Am Nachmittag dieses herrlichen, warmen Frühlingstags glaube ich noch, die Sonnenseite des Lebens geniessen zu können. Es ist der 23. Mai 2008. Ich bummle in Basel Richtung Spalenberg, um meine reparierten Schuhe abzuholen. Die Unterführung «Auf der Lyss» ist für einmal menschenleer; auch die Strassenmusikanten hats wohl an die Sonne gelockt. Plötzlich ein brutaler Stoss in den Rücken, ich verliere das Gleichgewicht und schlage mit dem Gesicht aufs Pflaster.

Ein bohrender Schmerz in der Schulter, ich will schreien, doch der Schock erstickt meine Stimme. Der Täter schleift mich über den Asphalt, um an die Tasche zu kommen, auf die ich gestürzt bin. Dann reisst er sie an sich und rennt davon.

Es denkt einfach in mir
Endlich kann ich schreien, Passanten eilen herbei. Mein Mund schmeckt nach Blut. Wie im Traum sehe ich, dass sich der Sanitäter nach meinen abgebrochenen Schneidezähnen bückt. Die Ambulanz bringt mich ins Spital. Diagnose: Bruch im Schultergelenk, Muskelabriss, Beschädigung eines Nervs, zwei Zähne zur Hälfte herausgeschlagen, der Ringfinger gebrochen, Prellungen im ganzen Gesicht. Ich erschrecke, als ich mich im Spiegel sehe. Alles wegen 130 Franken in meinem Portemonnaie.

Den freundlichen Polizeibeamten konnte ich danach nur sagen, dass der Täter ein junger Mann in Turnschuhen war. Er hatte mich so gepackt, dass ich nicht nach hinten schauen konnte. Das will geübt sein - ich nehme nicht an, dass ich sein erstes Opfer war. Zweieinhalb Wochen verbrachte ich im Spital. Es werde alles ohne Operation heilen, sagten die Ärzte, doch ich müsse mich gedulden. Noch im Spital machten sich die psychischen Verletzungen bemerkbar. Betrat eine Schwester nachts das Zimmer, raste mein Puls, und Panik ergriff mich. Der Film des Überfalls lief nochmals ab. Davon konnte ich mich auch in der Rehabilitationsklinik nicht befreien.

Nur langsam geht es wieder aufwärts. Ich bin in meine Wohnung zurückgekehrt und kann wieder Spaziergänge machen. Die Armschlinge muss ich weiterhin tragen. Zum Glück träume ich fast nie von dem Vorfall. Doch jeden Morgen denke ich wieder daran - oder eher: Es denkt einfach in mir. Wenn ich Bekannten vom Überfall erzähle, schiessen mir Tränen in die Augen. Das Ganze holt mich immer wieder ein.

Die Heulerei soll aufhören
Wenn ich einkaufen gehe, schaue ich mich alle 100 Meter um und mustere alle Passanten kritisch. Mit viel Überwindung und mulmigem Gefühl in der Magengrube betrete ich mittlerweile auch wieder die Unterführung «Auf der Lyss» - aber nur wenn Passanten unterwegs sind.

Zum Glück ist einer meiner Brüder Psychologe; er hilft mir sehr bei der Bewältigung des Überfalls. Ich will, dass mein Vertrauen wieder zurückkehrt. Ich will auch, dass meine Heulerei aufhört. Wenn meine Schmerzen dann einmal abgeklungen sind, will ich wieder mein gewohntes Leben führen. Der Täter darf einfach keine Macht über mich erlangen; mein Leben soll nicht er bestimmen. Nicht zuletzt möchte ich auch meinen vier Enkeln zeigen, dass man ein brutales Erlebnis überwinden kann.

Ein Pfleger in Basel hat mir geraten, dem Täter zu vergeben. Dann würde ich Ruhe finden. Diesen gut gemeinten Rat kann ich nicht einfach so befolgen. Ich müsste schon Gewissheit haben, dass der Mann keine solchen Taten mehr begeht, damit ich verzeihen könnte. Er müsste auch bereit sein, seine Tat zu sühnen, das heisst, eine Strafe zu akzeptieren. Das wäre auch besser für ihn.

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Wir Opfer zahlen die Zeche
Ich will ja nicht, dass er jahrelang eingesperrt wird. Aber es wäre doch im Sinn einer Wiedergutmachung, wenn er wenigstens den finanziellen Schaden begleichen müsste, den er angerichtet hat. Allein mein Spitalaufenthalt kostete rund 15'000 Franken. Dazu kommen die Kosten für Rehabilitationsklinik und Therapie. Diesen Betrag soll er der Krankenversicherung zurückzahlen. Er ist jung und kann arbeiten.

Die Haltung des Kantons Basel-Stadt ärgert mich: Man ist schon zufrieden, wenn die Kriminalität in einem Jahr «nur» um fünf Prozent steigt. Lange Zeit wollten viele Politiker von zunehmender Kriminalität überhaupt nichts wissen. Wir aber, die Opfer, zahlen die Zeche für die jahrelangen Versäumnisse.

Ich habe den Eindruck, dass das Volk langsam genug hat von bedingten Gefängnisstrafen und bedingten Bussen, die Täter nicht dazu bewegen, ihren Lebenswandel zu ändern. Ich bin ja kein Einzelfall, Überfälle häufen sich. Doch aus dieser Tatsache werden einfach keine Konsequenzen gezogen. Ältere Menschen wagen sich abends kaum noch allein auf die Strasse.

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