Das Nachbarsmädchen fragte mich einmal, wieso in meinem Teich Seerosen wachsen. «Was meinst du?», fragte ich zurück. Die Kleine überlegte und antwortete: «Damit die Molche unterstehen können, wenn es regnet.» Auf meine Frage, ob es denn glaube, dass Molche wasserscheu seien, wusste das Mädchen keine Antwort. Es dürfte aber darüber nachgedacht haben.

Damit habe ich ein Ziel erreicht: Gemeinsam haben wir versucht, eine Sache zu erhellen. In der Kinderphilosophie geht es nicht um Faktenwissen, sondern darum, die Kinder zum Denken anzuregen. Selber denken macht schlau; die kindliche Meinungsbildung soll gefördert, die Lust am Hinterfragen verstärkt werden. Ich helfe den Kindern sozusagen beim Gebären der Gedanken. Nach Sokrates nenne ich mein Vorgehen «Hebammenkunst».

«Mich verfolgen viele Fragen»
Mehrere Jahre arbeitete ich als Primarlehrerin, bevor ich mich zum Philosophiestudium entschloss. Bereits mit 18 befürwortete ich, dass Philosophie als Schulfach obligatorisch werden soll. Ich war Feuer und Flamme für die Kunst der Weisheit. Im Herzen bin ich aber heute Pädagogin.

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Zur Kinderphilosophie kam ich durch Zufall. Ich suchte ein Thema für meine Lizenziatsarbeit. Damals, 1987, war das Philosophieren mit Kindern noch nicht gross im Trend. Dabei stellt sich jedes Kind Sinnfragen wie: «Woher komme ich?» – «Wer bin ich?» Oder ganz elementar: «Warum regnet es überhaupt?»

Wenn Eltern dann all ihr Wissen zusammenraffen und über Luftfeuchtigkeit, Temperaturen, Wind und Kondensation zu reden beginnen, übersehen sie, dass ihr Kind etwas ganz anderes beschäftigt. Die Frage nämlich: «Wo liegt der Sinn, dass es ausgerechnet jetzt regnet, wo ich draussen spielen möchte?» Ja, wo steckt er denn, dieser Sinn? Auch ein kleines Kind wird es mühelos erklären: «Die Blumen haben Durst. Deshalb regnet es.»

Selber bin ich ein grosses Kind geblieben – mein Staunen über das Leben und die Natur ist grenzenlos. Ich liebe meinen wilden Garten mit dem Teich und all den Pflanzen. Mich verfolgen viele Fragen: Sinn- und Lebensfragen genauso wie ethische oder religiöse. Seit ich mich mit Kinderphilosophie beschäftige, habe ich einen Reifeprozess durchgemacht, denn Fragen von Kindern sind auch unsere Fragen.

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«Philosophie gehört ins Volk»
Die Frage, wie es nach dem Tod weitergeht, stellen sich Erwachsene ebenso wie Kinder. Kommt man in den Himmel? Und warum sieht man dort keine Menschen? «Gibt es dort auch Fischstäbchen?», wollte einmal eine Sechsjährige von mir wissen. Es macht Spass, mit Kindern zu philosophieren; die eigenen Ideen müssen beigezogen und überprüft werden. Ist es wirklich so, wie ich gemeint habe? Es gibt keine absoluten Antworten; alles muss immer wieder hinterfragt werden.

Wer mit Kindern philosophiert, erzieht sie zu selbstständigen Menschen. Der Mut zu eigenen Ideen wird gefördert, auch bei mir. Das Fragen bringt einen weiter, aber nur im Austausch mit anderen. Ein Philosoph sagte einmal, die Wahrheit beginne zu zweit. Man muss sich mit den Meinungen von anderen auseinander setzen, auch einmal die eigene Meinung hergeben – man muss loslassen können.

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Ich bin nicht sicher, ob es das Jenseits wirklich gibt. Leben wir nach dem Tod weiter oder nicht? Materie zerfällt, und es könnte ja sein, dass auch die Seele in kleine Atome zerbröckelt. Vielleicht sind solche «Seelenatome» eine Erklärung für Dejà-vu-Erlebnisse oder für die Erinnerung gewisser Menschen an frühere Leben.

Jostein Gaarders Buch «Sofies Welt» förderte ab 1993 die Begeisterung für kinderphilosophische Bücher in der Schweiz. Ich schätze das Buch und habe mich gefreut, dass damit das Interesse an der Kinderphilosophie auch hierzulande geweckt wurde. Auf einer seiner Lesereisen durch die Schweiz habe ich den Autor kennen gelernt. Gaarder und ich verfolgen ähnliche Ziele mit unserem Philosophieren. Beide sind wir der Meinung, dass die Philosophie ins Volk gehört, dass sie ins Alltagsleben integriert werden muss. Wir sind alle kleine Philosophen – Kinder ebenso wie Erwachsene. Philosophieren ist die Kunst, im richtigen Moment die richtige Frage zu stellen. Wer mit Kindern philosophieren will, muss bereit sein, in die Welt der ungelösten Fragen einzutauchen und Selbstverständlichkeiten für Erwachsene aus dem kindlichen Blickwinkel neu anzuschauen.

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Leider habe ich selber keine Kinder. Die Nachbarskinder liefern mir aber guten Anschauungsunterricht. Auch die Arbeit mit Eltern oder Lehrkräften hilft mir, die Nähe zu den Kindern aufrechtzuerhalten. Bei mir gibts kaum eine Trennung von Privatleben und Beruf: Das Philosophieren füllt beide Bereiche aus. Meine Dokumentationsstelle für Kinder- und Alltagsphilosophie befindet sich zu Hause; hier wohne ich mit meinem Lebenspartner. Wenn das Haus hin und wieder zum philosophischen Kurslokal wird, tragen mein Partner und einige Katzen zur familiären Atmosphäre bei. Nachdenken und Erleben gehören zusammen. Kopf und Herz sollen eine bewusste Lebensführung steuern.

Wenn ich Vorträge halte oder Workshops gebe, sind mehrheitlich Frauen dabei. Es scheint, dass bei uns Kindererziehung immer noch Frauensache ist. Schade, ich hätte gern mehr männliche Teilnehmer. An den philosophischen Cafes, die ich veranstalte, nehmen aber oft auch Männer teil. Das ist wohl einfacher für sie: Die Gespräche gehen nicht so tief ins Persönliche, wie das mit Kindern der Fall sein kann.

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Wer weiss, vielleicht gelingt es mit Hilfe der Kinderphilosophie, eine ganz neue Gesprächskultur aufzubauen. Wenn Erwachsene und Kinder häufiger philosophisch miteinander diskutieren, werden sie auf die Dauer hoffentlich fantasievoller denken, bewusster fühlen und zu verständnisvolleren Umgangsformen finden. Alles nur eine Utopie? Kann sein. Aber man sollte jedenfalls darüber nachdenken.