Die Bewegung muss rund sein – nur so bekommt der Rennstuhl richtig Fahrt. Dabei werden Rücken-, Nacken- und Armmuskulatur extrem gefordert. Hat mein Rennstuhl erst mal Fahrt gewonnen, schlage ich bei zwölf Uhr – denken Sie an das Zifferblatt einer Uhr – mit beiden Händen in den Antriebsring, gebe Schwung hinein und lasse bei sieben oder acht Uhr wieder los. Jede einzelne Bewegung erfordert volle Konzentration.

Ich mag vor allem die langen Strecken. Bei 5000 und 10'000 Metern oder bei der Marathondistanz bin ich im Element. Am schönsten ist es, wenn wir Athleten im Rennen gemeinsam eine gute Zeit erreichen wollen und uns gegenseitig unterstützen. Klar, dass es am Schluss zur gnadenlosen Ausmarchung kommt.

Zählt nur der Sieg und nicht die Zeit, kommt es zu taktischen Rennen. Die liegen mir weniger. Das Tempo wechselt von extrem schnell zu sehr langsam – und umgekehrt. Die runde Bewegung muss man immer wieder von neuem aufbauen. Die Zwischenspurts fordern mir dann alles ab – oder sogar zu viel. Ich gehe lieber haushälterisch mit meinen Kräften um und spare den Exploit für den Schlussspurt auf.

«Ich trainiere sechsmal pro Woche»
Die Limite fürs Nationalkader habe ich erneut erreicht. Die drei Männer, die mit mir starteten, waren schneller: Sie überrundeten mich einmal. Ich habe es dennoch geschafft – als einzige Frau. Diese gute Leistung ist beruhigend für die Europameisterschaft: Bei guter Konkurrenz werde ich noch wesentlich zulegen können. Edith Hunkeler ist die grosse Favoritin.

Sie hat den Boston-Marathon gewonnen; ich wurde Dritte. In den Rennen sind wir Konkurrentinnen, doch das beeinträchtigt unserer Freundschaft nicht.

Wenn man zur Spitze vorstossen will, müssen Kraft und Technik optimal übereinstimmen. Ich absolviere sechs Trainings pro Woche, mit einer Fahrzeit von je anderthalb bis zwei Stunden. Dabei lege ich Intervallphasen und Fahrtenspiele ein, um die Grundschnelligkeit zu erhöhen.

Während dreier Wochen intensiviere ich das Training stufenweise, in der vierten Woche erhole ich mich. Das heisst: Ich trainiere weniger intensiv und lasse eine Einheit weg. In der Wettkampfphase kann ich den Vierstufenrhythmus nicht mehr durchziehen. Dann muss ich das Training auf die Rennen ausrichten. Wenn es dann im Rennen klappt, ist das schon ein Aufsteller. Letztes Jahr habe ich den Berlin-Marathon gewonnen, vor zwei Jahren wurde ich Dritte. Auch der dritte Rang von Boston und der fünfte von Sydney bleiben mir in bester Erinnerung. Trotzdem: Sport treibe ich nicht nur wegen der Siege – auch ein gutes Training gibt Befriedigung.

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Im Winter trainiere ich weniger. An den Wochenenden gehen wir oft mit den Kindern Ski fahren. Ich schaffe jede Abfahrt – auf der Piste oder im Tiefschnee. Vor dem Unfall war der Schnee mein Element. Als Juniorin fuhr ich Skirennen. Nachher habe ich das Skilehrerpatent erworben und zwei Saisons unterrichtet. Kurz vor dem Unfall erkannte ich, dass ich den Höhepunkt einer Sportlerkarriere, die Olympischen Spiele, wohl nie erreichen würde.

Dann kam der Abend des 17. September 1991. Ich trainierte im Turnverein Teufen AR. Wir waren eine gute Mannschaft und errangen einige Male den Meistertitel in der Grossfeldgymnastik. Am Ende dieses Trainingsabends übten wir an den Ringen. Ich spürte bereits die Müdigkeit. Beim Schwung hatten wir die Beine waagrecht über dem Kopf. Da glitschten mir die Griffe aus den schweissnassen Händen: Ich stürzte auf den Rücken. «Lasst mich liegen», konnte ich meinen Mitturnerinnen noch zurufen, denn ich hatte bereits kein Gefühl mehr in den Beinen. Ich wusste, was das bedeutet.

«Der Sport gab mir neue Kraft»
Der Arzt ging ziemlich sorglos mit mir um. Es sei wohl nicht so schlimm, meinte er. Er täuschte sich: Auf der Höhe des elften und des zwölften Brustwirbels war das Rückenmark stark verletzt. Ich wurde im Spital St. Gallen operiert. Seither bin ich vom Bauchnabel an abwärts gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.

Ein halbes Jahr verbrachte ich im Paraplegikerzentrum Nottwil LU. Ich musste kleinere Lebenskrisen überwinden, bin aber nie in ein wirklich grosses Loch gefallen. Der Sport gab mir neue Kraft – noch bevor ich selber wieder aktiv werden konnte. «Die Olympischen Spiele musst du begraben. Aber nun werden die Paralympics möglich», ging es mir rund eine Woche nach dem Unfall durch den Kopf.

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Es blieb nicht beim Traum: Letztes Jahr flog ich nach Sydney. Das war ein einmaliges Erlebnis: ein Rennen, begleitet von den Anfeuerungsrufen begeisterter Zuschauer. So was fehlt hierzulande.

In Nottwil durfte ich zu Beginn kaum Sport treiben. Beim Austritt hatte ich einen solchen Nachholbedarf, dass ich sofort eine Woche Skiferien buchte. Das reichte, um mich mit dem Paraplegikerskilauf vertraut zu machen.

Mein Partner Martin unterstützt meine sportlichen Ambitionen. Meine Schwiegereltern wohnen im gleichen Haus; auch sie helfen mir nach Kräften. 1994 kam meine Tochter Melanie zur Welt, 1997 die zweite Tochter Mara. Wenn ich an Wettkämpfen teilnehme, sind sie bei den Schwiegereltern bestens aufgehoben. Auch in unserem rollstuhlgängigen Haus bin ich absolut selbstständig, und mit dem Auto komme ich überall hin. Das ist auch gut für unsere Partnerschaft.

Die meisten Menschen sind rücksichtsvoll und hilfsbereit. Nur die Medien nehmen die Behindertensportler kaum zur Kenntnis. Am letzten Leichtathletikmeeting Weltklasse Zürich fuhr Franz Nietlispach einen Weltrekord. Am nächsten Tag berichtete die Presse zu Unrecht, es habe keinen Rekord gegeben. Von den Paralympics strahlte das Schweizer Fernsehen eine 45-minütige Zusammenfassung aus – während die deutschen Kollegen täglich eine Stunde lang berichteten.

Wer nicht zur Weltklasse gehört, findet keinen Sponsor. Ich bin froh, dass die Firma Puma mich ausrüstet und der Rotary Club Appenzell mich mit Beiträgen unterstützt: Nur so sind Auslandstarts möglich – denn Geld verdienen kann man mit dieser Sportart nicht.

Immer wieder werde ich gefragt, ob ich Hoffnung in die Forschung setze, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Para- und Tetraplegiker zu heilen. Wenn es einmal so weit ist, werden die neu Verletzten davon profitieren. Für mich jedoch ist das kein Thema. Ich lebe gut im Rollstuhl.

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