Ohne Eingangskontrolle komme auch ich nicht ins Berner Regionalgefängnis, aber Schikanen gibt es keine. Hier, in zwei grossen Räumen mit Fernseher, schlagen «meine Frauen» den Tag tot bis zu ihrer Ausschaffung. Wenn sich die Türen öffnen und schliessen, ist ständig das Drehen der Schlüssel zu hören: Die Frauen sind unter Verschluss.

Gehen die Türen auf, ist der Weg nur Richtung Flughafengefängnis frei - und von dort weiter an die Elfenbeinküste, in die Mongolei, nach Ecuador oder wohin immer die Sans-Papiers zurückmüssen. Weil sie sich ohne Erlaubnis in der Schweiz aufgehalten haben, werden sie wie Kriminelle behandelt.

Unbändiger ÜberlebenswilleDurch die Kontakte mit den Frauen erhalte ich Einblick in die Welt der Sans-Papiers. Ich staune nur, wie sich diese Frauen aus fremden Kulturen in unserem Land durchschlagen. Etwa jene Analphabetin aus der Elfenbeinküste, die hier einige Jahre lebte und arbeitete. Gerne hätte sie den Schweizer geheiratet, mit dem sie einige Jahre in Zürich zusammenlebte. Doch die Beziehung ging in die Brüche.

Die Frau zog nach Biel, nahm Gelegenheitsarbeiten an, hauste auch mal in Notschlafstellen - und war damit erst noch zufrieden. Eine Existenz auf der untersten Stufe in der Schweiz empfand sie als lebenswerter als die Arbeitslosigkeit und Rechtlosigkeit in ihrer Heimat, wo bürgerkriegsähnliche Zustände ihr jede Perspektive verbauen.

Die Frau wusste, dass die Polizei dunkelhäutige Personen vermehrt kontrolliert, nahm sich auch in Acht - bis auf das eine Mal. Festnahme und Ausschaffungshaft folgten, nicht aber die Verzweiflung. Bei den Gesprächen spürte ich ihren unbändigen Willen, bei der nächsten Gelegenheit wieder in die Schweiz zurückzukehren - oder zumindest nach Europa.

Hätten wir verwöhnten Schweizer auch so viel Lebenskraft und Willen, nach einem Rückschlag das Gleiche erneut zu versuchen? Nochmals rechtlos und schutzlos ein Leben in einer fremden Umgebung zu wagen? Ein Leben ohne ärztliche Versorgung, ohne Versicherung und ohne Pensionskasse: Das ist wohl für die grosse Mehrheit bei uns undenkbar.

Ich selbst bin unendlich dankbar dafür, in diesem Land geboren worden zu sein - in einem Rechtsstaat, in dem für die meisten eine Ausbildung und auch ein wenig Luxus selbstverständlich sind. Ich begreife auch, dass die Schweiz nicht alle Frauen aufnehmen kann, die in anderen Ländern an Hunger leiden, keine Aussicht auf eine Ausbildung haben oder verfolgt werden. Doch die Ausschaffungen machen mich traurig, und daran ändern auch meine Besuche nichts.

Ich kann den Sans-Papiers einzig etwas Wärme und Anteilnahme in ihre Heimatländer mitgeben. Immerhin etwas, sagte ich mir, als ich mich der Kirchlichen Anlaufstelle für Zwangsmassnahmen des Kantons Bern als Besucherin zur Verfügung stellte. Dass ich mich seit meiner Kindheit für fremde Lebensweisen interessiere, spielte natürlich auch eine Rolle. Als ehemalige Sprachlehrerin spreche ich Französisch, Italienisch, Spanisch und ein wenig Russisch; so bin ich nur selten auf eine Dolmetscherin angewiesen.

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Es gibt nur Besuche auf WunschIch weiss nun einiges über die Sans-Papiers, aber beileibe nicht alles. Meine Kolleginnen und ich besuchen ja nur Frauen, die dies wünschen. Einige wenige setzen die letzten Hoffnungen in uns, um doch noch im «gelobten Land» zu bleiben. Besteht eine kleine Chance, vermitteln wir einen Rechtsanwalt. Doch dieser kann nur etwas ausrichten, wenn Verfahrensfehler vorliegen oder die Ausschaffungshaft zu lange gedauert hat.

Andere Frauen wollen einfach mit jemandem sprechen und angehört werden; von ihrem Leben erfahren wir nur Bruchstücke. Wir können die Betroffenen meistens nur einmal besuchen und stellen dabei auch keine indiskreten Fragen. Trotz diesen flüchtigen Begegnungen hinterlassen viele Sans-Papiers einen tiefen Eindruck bei mir. Etwa jene Frauen, die sich unbedingt eine gute Ausbildung erkämpfen wollen. Wie die junge Frau aus Togo, deren Vater Europäer ist: «Beide Gesellschaften verachten mich», sagte sie mir. Gleichwohl liess sie sich nicht unterkriegen und schaffte in Frankreich immerhin die Matura. Ein Studium war jedoch weder dort noch in Togo möglich. Eine gute Ausbildung blieb aber unverrückbar ihr Ziel.

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Alles für ein besseres Leben
Ich musste unwillkürlich an meine ehemaligen Schülerinnen und Schüler denken. Klar, dass sie in einem Land mit der obligatorischen Schulpflicht ihre Ausbildung und eine gesicherte Zukunft als Selbstverständlichkeit hinnahmen; nur wenige schätzten dies als Privileg. Wie anders doch diese Sans-Papiers, die wild entschlossen sind, alles für ein besseres Leben zu tun. Solche Frauen stellen mich auf.

Und all die Begegnungen zeigen mir auch, dass auf dem Schwarzen Kontinent etwas geschieht. Wir werden diese Menschen voller Lebenskraft und Bildungshunger bald besser kennen lernen - die Migration ist ja in vollem Gang. Tröstlich, dass die Ausgewiesenen selten einen Groll gegen die Schweiz hegen. Ganz im Gegenteil: Sie wollen wieder kommen.