Wir haben im Winter mehr zu tun. Ich weiss nicht, woran das liegt. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass im Sommer in vielen Büros früher Feierabend gemacht wird, damit die Leute noch in die Badi können. Oder vielleicht erledigt ein Angestellter den Botengang bei schönem Wetter gleich selber.

Weil es früher dämmert, fahren wir im Winter länger in der Dunkelheit. Das hat einige Nachteile, aber auch einen Vorteil. Man sieht bei Dunkelheit weniger weit und bemerkt Gefahrenpunkte wie eine Einfahrt erst viel später. Umgekehrt sieht man Fahrzeuge mit Beleuchtung früher.

Ausser Fahren im Dunkeln bedeutet Winter für uns Velokuriere Nässe und Kälte. Wenn es sehr kalt ist, werden längere Abfahrten wie etwa den Züriberg hinunter zur echten Herausforderung. Der eisige Fahrtwind friert das ungeschützte Gesicht ein, so dass man anschliessend kaum mehr sprechen kann. Manche Kunden fragen dann: «Ist es kalt draussen?» Na ja, ein bisschen Smalltalk muss sein – mitunter nervt es aber. Ich überlege mir, was die Frage eigentlich soll. Die Leute waren morgens auf dem Weg ins Büro ja auch draussen und konnten selber feststellen, welche Temperaturen herrschen. Ich verzichte dann manchmal einfach auf eine Antwort.

Kuriere schwitzen auch im Winter
Gegen die Kälte kann man sich ganz gut schützen. Geeignete Kleidung ist wichtig, und jeder hat da seine eigene Methoden. Füsse und Hände sind am meisten exponiert. Manche meiner Kolleginnen und Kollegen benutzen Überschuhe. Ich trage unter den Turnschuhen spezielle, winddichte Socken und an den Händen Snowboard-Handschuhe. Entscheidend ist, keine Kleidung aus Baumwolle zu tragen. Als Velokurier schwitzt man auch bei tiefen Temperaturen. Es empfiehlt sich, Thermoshirts zu benutzen oder ähnliche Funktionswäsche. Nässe ist das Schlimmste. Wird man an einem Wintertag nass, friert man den ganzen Tag – Erkältungen sind so programmiert. Etwas belastend sind die ständigen Temperaturwechsel, wenn man von den Büros ins Freie geht und wieder hinein. Aber das lässt sich nicht ändern.

In Stosszeiten wirds schwierig
Wir bringen Akten von Anwälten zum Gericht oder im Auftrag von Ärzten Blutproben ins Labor. Wer einen Velokurier bestellt, hat es eilig. Innerhalb der Stadt sind wir für Briefsendungen und kleine Pakete das schnellste Transportmittel, vor allem zu Stosszeiten. Genau dann aber stellt das Fahren auch die höchsten Ansprüche. Um diese Jahreszeit abends um 17 Uhr auf der Rosengartenstrasse, einer der meistbefahrenen Strassen Zürichs – das ist eine sehr schwierige Verkehrssituation, vor allem wenn der Kolonnenverkehr sehr flüssig ist und die Autos fast mit Tempo 50 fahren. Die Fahrer sind oft ungeduldig, scheren unerwartet aus. Nur ein stehendes und unbemanntes Fahrzeug ist berechenbar.

Bei Regen oder Schneefall ist ein guter Regenschutz Pflicht. Aber auf die veränderten Strassenbedingungen bei Nässe hat man keinen Einfluss. Vor allem die Tramschienen werden durch Nässe noch rutschiger. Ich bin da ein wenig die Spezialistin: Tramschienen sind mein Horror. Sie haben mich schon oft zu Fall gebracht.

Noch heimtückischer ist Glatteis. Im Gegensatz zu den Schienen sieht man das Glatteis nicht. Etwa wie an jenem Morgen kurz vor den letzten Weihnachten: Ich steige aufs Velo, fahre los, und noch bevor ich den Funk einschalte, rutscht mir in einer Kurve das Hinterrad weg. Verletzt habe ich mich glücklicherweise nicht. Trotzdem kann ein Tag besser anfangen als mit einem Sturz. Obwohl ich schnell unterwegs bin, gehe ich kein Risiko ein. Meine Gesundheit ist mir wichtiger. Aber Stürze gehören nun mal zum Geschäft. Ich sitze in der Woche rund 25 Stunden im Sattel. Da wäre es naiv zu glauben, es könne ohne solche Zwischenfälle abgehen.

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Die Strampler und die Würger
Auch das Velo leidet im Winter stärker – der Materialverschleiss ist sehr hoch. Das Streusalz beschleunigt die Abnutzung der Bremsklötze und der Naben. Die Kabelhüllen muss ich viel häufiger wechseln. Spezielle Winterreifen mit mehr Profil montiere ich nur, wenn der Schnee über längere Zeit liegen bleibt. Vergangenes Jahr blieb mir das erspart, und auch heuer konnte ich bislang darauf verzichten.

Ich bin ein Bewegungsmensch. Einer meiner Kollegen teilt uns Velokuriere in zwei Gruppen ein: die Strampler und die Würger. Die Strampler fahren in kleinen Gängen mit hoher Pedalfrequenz. Ich bin eine Würgerin und benutze eher die grossen Gänge. Seit zwei Jahren mache ich jetzt den Job – und ich habe nicht vor, meinen Beruf zu wechseln. Das Fahren als Velokurierin macht mir enorm Spass – ausser wenn mir eine Tramschiene wieder einmal Übles will.

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