Die Angehörigen denken immer ans Schlimmste. Klingelt zu nächtlicher Stunde das Telefon und der Sohn bittet dringend um eine Geldüberweisung, worauf die Leitung plötzlich unterbrochen wird, ist für sie der Fall klar: Da hält ihm einer die Pistole an die Schläfe! Folgt nicht bald ein weiteres Lebenszeichen, sehen sie ihre Befürchtung bestätigt. Oft mache ich dann zuerst ein wenig Therapie, beruhige die aufgelösten Eltern am Telefon.

Später stellt sich heraus, dass eine technische Panne vorlag oder der Briefkasten selten geleert wird und deshalb die Karten nicht angekommen sind. In manchen Ländern klappt halt nicht alles so reibungslos wie hier bei uns, ich kenne das von meinen eigenen Reisen her. In solchen Fällen tauchen die vermeintlich Vermissten meist bald wieder auf.

Andere setzen sich bewusst ins Ausland ab, weil sie Probleme haben und eine Auszeit benötigen. Via Kreditkartenauszüge, Auslandsvertretungen und andere Kanäle spüren wir solche Leute auf. Haben wir jemanden ausfindig gemacht, dürfen wir den Aufenthaltsort aber nur bekannt geben, wenn die gesuchte Person damit einverstanden ist – ausser bei Minderjährigen. Die werden von den Eltern manchmal mit Polizeigewalt nach Hause geholt.

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Davon rate ich allerdings ab; schliesslich müssen sie nachher wieder miteinander auskommen. Manchmal kann ich auch verstehen, dass jemand untertaucht. Zum Beispiel wenn die Eltern sich derart an einen klammern, dass man nur durch eine Flucht endlich ganz sich selber sein kann.

Unglücksfälle und Verbrechen gibt es natürlich auch. Von den Fällen, die wir aufklären, ist das aber nur ein kleiner Prozentsatz. Ist etwas passiert, hören wir meistens schnell davon: Die ausländischen Behörden suchen jemanden, der für die Kosten aufkommt, und nehmen Kontakt auf mit der Schweizer Vertretung. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) sorgt dafür, dass die traurige Nachricht den Angehörigen überbracht wird.

Ich bin froh, dass wir das nicht übernehmen müssen. Zum Beispiel wurden einmal zwei Schweizer Touristen von Terroristen aus einem Bus geholt und auf entsetzliche Art umgebracht. Da mochte dann auch der beauftragte Pfarrer den Eltern keine näheren Angaben machen.

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In einem anderen Fall gelangte eine ausländische Mutter an mich. Sie suchte ihre 13-jährige Tochter, die sie dem Onkel in der Schweiz anvertraut hatte. Nachdem sie erfuhr, dass er ein Verhältnis hatte mit ihrer Tochter und sie ihm hörig war, wollte sie sie zurückholen, worauf sich der Mann mitsamt dem Kind ins Ausland absetzte.

Ich erinnere mich noch genau, wie die Mutter hier bei mir im Büro sass und mir ihr Leid schilderte. Sie wollte auch an die Presse gehen. Doch dazu kam es nicht mehr: Für mich sehr überraschend wurde sie zu Gratisferien nach Griechenland eingeladen. Dort ertrank sie, eine passionierte Sportlerin, unter mysteriösen Umständen. Damit war die Anklägerin und Auftraggeberin tot und der Suchauftrag hinfällig. Als ich davon erfuhr, überkam mich ein Gefühl der Wut und der Ohnmacht. Ich bin überzeugt, dass die Frau nicht von alleine ertrank. Doch nachweisen konnte man das nicht. Das ist mir wirklich sehr nahe gegangen, da habe ich richtig gelitten.

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Was mir zu schaffen macht, sind die Vermissten, die nie gefunden werden, wo einfach nie der geringste Hinweis auftaucht. Da möchte ich manchmal schon hellsehen können. Das ist auch für die Angehörigen das Schlimmste: Sie sind verzweifelt und können doch über Jahre die Hoffnung nie aufgeben. Andere haben wenigstens ein Grab, an dem sie Abschied nehmen können.

