Gegenwärtig sind wir zwei Frauen unter 40 internationalen Beobachtern, die zusammen mit 150 weiteren Mitarbeitern den Waffenstillstand überwachen. Das Gebiet der Nubaberge ist viel grösser als die Schweiz – was unsere Aufgabe nicht gerade erleichtert. Dank dem Willen zur Zusammenarbeit seitens der Regierung und der Rebellen ist sie aber lösbar. Die verfeindeten Parteien haben nämlich ein gemeinsames Ziel: den Frieden. Nach 19 Jahren Krieg haben sie gemerkt, dass ihre Probleme nicht mit Gewalt zu lösen sind. In all unseren Gremien, auch in den Patrouillen, sind Vertreter beider Parteien integriert. Das bewirkt, dass unsere Beanstandungen bei Verletzungen des Waffenstillstands jeweils von beiden Armeen anerkannt werden.

Ich berate den Chef der Mission, den norwegischen General Jan Erik Wilhelmsen, in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit. So verfasse ich Communiqués über Verletzungen des Waffenstillstands. Zudem betreue ich sämtliche Besucher, vom Regierungsvertreter bis zum Journalisten, ich organisiere für sie Heliflüge, vermittle Kontakte zu den Parteien, organisiere Medienkonferenzen und halte unsere Website (www.jmc.nu) à jour. Meine vorherige Tätigkeit bei den Swisscoy im Kosovo, wo ich auch eine militärische Ausbildung erhielt, und mein ursprünglicher Beruf als Journalistin kommen mir dabei zustatten.

Reagieren, bevor Konflikte eskalieren
Glücklicherweise ist es in den letzten zwei Jahren nie mehr zu ernsthaften Gefechten gekommen. Die Verstösse sind anderer Art: wenn beispielsweise Angehörige der Rebellen bewaffnet die neutrale Zone betreten, die an ihre Gebiete grenzen. Dasselbe gilt natürlich auch für die Regierungssoldaten. Auf solche Übertretungen müssen wir reagieren, bevor daraus grössere Konflikte entstehen. Die Waffen sind das grosse Übel. In all den Kriegsjahren sind sie für die Bevölkerung alltäglich geworden. Wir arbeiten nun auf einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Kriegsmaterial hin. Doch die eigentliche Entwaffnung und die Demobilisierung der überzähligen Truppen wird erst die UN-Mission durchführen können.

Journalisten stellen mir natürlich oft die zentrale Frage, worum es in diesem Konflikt überhaupt geht. Ich bin jetzt seit drei Monaten hier und habe gelernt, worum es im Konflikt nicht oder nicht nur geht. Muslime aus dem Norden bekämpfen Christen aus dem Süden – das ist offensichtlich zu einfach. Auch im Regierungsgebiet gibts Christen. Allerdings ist im Norden die Scharia in Kraft; dort sind Tendenzen für einen muslimischen Staat vorhanden. Den Rebellen im Süden schwebt hingegen eher ein säkularer Staat vor. Schliesslich spielt die wirtschaftliche Entwicklung, vor allem die Verteilung der Erdöleinnahmen, auch eine wichtige Rolle.

Wir sind ausserdem mit Konflikten konfrontiert, die in dieser Region stets vorhanden waren: den Streitereien zwischen den Nomaden und den sesshaften Bauern. Die Herden der Nomaden zerstören auch mal ein Feld, die Bauern stehlen auch mal ein Tier. Während des Krieges flohen viele Bauern; die Nomaden nutzten die verwaisten Gebiete. Nun kehren die Bauern zurück, und die alten Konflikte flammen wieder auf. Die Nomaden sind, wie es ihrer Tradition entspricht, bewaffnet. Deshalb müssen wir stets vermitteln, damit aus kleinen Konflikten nicht ein Flächenbrand wird.

Erstaunt hat mich, wie gut alle Bevölkerungsgruppen uns Europäer akzeptieren. Dabei muss auch ihnen auffallen, dass unser Lebensstandard immens höher ist als der ihre. Ich lebe in einem Container mit Klimaanlage; Duschen und Waschgelegenheiten sind selbstverständlich. Auch Lebensmittel sind genügend vorhanden. Die Einheimischen dagegen leben in einfachen Lehmhäusern, ohne fliessend Wasser. In der Trockenzeit sind sie oft auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Neid aber kennen sie nicht.

Natürlich respektiere ich die Sitten
Meine Bedenken, von der arabischen, männlich dominierten Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden, erwiesen sich als unbegründet. Natürlich respektiere ich die Sitten; ich ziehe nie Kleider mit kurzen Ärmeln an. Ein Kopftuch trage ich jedoch nicht, was noch nie zu Beanstandungen geführt hat. Vor kurzem besuchte ich mit einer Delegation ein Dorf. Am Schluss bedankte ich mich für die freundliche Aufnahme. Für das Dorf erwiderte eine Frau den Dank für unseren Besuch – obwohl viele Männer anwesend waren, die diesen Job hätten übernehmen können. Einmal mehr entsprach die Wirklichkeit nicht meinen Vorstellungen.

Einige Male schloss ich mich unseren Patrouillen ins unwegsame Gelände an. Der Heli setzte uns ab, und wir führten unsere Kontrolltätigkeit zu Fuss fort. Die Eindrücke werden mir bleiben: diese Ruhe in den traditionellen Dörfern mit ihren strohbedeckten Lehmhäusern, die herzliche Begrüssung durch diese Menschen, die trotz wirtschaftlicher Not eine Würde ausstrahlen, die wir in unserem Wohlstand kaum mehr kennen.

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