Ob ich Menschen im Gericht, auf der Bühne, im Operationssaal oder im Bundeshaus beobachte und zeichne, macht für mich keinen Unterschied. Immer stehen die menschlichen Charaktere im Mittelpunkt, die Gesten, die Bewegungen, die Dynamik. Ich liebe die Herausforderung, Menschen aufgrund ihrer Verhaltensweise zu verstehen und mich an das Wesen hinter der Fassade heranzutasten.

Im Gerichtssaal sehe ich die Betroffenen ja zum ersten Mal. Wenn ich vom Fernsehen oder von Zeitungen kurzfristig zu einem Prozess aufgeboten werde, kenne ich oft weder den Tatbestand noch die Protagonisten. So kann ich mich völlig unvoreingenommen an die Persönlichkeitsstudien machen. Über all die Jahre hinweg habe ich mich intensiv mit Psychologie auseinander gesetzt und dabei Einblick in die menschliche Seele und unsere Gesellschaft gewonnen. So wie sich andere Leute für Blumen begeistern, interessieren mich die Menschen.

Mitleid mit den Angeklagten
Natürlich kann ich eine Person während einer Verhandlung nicht von Grund auf erfassen. Ich versuche die Stimmung einzufangen. Das ist jedes Mal eine delikate Aufgabe und erfordert viel Fingerspitzengefühl. Ausserdem muss ich von meinem Platz aus – egal, wie geeignet er liegt – sehr schnell arbeiten, denn das Fernsehteam wartet in der Pause oft schon auf die ersten Bilder. Dadurch stehe ich unter einem enormen Druck, spüre aber auch den Puls des Lebens.

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Im Verlauf des Prozesses entwickelt sich bei mir oft ein Gefühl des Mitleids mit den Angeklagten. Die Erfahrung zeigt, dass ein Grossteil der Straffälligen während ihrer Kindheit in der Familie oder in der Schule auf irgendeine Art missbraucht wurde – nicht nur sexuell und auch nicht immer bewusst. Kann ein Mensch solche frühen Verletzungen nicht verarbeiten, besteht die Gefahr, dass er in die Kriminalität abgleitet. Solche Lebensgeschichten machen mir zu schaffen. Ich wünsche mir, dass wir Erwachsene sensibler werden und den Kindern mit Respekt begegnen.

Eine Frau auf der Anklagebank ist die Ausnahme. Beschäftigt hat mich das Schicksal einer jungen Mutter, die unter Drogeneinfluss ihr Neugeborenes aus dem Fenster fallen liess. Sie war als Kind missbraucht worden. Später sah sie keine Perspektiven mehr und geriet in die Drogenszene. Inwiefern hätte sie ihrem Baby überhaupt eine Zukunft bieten können? Schockierend ist, dass sich das Unheil nicht hatte vermeiden lassen, dass ihr Freund, der stets an ihrer Seite war, von der Schwangerschaft nichts mitbekam.

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Bei der so genannten Zürcher Parkhausmörderin bekam ich es etwas mit der Angst zu tun, als sie mit Hand- und Fussschellen in den Saal geführt wurde und ganz in meiner Nähe Platz nahm. Die junge Frau galt als hochgefährlich. Schrecklich, was sie mit ihren Morden und Brandanschlägen anrichtete, und traurig, dass sie ausser Stande war, ihre Aggressionen zu bändigen.

Nach einem solchen Tag beim Gericht habe ich manchmal Mühe mit Einschlafen. Ein starkes Theaterstück kann mich aber genauso erschüttern.

Man muss Strategien entwickeln, um sich abzuschirmen. Vielleicht kann ein Fotograf mit der Kamera vor den Augen eher auf Distanz zum Objekt gehen und sich eine gewisse Schutzhülle aufbauen. Sobald mir im Gericht Betroffene direkt in die Augen schauen, wende ich mich instinktiv ab. Ich kann mich ein bisschen tarnen, indem ich mich voll auf die Zeichnung und meine Arbeit konzentriere. Damit schütze ich mich selber. Ich will ja in erster Linie künstlerisch gute Arbeit leisten. Die Zeichnungen müssen klar und aussagekräftig sein. Ich gehe mit mir sehr hart ins Gericht.

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Gesucht habe ich diesen Job nicht. Heinrich Müller von der «Tagesschau» wurde in den frühen achtziger Jahren auf mich aufmerksam, als ich an den Zeichnungen für einen Jahresbericht arbeitete. Er fragte mich, ob ich fürs Fernsehen Gerichtszeichnungen machen könne. Mein erster Auftrag war die Verhandlung über die Hallenbadkatastrophe von Uster 1985, als beim Einsturz der schweren Betondecke zwölf Menschen ums Leben kamen. Seither habe ich Prozesse in der ganzen Schweiz verfolgt, von Chur bis Pruntrut, von Günter Tschanun bis Walter Stürm, vom Aare-Mord bis zur Kuvet-Entführung.

Ich spürte sofort, dass mich die Arbeit im Gerichtssaal ebenso faszinierte wie meine bisherige zeichnerische Dokumentationsarbeit im Opernhaus, im Theater oder an verschiedenen Musikfestivals. Für mich war das eine unbekannte Welt.

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Ich wuchs in Kalifornien in der Nähe von San Francisco auf und besuchte das Art Center in Los Angeles sowie die Akademie für angewandte Kunst in Wien und die Ecole des Beaux Arts in Paris. Nach meiner Heirat mit einem Schweizer Arzt lebte ich zuerst in Bern, wo ich für den «Bund» Zeichnungen machte. Dann zogen wir nach Schaffhausen.

Leidenschaft für die Musik
Wegen meiner zwei Kinder fand ich am Anfang wenig Zeit für meine künstlerische Tätigkeit. Ich war von der Schweizer Volkskunst und der Kultur begeistert und wollte sie näher kennen lernen. So begann ich, Musiker mit ihren Instrumenten – vom Hackbrett bis zur Trompete – bei den Proben zu beobachten und ihre Bewegungen und Handgriffe detailgetreu darzustellen. Mit meiner Zeichenmappe war ich dann stets auch Gast bei den Jazzfestivals von Willisau und Montreux und in der Tonhalle Zürich. Mittlerweile habe mich zurückgezogen.

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Doch noch immer gilt meine Leidenschaft der Musik, genauer dem Flügel in meinem Wohnzimmer. Ich spiele nicht nach Noten, sondern lasse meinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf. Beim Klavierspielen ist eine Eigendynamik im Gang, die ich nicht benennen kann. Gleichzeitig werden bei mir neue innere Bilder lebendig, die meine Musik wie Partituren ergänzen – eine neue Herausforderung ohne Anfang und Ziel. Daneben werde ich weiterhin als Gerichtszeichnerin arbeiten. Ich sehe darin eine Art Sozialarbeit: Ich erspare den Betroffenen die Kamera.