Hoch zu Ross sitze ich gern in meiner Freizeit – tagsüber aber sitze ich hoch zu Lastwagen. Gelernt habe ich Briefträgerin, aber es ärgerte mich, bei jedem Regen nass zu werden. Also bin ich, auf der Suche nach Abwechslung, in einen Lastwagen gestiegen. Ich habe mich sofort in den Job und in die LKWs verknallt – Scania und Volvo sind meine Traumwagen. Ich ging zur ärztlichen Untersuchung, kämpfte mich durch die Theorieprüfung und unterschrieb einen Arbeitsvertrag.

Am 15. Juli vor einem Jahr bestand ich auch die praktische Prüfung und fasste am Nachmittag gleich meinen ersten Auftrag. Ich hatte ein Riesenfest allein mit mir im Wagen; laute Musik, die Fenster unten; ich fühlte mich als Meisterin der Strasse.

Inzwischen ist mein LKW auch ordentlich verziert. Meine Seite ist mit «Moni» angeschrieben, beim Beifahrer steht «Ghostrider», ein Tatzelwurm turnt neben dem Armaturenbrett, ein Vanillebaum darf auch nicht fehlen. Und – ganz wichtig – von der Decke hängt ein duftendes Bild mit einer männlichen Schönheit. Mit nacktem Oberkörper, versteht sich. Die Männer nerven mich mit ihren Frauenbildern, da muss ich Gegensteuer geben.

Guter Kontakt zur Truckerfamilie
Mein LKW ist 3,8 Meter hoch und 18,75 Meter lang. In ihm transportiere ich so ziemlich alles: Armaturen, Tischplatten, Säcke für eine Tankstelle, Kartons mit Garn – was halt so anfällt. Ich fahre etwa 400 Kilometer pro Tag.

Natürlich verfahre ich mich ab und zu. Mein schlimmstes Erlebnis war die Suche nach der Kläranlage in Genf. Da bin ich fast Amok gelaufen. Ich hatte mich heillos verfahren und wusste nicht mehr, in welcher Richtung Zürich liegt – da konnte ich nur noch losheulen. Und weil ich daraufhin keine Chance mehr hatte, noch bis nach Hause zu kommen, musste ich dort auch noch übernachten. Und das an meinem 20. Geburtstag!

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An meinem Beruf gefällt mir, dass man viele Freiheiten hat und doch nicht allein ist. Oft ruft mich jemand an, Chrigi zum Beispiel, wenn er etwas nicht findet, oder Charly, wenn er sich mit mir zum Frühstück treffen will. Auch mein Vater meldet sich häufig, entweder um sich zu überzeugen, dass nicht ich in den Unfall verwickelt bin, der gerade am Radio gemeldet wurde, oder um mich vor einem Stau zu warnen.

Ab und zu trifft auch ein SMS von meiner Kollegin Angi ein. «Hilfe, Schnee!», schrieb sie einmal aus dem Appenzell. Wenn ich einen Fahrer auf der anderen Strassenseite kreuze, den ich kenne, hupe ich zur Begrüssung mehrmals.

Frauen müssen Zähne zeigen
Es gibt auch eine Art Strassensprache. Wenn ich zum Beispiel einen Lastwagen passieren lasse und ihm andeute, wann er mich ganz überholt hat – das kann der Fahrer selber schlecht einschätzen –, bedankt er sich mit einem «Zwinkern»: ein Blinklicht links, ein Blinklicht rechts. Früher, als ich noch ein Funkgerät hatte, konnte ich mithören, was sich andere erzählten. «Schau, da fährt eine Frau», meldete ein Fahrer dem anderen, als er an mir vorbeifuhr. Darauf warf dieser einen Blick auf mein Namensschild und meinte: «Ah, das ist Moni.» So kann man Leute kennen lernen, ohne jemals mit ihnen zu sprechen.