Dieses Leid bekomme ich am Telefon oft mit. Da kann ich dann nicht einfach abschalten und in den Feierabend gehen – schliesslich geht es um Menschen und Schicksale. Auf der anderen Seite gibt es mir aber ein wirklich gutes Gefühl, dass ich weiss: Mit meiner Arbeit kann ich etwas bewegen, etwas Sinnvolles tun.

Wir sind hier zu dritt bei den Nachforschungen. Neben dem Suchen von Vermissten haben wir noch andere Aufgaben. Verliert zum Beispiel jemand den Pass, muss die Botschaft bei uns eine Bestätigung einholen, bevor sie neue Papiere ausstellen kann. Durch Passanträge, die im Ausland gestellt werden, kommen wir oft den willentlich Untergetauchten auf die Spur.

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Computer und Datenbanken sind sehr wichtig für unsere Arbeit: Ohne sie wäre die Suche in der heutigen Form überhaupt nicht möglich. Als ich vor gut 17 Jahren hier anfing, war nur eine einzige Person im Suchdienst, den es damals erst in rudimentärer Form gab. Ich konnte das Ganze dann aufbauen. Geholfen hat mir dabei, dass ich vorher beim EDA war und von dort her schon gute Kontakte zum Ausland hatte.

Eigentlich wäre ich ja selber gern ins Ausland gegangen. Ich hatte mich für eine Stelle beworben bei der Auslandsvertretung im damaligen Zaire. Fast hätte es geklappt. Der Arzt befand dann aber, mein Blutdruck sei zu tief für das tropische Klima. So musste ich meine Afrikaträume begraben. Ein glücklicher Zufall führte mich bald darauf ins Bundesamt für Polizei.

Mein erster Sucherfolg liegt aber weiter zurück. Während meiner Lehre auf einer Gemeindekanzlei tauchte eines Tages ein junger Amerikaner im Büro auf. Er war auf der Suche nach seinen Schweizer Vorfahren. Zusammen haben wir alte Urkunden durchstöbert und sie tatsächlich gefunden. Und nicht nur das: In der Schweiz lebten ebenfalls Nachkommen seines ausgewanderten Grossvaters. Die rief ich an und arrangierte ein Treffen. Sie waren freudig überrascht, war doch der Grossvater in der Schweiz als verschollen erklärt worden – wie viele Auswanderer damals. Das war vermutlich die Initialzündung für mein heutiges Engagement.

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Auswandererschicksale haben mich immer schon fasziniert. Vor allem aus den USA erhalten wir regelmässig solche Anfragen. Diese Leute verweisen wir an Genealogen, weil wir die Kapazität für solch aufwändige Suchaufträge nicht haben und die Auskünfte der Zivilstandsämter kostenpflichtig sind. Oder Historiker bitten um Einsicht in alte Dossiers.

Manchmal geschehen erstaunliche Dinge: Verschollene, die für tot gehalten wurden, tauchen nach 20 oder mehr Jahren plötzlich wieder auf und stellen ein Pass-gesuch. Niemand kann sie anhand der Fotos mehr identifizieren.

Gerade letzthin hatten wir einen solchen Fall. Durch gezielte Befragungen mussten wir feststellen, ob er wirklich derjenige war, als der er sich ausgab. Es kommt ja vor, dass jemand mit gestohlenen Papieren unter falscher Identität lebt. Also fragten wir aufgrund von Angaben seiner Mutter nach Erlebnissen und Dingen, die nur ihr Sohn wissen konnte. Zuerst war sie sich nicht sicher, doch dann erhielt ich einen Anruf der überglücklichen Mutter: Doch, er sei wirklich ihr Sohn, er habe die entscheidende Frage richtig beantwortet.

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Das ist auch für mich das Schönste: die Freude der Angehörigen, wenn sie die gute Nachricht erhalten. Da gehe ich nach Hause mit einem Gefühl – einfach unbeschreiblich! Das ist dann der Lohn für die ganze Mühe.