Es war megaknapp. Gegen 17.30 Uhr wurden endlich die Wahlresultate bekannt gegeben. Ich hatte bloss eine Stimme mehr als die Nächstplatzierte auf der Liste. Doch das genügte: Am 6. Oktober wurde ich von den Zugerinnen und Zugern ins Stadtparlament gewählt. Mit meinen 20 Jahren bin ich das jüngste Mitglied.

An diesem Sonntag wurde auch meine Mutter, Marianne Zehnder, als Stadtparlamentarierin bestätigt. Sie vertritt im Grossen Gemeinderat die Sozialistisch-Grüne Alternative (SGA). Prominentestes Mitglied der SGA ist Landammann Hanspeter Uster, der kürzlich bei den kantonalen Wahlen mit der höchsten Stimmenzahl als Regierungsrat wiedergewählt wurde.

Ich selber bin in keiner Partei. Doch meine politische Heimat ist nahe der SGA zu suchen; ich werde auch in der Fraktion der Alternativen mitarbeiten.

Ich rechnete nicht mit meiner Wahl. Umso grösser war die Freude, als ich es schaffte. Ich war total überrascht. Als der erste Reporter ein Interview wollte, wusste ich nicht recht, was ich sagen sollte.

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Plötzlich im Rampenlicht zu stehen ist nicht einfach. Doch mit jedem Pressekontakt lerne ich dazu. Auftritte in der Öffentlichkeit nehme ich heute viel gelassener als noch vor ein paar Wochen. Ich geniesse es inzwischen sogar, wenn Unbekannte mich kennen und ansprechen.

Mich interessiert es herauszufinden, was ich als junge Parlamentarierin bewirken kann. Zum Beispiel bezüglich der Wohnungsnot, unter der wir in der Stadt Zug sehr leiden. Es ist praktisch unmöglich, günstige Wohnungen zu finden. Das habe auch ich zu spüren bekommen, denn ich bin selbst auf Wohnungssuche. Viele junge Familien müssen aufs Land zügeln. Um zu arbeiten, kommen sie mit den Autos wieder in die Stadt und sorgen für verstopfte Strassen. Das ist unsinnig.

Obwohl die Stadt seit Jahren vom Volk den Auftrag hat, erschwinglichen Wohnraum zu schaffen, passiert kaum etwas. Einige junge Leute haben das seit Jahren leer stehende Zeughaus besetzt. Statt angehört werden sie strafrechtlich verfolgt. Das finde ich nicht in Ordnung. Ich bin überzeugt, dass es eine Alternative zur Law-and-order-Politik gibt.

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Mit einer Einzelinitiative, die in Zug jede Bürgerin und jeder Bürger beim Grossen Rat einreichen kann, verlangte ich vom Stadtrat eine Lösung für die besetzte Liegenschaft. Er sollte sich ein Beispiel nehmen an der konstruktiven Politik in Städten wie Genf oder Lausanne. Dort dürfen leer stehende Häuser bewohnt werden, bis die Eigentümer sie nutzen. Doch die Mehrheit des Stadtparlaments war anderer Meinung als ich: Mein Vorstoss wurde mit 26 gegen fünf Stimmen abgelehnt.

Wenn man nur schon miteinander reden würde, wäre viel gewonnen. Gegenseitiges Zuhören finde ich wichtig. Um mir eine eigene Meinung zu bilden, höre ich immer beide Seiten an. Dann überlege ich, welche Argumente mich überzeugen. In der Steiner-Schule, die ich und meine jüngere Schwester besuchten, machte ich oft die Erfahrung, dass man mit guten Argumenten etwas bewirken kann.

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Ein Beispiel ist mir in guter Erinnerung geblieben. Die ganze Klasse blieb einmal unentschuldigt dem Unterricht fern, weil wir einen Kollegen vom Flughafen abholten. Als Strafe hätten wir die verpasste Unterrichtszeit doppelt nachholen müssen. Zudem sollte die unentschuldigte Absenz im Zeugnis vermerkt werden.

Damit waren wir nicht einverstanden. In einem Brief ans Lehrerkollegium schrieben wir, dass diese doppelte Bestrafung gegen das Reglement verstosse. Und siehe da: Wir bekamen Recht und konnten in der Folge zwischen dem Nachholen oder einem Vermerk im Zeugnis wählen. Ich holte die doppelte Unterrichtszeit nach, weil ich fand, dass ich meinen Teil zur Konfliktlösung beisteuern muss. Die Lehrer kamen uns ja auch entgegen.

Ich bin überzeugt, dass gute und stichhaltige Argumente auch in der Politik etwas bewegen können. Das beweist auch die Politik der SGA. Der unerschütterliche Kampfwille dieser Partei beeindruckt mich sehr. Lange Zeit standen die Alternativen allein da und bekamen politisch immer wieder aufs Dach. Dennoch machten sie weiter – und heute stellt die SGA sogar den Landammann im Kanton.

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Meine Mutter ist eine sehr wichtige Bezugsperson für mich – sowohl im menschlich-gefühlsmässigen wie auch im politischen Bereich. Meine frühesten politischen Erinnerungen reichen ins Jahr 1986 zurück; damals war ich vier Jahre alt.

Meine Eltern nahmen mich mit, als sie gegen den Bau der N4 im Knonauer Amt demonstrierten. Damals mussten meine Schwester und ich Pulvermilch trinken – wegen des AKW-Unfalls in Tschernobyl.

Obwohl mein politisches Weltbild vom Engagement meiner Eltern geprägt ist, bin ich nicht abhängig von der Meinung meiner Mutter. Wir werden sicher wunderbar zusammenarbeiten, doch ich gehe meinen eigenen Weg. Dazu haben mich meine Eltern schliesslich erzogen.

Ich freue mich auf die politische Arbeit. Die Vereidigung findet am 7. Januar statt. In der ersten Ratssitzung des neuen Jahres werden die Sitze der Kommissionen verteilt. Vorher treffen wir uns in der Fraktion, um die neue Legislaturperiode vorzubereiten. Die Alternative Fraktion zählt sieben Leute. Da ich meine Mutter oft zu politischen Anlässen begleitete, kenne ich die Mitglieder der SGA und der Alternativen Fraktion zum Teil seit Jahren.

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Eine meiner Hauptaufgaben als Parlamentarierin wird sein, die Anliegen der Jugendlichen in den Grossen Gemeinderat zu tragen. So gibt es zum Beispiel in der ganzen Stadt keine einzige Anlage für die Skater. Für ihre akrobatischen Einlagen müssen sie die Sitzbänke auf Plätzen und in Parkanlagen benützen. Konflikte mit Passantinnen und Passanten sind unausweichlich. Hier muss etwas geschehen.

In meiner politischen Arbeit werde ich von anderen jungen Leuten unterstützt, die ebenfalls kandidiert hatten, aber nicht gewählt wurden. Wir jungen Menschen fordern ein gewisses Mass an Selbst- und Mitbestimmung. Ich finde, wir haben ein Recht darauf.