Ich kenne einige Frauen, die Lastwagen fahren, aber prozentual sind es nur wenige. Man muss sich schon durchsetzen können, sonst bekommt man nur jene Aufträge, die kein anderer will, und fährt in die hintersten Winkel der Schweiz. Manchmal starren mich Fussgänger oder Autofahrer an, oder Männer pfeifen mir beim Ausladen hinterher, aber grundsätzlich mache ich viele positive Erfahrungen als Frau in meinem Beruf. Natürlich gibt es auch unter den Chauffeuren solche, für die Frauen nicht in den LKW gehören, aber das sind Fahrer der alten Garde.

Manche Kunden glauben, sie müssten selber ausladen, weil ich eine Frau bin, aber das lasse ich nicht zu. Darum hebe ich auch Ware, die mir eigentlich zu schwer ist. Im Nachhinein frage ich mich dann, wieso ich mir das angetan habe.

Meiner Kollegin sind einmal in der Nacht Soldaten um den Wagen geschlichen. Ich aber hatte noch nie Probleme beim Ubernachten. Ich schliesse ja auch die Türen ab, und im Notfall kann ich per Handy Kollegen erreichen. Wenn ich mich auf einem Parkplatz unsicher fühle, nehme ich die Namenstafel ab. Dann weiss niemand, dass hier eine Frau schläft.

Auf den grossen Raststätten habe ich noch nie übernachtet, ich bleibe lieber auf kleineren Parkplätzen bei Restaurants, wenn es nicht nach Hause reicht. Manchmal treffe ich dort Kollegen – dann feiern wir unser Wiedersehen bis in die späte Nacht hinein. Wir geben uns gegenseitig Weckaufträge, falls einer verschlafen sollte, denn um fünf Uhr früh fängt der Tag für uns bereits wieder an.

Ich bin immer stolz, wenn ich einen Lieferort gefunden habe. «Gewonnen!», rufe ich mir dann zu. Auch sonst rede ich gern mit meinem Wagen; ich erzähle ihm von meinen Sorgen oder von peinlichen Erlebnissen, die ich sonst niemandem mitteilen möchte. Allerdings gibt es auch weniger schöne Seiten an meinem Job, zum Beispiel wenn ich Zeugin eines schweren Unfalls werde. Einmal habe ich gesehen, wie es in einem Kreisel einen Viehtransporter überstellt hat und wie die verletzten Tiere verstört herausgeschaut haben.

Ich musste auch schon an Töfffahrern vorbeifahren, die bereits unter dem Leintuch lagen. Meistens fliesst dann der Verkehr ganz langsam, weil alle genauer hinschauen wollen. In solchen Situationen möchte ich den Karren am liebsten hinstellen und zu Fuss weitergehen. Dann frage ich mich, ob das der richtige Job für mich ist. Aber in allen anderen Momenten gefällt mir das Fahren. Deshalb übe ich auch für die Anhängerprüfung. Später möchte ich noch diejenige für den Transport von Gefahrengut ablegen.

Keine Lust auf Auslandstouren
Am liebsten fahre ich ins Sankt Galler Rheintal und ins Bernerland. Die Berner sind cool, dort heisst es immer: «Nume nid gschprängt.» Dagegen ist der Aargau gar nicht mein Ding; dort finde ich nichts und komme kaum vom Fleck. Auch in der Innerschweiz habe ich oft Probleme. Immer diese Berg- und Talfahrten, das ist mit dem Lastwagen kaum machbar. Dafür mag ich Radio Pilatus.

Ins Ausland möchte ich nicht fahren; lange Autobahnstrecken sind langweilig, und ich hätte viel zu wenig Bewegung, wenn ich nur alle paar Stunden zum Ein- und Ausladen aussteigen müsste. Mir gefällt meine Arbeit in der Schweiz, ausserdem verstehe ich hier alles. Dafür muss man halt auch in hügeligen Gebieten fahren können – und wenn viel Schnee auf der Strasse liegt, muss man Ketten montieren.

Einmal ist mir das passiert, und so stand ich vor dem Lastwagen, in der einen Hand die 30 Kilogramm schwere Kette, in der anderen das Handy. Ein Kollege musste mir erklären, wie ich sie montieren soll. Ich musste allerdings lange suchen – sieben Kollegen hatte ich am Draht, bis ich einen mit Erfahrung fand.