Als ich vor vier Jahren zum ersten Mal hier an der Gertrudstrasse 84 in Zürich einen grauen Leichenwagen vorfahren sah, vermutete ich, ein Nachbar sei gestorben. So ist halt das Leben. Ich klingelte überall im Haus und fand alle Bewohner quietschlebendig. Ein Mieter klärte mich dann auf, es sei doch bekannt, dass hier unheilbar Kranke aus dem In- und Ausland die Dienste der Sterbehilfeorganisation Dignitas in Anspruch nähmen und ihrem Leben ein schnelles Ende setzten. Ich fragte: «Mein Gott, wo denn?» Seine Antwort: «Im vierten Stock.»

Der Tod war ständig vor der Tür. Das tat er in diesem Haus schon seit meinem Einzug vor sieben Jahren. Nur merkte ich drei Jahre lang nichts davon. Als gläubige Katholikin konnte ich mir so etwas gar nicht vorstellen, bis ich im Treppenhaus zum ersten Mal mit eigenen Augen einen Sarg sah.

Erst dachte ich, vielleicht kommen die Sterbewilligen mit ihren Verwandten nachts ins Haus. Vor lauter Angst und Beklemmung konnte ich nicht einschlafen und blieb dann tagsüber im Bett. Später fiel mir auf, dass jeden Dienstag und Freitag von elf Uhr morgens bis nachmittags um zwei Uhr Betrieb war. Ich beobachtete, wie sich Angehörige beim Eingang versammelten oder im Treppenhaus klagten und weinten. Manchmal schnappte ich einen Satz auf wie: «Jetzt bist du dann bald erlöst von deinen Qualen.» An der Sprache konnte ich erkennen, ob sie aus Deutschland, England, Tschechien oder Italien kamen.

Schreie im Treppenhaus
Dignitas hat dann noch Räume im Parterre dazugemietet. Auf diese Weise mussten die Sterbebegleiter nicht immer den Lift benutzen. Vom Treppenhaus aus musste ich einmal mit ansehen, wie zwei Männer eine Leiche aufrecht in den Lift stellten, die in einen dunkelgrünen Sack mit Reissverschluss verpackt war. Nachher lag ein unangenehmer und undefinierbarer Geruch in der Luft - vielleicht stammte er von einem Desinfektionsmittel.

Die Todkranken kamen im Taxi, mit dem Auto oder im Rollstuhl. Ich traf auch schon auf Sterbekandidaten im Treppenhaus, als ich zum Briefkasten wollte. Ich hörte sie schreien vor Schmerzen. Viele schleppten sich stöhnend und keuchend ein letztes Mal auf die separate Toilette im Parterre. Dann verschwanden sie im Sterberaum nebenan - und ich wusste jedes Mal, in einer halben Stunde ist dieser Mensch tot. Manchmal fuhr der Leichenwagen zweimal pro Tag vor.

Beim Anblick von Schwerstkranken und ihren Angehörigen wurde ich manchmal so aufgewühlt, dass ich die Wohnung hätte in Brand stecken können. Dann gab es Zeiten, da war ich ganz konfus und kam aus dem Grübeln nicht mehr heraus. Ich befasste mich oft mit meinem eigenen Tod und wurde sehr ängstlich. Als Katholikin belasteten mich diese Szenen enorm. Ich konnte lange Zeit nicht mehr schlafen und essen und suchte beim Arzt und Psychiater Hilfe. Denn auch Depressionen machten mir das Leben schwer. Ich hintersann mich, warum es ausgerechnet mich in dieses Haus verschlagen hatte. In meinen wilden Phantasien stellte ich mir vor, der Herrgott habe es so gewollt.

Ich hatte plötzlich mehr Angst vor dem eigenen Tod. Obwohl ich nicht krank bin, bete ich seither zu Gott: Bitte schenke mir noch ein Jahr. Und dann noch eines. Als meine Schwester und mein Bruder in Südafrika unerwartet verstarben, liess mir die Frage keine Ruhe, ob ihr Tod einen Zusammenhang mit meiner Wohnsituation gehabt haben könnte. Auch hatte ich immer das Bild meiner verstorbenen Mutter vor Augen, wenn ich hier im Haus auf einen Sarg stiess. Das machte mich jedes Mal traurig. Denn meine Mutter lag im Spital im Sarg, als ich von ihr Abschied nahm.

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Schulkinder blieben stehen
Dass man Schwerstkranke in aller Öffentlichkeit zum Sterben in ein Mietshaus bringt, ist für alle eine Zumutung. An diesem Haus hier führt ein Schulweg vorbei. Die Kinder blieben natürlich immer stehen, wenn sie den ganzen Betrieb um den Leichenwagen vor der Tür sahen. Sie hatten Mühe, diese erschütternden Szenen zu verarbeiten. Ich bekam ja als Erwachsene schon Gänsehaut, wenn ich an der Wohnung von Dignitas vorbeimusste. Viele Kolleginnen und Kollegen, die wussten, was sich hier abspielt, kamen nicht mehr zu Besuch. Auch meine Tochter hatte immer ein mulmiges Gefühl.

Ich versuchte immer wieder, im Haus Unterschriften gegen Dignitas zu sammeln. Die Bewohner waren aber eingeschüchtert. Ich selber hatte vor dem Gründer und Präsidenten Ludwig A. Minelli keine Angst, auch wenn er stocksauer auf mich war. Dass jetzt überall Widerstand laut wird gegen seine Praktiken, finde ich super. Jedenfalls bin ich jetzt überglücklich, dass der Horror in diesem Haus zu Ende ist. Endlich kann ich wieder durchschlafen und Besucher empfangen. Die Erlebnisse mit Dignitas haben mich in meiner Überzeugung bestärkt, selbst bei noch so grossen Qualen mit Gottes Segen und nicht mit fremder Hilfe zu sterben.

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