Die Chinesen gehen einmal mehr von der alltäglichen, stillen Unterdrückung zur offenen, brutalen Unterdrückung über. Am Jahrestag des tibetischen Volksaufstands von 1959 protestieren tibetische Mönche in Lhasa friedlich gegen die «patriotische Erziehung». Zu viel für die Besatzer. Sie knüppeln die Mönche nieder. Als sich die Proteste ausweiten, schiesst die Polizei auf Demonstranten - Hunderte Tibeter sterben, weil sie Freiheit und die Einhaltung der Menschenrechte fordern.

Für mich war es selbstverständlich, an den Protesten gegen die Unterdrückung teilzunehmen. Unsere Botschaft ist einfach und klar: Mit diesem Vorgehen sind wir nicht einverstanden, wir verlangen Freiheit für unsere Landsleute und echte Autonomie für Tibet. Ich denke, dass etwa 2000 Personen, mit und ohne tibetische Wurzeln, an der Demonstration vor dem chinesischen Konsulat in Zürich teilnahmen. Etwa zehn junge Männer - eine verschwindend kleine Minderheit - warfen Steine gegen das Gebäude. Das bringt nichts, und es verstösst gegen die Gewaltlosigkeit, die uns der Dalai Lama lehrt.

Doch ich kann die jungen Männer verstehen: Nach über 50 Jahren Repression platzte ihnen einfach der Kragen. Die Mahnwache in der Zürcher Innenstadt vom 18. März verlief vollkommen friedlich - und fand ein geringes Medienecho.

Die tibetische Kultur erhalten
Man kann sich natürlich fragen, ob der gewaltlose Weg etwas gebracht hat. Sicher ist, dass ein gewaltsames Vorgehen nur noch mehr Gewalt erzeugen würde und die langjährigen Bemühungen des Dalai Lama umsonst gewesen wären. Ausserdem würden wir ohne das Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit langfristig jegliche Unterstützung der internationalen Gemeinschaft verlieren.

Der Ausgang des Tibeteraufstands von 1959 zeigt, dass Gewalt nicht zum Ziel führt. Nach seiner blutigen Niederschlagung setzte die grosse Fluchtbewegung ein. Auch meine Mutter musste fliehen und kam 1968 in die Schweiz. Sie hat sich immer bemüht, mir und meinen Geschwistern das kulturelle Erbe Tibets weiterzugeben. Sie insistierte, dass wir in der Familie Tibetisch sprechen, sie führte uns in den tibetischen Buddhismus ein, der heute meine Religion ist. Jedes Jahr verbrachten wir zwei Wochen in einem Ferienlager für Tibeterkinder. Es diente der Erhaltung der Kultur und Religion.

Für mich ist immer klar gewesen, dass auch meine Landsleute in Tibet das Recht haben, ihre Religion und Kultur in Freiheit zu leben. Darum engagiere ich mich als Tibet-Aktivistin. Einen tiefen Eindruck macht auf mich der Dalai Lama, den ich mehrmals live erleben durfte. Dieser Mann hat eine starke Ausstrahlung und ein unglaubliches Charisma. Als religiöses und politisches Oberhaupt ist er in der Tibetergemeinde unbestritten.

Die Hinwendung zu meinen tibetischen Wurzeln hat jedoch meinem Werdegang in der Schweiz keinen Abbruch getan. Ich bin Kauffrau und arbeite in einer Bank; auch die Schweiz ist meine Heimat, mein Lebenspartner ist Schweizer.

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Die Müllhalde Chinas
Letztes Jahr besuchte ich zum ersten Mal meine Heimat. Es war ein Schock. Dass die Han-Chinesen - sie stellen über 90 Prozent der Bevölkerung in China - in der Regierung und der Verwaltung das Sagen haben, ist bekannt. Doch auch in der Wirtschaft nehmen sie alle höheren Stellen ein. Praktisch alle Geschäfte, Hotels und Läden gehören ihnen. Viele Tibeter sind arbeitslos oder Bauern. Immerhin konnte ich meist ungehindert mit ihnen sprechen, die Polizei griff nicht gleich ein. Mag sein, dass das nur in Kham, in Osttibet, so gut möglich ist. Meine Landsleute erzählten von perfiden Überwachungsmethoden: Chinesische Spitzel würden sich als Mönche verkleiden und die Gespräche zwischen Tibetern und Touristen belauschen.

Ich möchte deshalb nicht, dass mein Nachname im Beobachter erscheint. Ich befürchte, China könnte mir sonst künftig die Einreise nach Tibet verweigern.

Für westliche Touristengruppen mag es den Anschein erwecken, den Tibetern gehe es ja gar nicht so schlecht. Die Chinesen bauten ihnen Autobahnen, Hotels und Geschäfte. Schaut man genauer hin, offenbart sich jedoch die subtile Unterdrückung, die von den Chinesen ausgeht. Sie profitieren hauptsächlich von den Investitionen in die Modernisierung. Vor dem Einmarsch der «Volksbefreiungsarmee» 1950 war das Land sicher nicht so modern. Aber es hätte sich auch ohne die Chinesen entwickelt. Gewiss langsamer, aber ohne die zurzeit grassierende Bauwut. Die Natur würde weniger leiden, Tibet wäre nicht wie heute Chinas Abfalleimer - in dem sogar atomare Abfälle gelagert werden.

Wir Tibeter verlangen doch wenig von China. Wir würden uns mit echter Autonomie zufriedengeben, wir wollen unsere Religion frei ausüben und unsere Kultur leben. Die Einhaltung der Menschenrechte muss zur Selbstverständlichkeit werden. Die Welt blickt jetzt wegen der Olympischen Spiele auf China - jetzt müssen wir unsere Forderungen vorbringen.

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