sind die bilateralen Verträge aber überhaupt nicht. Sie haben ihren eigenen Stellenwert. Jeder weitere Schritt muss erneut abgewogen und bedacht werden. Automatisch passiert gar nichts.

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Ich verstehe gut, dass in der Schweiz jetzt auch die Angst vor mehr Lastwagen oder Sorgen über das hohe Lohnniveau geäussert werden. Allerdings glaube ich, dass die Ängste mehr emotional als sachlich begründet sind. Zudem sollte sich ein Land nicht völlig aus der Solidarität unter den Staaten verabschieden.

Die EU ist kein Moloch
Der Verkehr ist dafür ein gutes Beispiel: Mit ihrer zentralen Lage ist die Schweiz nun mal ein Transitland für ihre EU-Nachbarn. Wenn sie das akzeptiert, kommt ihr die EU in anderen Punkten entgegen. Es ist ein Geben und Nehmen. Auch beim Personenverkehr: In Zukunft können die Schweizerinnen und Schweizer problemlos im europäischen Ausland arbeiten.

Ich bin eine überzeugte Europäerin. Sonst wäre ich kaum seit 27 Jahren hier. Nach dem Volkswirtschaftsstudium arbeitete ich zuerst bei einer Bank in München. Dann bewarb ich mich in Brüssel. Als junge Frau wollte ich sehen, wie diese Gemeinschaft funktioniert und wie sie sich entwickelt. Die EU fasziniert mich noch heute. Es ist doch erstaunlich, dass sich 15 Mitgliedstaaten immer wieder auf neue Integrationsschritte einigen.

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Besuchern aus Bayern zeige ich manchmal das klotzige Gebäude des Ministerrats. «Genau so habe ich mir die EU vorgestellt», höre ich dann etwa. Ein Vorurteil, denn die EU ist kein bürokratischer Moloch. Natürlich läuft auch hier nicht alles rund. Aber die Idee, dass irgendein Beamter einfach irgendetwas erfindet und auf die Bürger loslässt, ist völlig falsch.

«Wir suchen früh Kompromisse»
Eigentlich fallen bei uns die Entscheide ähnlich wie in der Schweiz: Wir suchen früh Kompromisse. Denn wichtige Entscheide werden nur umgesetzt, wenn die Länder einstimmig dafür sind. Deshalb findet jeder Standpunkt bei uns ein offenes Ohr. Uber den Zaun brechen lässt sich auch in Brüssel nichts.

In unserer Broschüre über die Beziehungen der EU «zu den anderen Ländern der Welt» ist die Schweiz nicht erwähnt. Das hat einen einfachen Grund. Wir haben die Verträge mit den meisten Nachbarn stark ausgebaut. Es gibt Beitrittskandidaten, der Binnenmarkt gilt auch für die EWR-Länder, und die Türkei hat einen neuen Zollunionsvertrag. Nur mit der Schweiz gilt noch immer ein einfaches Handelsabkommen – ein absolutes Minimum also. Doch sobald die bilateralen Verträge in Kraft treten, werden diese auch in der Präsentation der EU berücksichtigt.

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