Athen geht auf mein Ferienkonto. Doch der dreiwöchige freiwillige Einsatz im Dopingkontrollteam war alles andere als erholsam. Acht bis zwölf Arbeitsstunden und rund zehn Kontrollen gehörten für mich zur Tagesordnung. Die Arbeit war viel anstrengender, als ich erwartet hatte. In persönlichen Gesprächen ging ich auf die einzelnen Athleten ein und beruhigte sie vor der Blutentnahme. Obendrein setzte allen die Hitze mit Temperaturen bis zu 40 Grad spürbar zu.

Dass ich mich als Gynäkologin mit Spitzensport und Doping befasse, hat sich vor drei Jahren bei den Skiweltmeisterschaften im finnischen Lahti durch Zufall ergeben. Als Übersetzerin betreute ich dort ein japanisches Medienteam. Bei diesen nordischen Wettkämpfen wurden gleich fünf finnische Spitzensportler des Dopingmissbrauchs überführt – eine Riesenkatastrophe für mein Heimatland und die ganze Sportwelt. Ich begann mir Gedanken darüber zu machen, warum Athleten überhaupt zu verbotenen Mitteln greifen. Ich denke, neben dem Ehrgeiz ist auch Geld im Spiel. Zudem sind Sportler bloss der sichtbare Teil – die Drahtzieher agieren im Hintergrund. Ein negativer Dopingtest ist kein Persilschein dafür, dass die Sportler vor der Kontrolle «sauber» waren und es nachher auch bleiben.

Viele wirkten bei der Kontrolle nervös
Einen Teil der Sportler kannte ich aus den Medien. Sie wussten im Übrigen, dass dieses Prozedere auf sie wartet, und wollten die Tests meist so schnell als möglich hinter sich bringen. Doch viele wirkten nervös und angespannt, weil sie zum ersten Mal zu einer Dopingkontrolle antreten mussten.

In solch heiklen Situationen war vor allem Fingerspitzengefühl gefragt. Ich versuchte, den Stresspegel nicht noch anzuheben. Meine Erfahrungen als praktizierende Ärztin und ausgebildete Krankenschwester kamen mir dabei sehr zugute. Ich war sowohl für Blutproben als auch für Urintests zuständig. Alles lief streng geheim ab, und die Gefässe wurden versiegelt. Die Kommunikation mit den Athleten erwies sich als sehr anstrengend und aufwändig. Ich spreche fliessend Finnisch, Deutsch und Englisch und kann mich auch in Italienisch und Schwedisch verständigen. Wenn ich spürte, dass mein Gegenüber trotz allen Bemühungen nicht alles verstanden hatte, zog ich einen Dolmetscher bei. Ob sich zu guter Letzt ein Test als positiv oder negativ herausstellte, erfuhr ich auch erst im Nachhinein aus der Presse.

Während der Abklärungsgespräche und der Kontrollen war es uns untersagt, mit Athleten über Privates zu reden oder sie gar um ein Autogramm zu bitten. Zu einem einzigen handschriftlichen Original bin ich dennoch gekommen. Als ich einmal morgens um zwei Uhr das Stadion verliess, lief mir der Goldmedaillengewinner über 400 Meter Hürden, Felix Sanchez aus der Dominikanischen Republik, über den Weg. Ich sprach ihn privat an, und er erfüllte meinen Wunsch. Das war wunderbar.

Insgesamt wurden 3500 Kontrollen durchgeführt – doppelt so viele wie bei den letzten Spielen in Sydney. Bei 10'500 Sportlern trifft das jeden dritten. 23 Athleten kamen an den Pranger. Am ehesten lässt sich das Verhalten von Dopingsündern mit demjenigen von Rasern auf der Autobahn vergleichen, die sich einreden, sie würden nicht geschnappt. Je mehr Kontrollen durchgeführt werden, je mehr gehen in die Falle. Ich teile die Meinung des neuen IOC-Präsidenten Jacques Rogge, auch er ein Arzt, es werde nie Spiele ohne Doping geben. Denn unter 10'500 Sportlern gibt es nicht nur Heilige.

Ich meldete mich auf einen Aufruf
Ich selber bin nicht ausgesprochen sportlich. Wenn die Zeit reicht, gehe ich zweimal pro Woche ins Krafttraining. Meine bisher grösste Leistung war die Teilnahme an einem Halbmarathon in Stockholm. Als ich mich vor anderthalb Jahren auf einen Aufruf hin im Internet für einen freiwilligen Sanitätsdienst meldete, war von Dopingkontrollen noch keine Rede. Erst beim Vorstellungsgespräch im Januar ergab sich diese Möglichkeit. Als Dopingexpertin von Swiss Olympics war das für mich eine willkommene Herausforderung. Dass ich gleich in meinen bevorzugten Sportarten Leichtathletik und Schwimmen Dienst machen durfte, hat mich doppelt gefreut.

Geht Athen nun als Spiele der Spitzenleistungen oder als Ort der Dopingspiele in die Annalen ein? Diese Frage stand immer wieder im Raum. Für mich persönlich war es ein wunderschönes Gefühl, Teil einer so riesigen Organisation zu sein. Daneben hatte ich Gelegenheit, neue Freundschaften zu knüpfen. Es wird Monate dauern, bis ich alle diese Erlebnisse verarbeitet habe. Ich kann mir durchaus vorstellen, nach meiner Pensionierung im Bereich Doping auf internationaler Ebene einzusteigen.

Athen war mein erster internationaler Auftritt – und zugleich der grösstmögliche. Mich kann so schnell nichts mehr erschüttern.

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