«Jesses Gott!», stiess ich aus, als ich den ersten Schuss abgab. Natürlich versuchte ichs nochmals. Doch nach einigen Tagen war mir klar: Diese Knallerei ertrage ich nicht. Die Instruktoren stuften mich als «feuerscheu» ein. Erleichtert gab ich die Dienstpistole ab und leistete fortan waffenlosen Dienst. Im Ernstfall werde ich mich nicht verteidigen können. Den vierwöchigen Einführungsdienst leistete ich vor rund einem Vierteljahrhundert. Ich war als Rotkreuzfahrerin beim Frauenhilfsdienst (FHD) eingeteilt, wie der militärische Frauendienst damals hiess.

Vielleicht wars eine Jugendsünde, dass ich mich zum Militär meldete. Doch ich wollte Ernst machen mit «gleiche Rechte, gleiche Pflichten». Ich war gerade 19 Jahre alt, als wir Frauen 1972 endlich das Stimm- und Wahlrecht erhielten. Zudem hoffte ich, im Dienst Freundinnen zu finden. Das war leider nicht der Fall.

Trotzdem bin ich nicht unglücklich, dass ich Dienst geleistet habe. Gerade in den Führungskursen habe ich viel gelernt. Vorbereiten und Planen haben einen grossen Stellenwert in der Armee, diszipliniertes Vorgehen gehört auch dazu. Beides hat mir später viel genützt. Auf die Nerven ging mir, dass der Feind immer aus dem Osten kam. Dass ich mich einmal als Feldpredigerin melden würde, hätte ich mir damals nicht träumen lassen.

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Im Zivilleben war ich mit Leib und Seele Primarlehrerin, obwohl ich mich zur Theologie hingezogen fühlte. Das hatte ich der Berufsberaterin seinerzeit auch gesagt. «Aha, gleich wie der Vater», war ihre Antwort. Damit hatte sie meinen Theologiewunsch mit einem Satz weggeblasen. Jetzt suchte ich meinen eigenen Weg – und der führte übers Oberseminar zurück in die Schule, diesmal halt als Lehrerin.

Die pädagogische Ader war durchaus vorhanden. Und ich hätte gern länger unterrichtet. Doch die Wirtschaftskrise warf ihre Schatten auch auf die Schule, den Rest besorgte der damalige Zürcher Erziehungsdirektor Alfred Gilgen. «Doppelverdiener raus!», war seine Parole. Als verheiratete Frau war ich eines der ersten Opfer. Nicht mal eine halbe Stelle konnte ich besetzen; Gilgen war strikte gegen Job-Sharing.

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Als Hausfrau bildete ich mich zur Haushaltleiterin weiter. Das erlaubte mir, eine Weile lang die Hauswirtschaft der «Herberge zur Heimat» in Zürich zu führen. Mein Mann ist Leiter dieses Obdachlosenheims. In jener Zeit zügelten wir nach Effretikon ZH. Wie bei jedem Umzug machte ich auch dieses Mal die Erfahrung, dass die Kirchgemeinde mich sofort akzeptiert. In einer Gemeinschaft von Menschen, die sich um ihren Glauben bemühen, fühle ich mich wohl. In dieser Gemeinde begann ich auch, wieder zu unterrichten – für einmal Sonntagsschule, was ich aber ebenfalls gern gemacht habe.

Mit 40 Jahren noch an die Uni
Meine militärische Karriere musste ich damals abbrechen. Wo hätte ich während des Dienstes zwei Kinder verstauen sollen? Bald meldeten sich auch das dritte und dann das vierte Kind an – da war an eine Rückkehr zum Militär gar nicht zu denken. Immerhin fasste ich beruflich wieder Tritt. Ich begann, Religionsunterricht für Drittklässler zu erteilen. Später wirkte ich bei der Ausbildung von Katechetinnen mit.

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Mein Vater legte dann den Finger auf einen wunden Punkt: «Mit welchen Qualifikationen rechtfertigst du deine Tätigkeit?» Recht hatte er: Ich war weder Theologin, noch wusste ich viel über Erwachsenenbildung. Eine berufliche Neuorientierung war angesagt.

Ich wandte mich an die Akademische Berufsberatung. Diesmal schmetterte keine unbedachte Bemerkung meinen Wunsch nach dem Theologiestudium ab. Mit fast 40 Jahren und vier Kindern nahm ich das Studium auf. Das betrachte ich noch heute als ein Riesenprivileg.

Zuerst wandte ich mich den Sprachen zu: Hebräisch, Griechisch und Latein beanspruchten mich voll – und eröffneten mir Welten. Die Kultur der Antike wurde fassbar. Auch die Kirchengeschichte zog mich stark in ihren Bann.

Unter Theologen umstritten
Ob das Studium meinen Glauben beeinflusst hat? Ich kam mit gelebter Glaubenserfahrung an die Uni. Vertieft hab ich meinen Glauben schon. Nach sieben Jahren schloss ich das Studium ab, recht gut, auf jeden Fall besser, als ich dachte. Ich ging gleich ins Pfarramt. In Winterthur-Wülflingen trat ich eine 80-Prozent-Stelle an. Meine Arbeit als Pfarrerin mache ich wahnsinnig gern.

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1997 las ich, dass die Armee noch Feldprediger sucht. Die Feldprediger – jetzt auch die Feldpredigerinnen – sind zwar schon etwas seltsame Figuren innerhalb der Armee. Sie sind militärpflichtig, müssen also zumindest die RS absolviert haben. Als Pfarrer legen sie einen dreiwöchigen Kurs ab und sind dann Feldprediger. Den Grad des Hauptmanns – auch für Frauen gilt die männliche Form – erhalten sie bereits vor diesem Kurs. Irgendwie passt der Feldprediger nicht ganz in die Armee. Aber die Kirche passt ja auch nicht ganz in die Gesellschaft.

Unter Theologen sind die Feldprediger nicht unumstritten. Immerhin ist für Jesus die Feindesliebe zentral, und das Töten ist verboten – ganz nach dem Motto: «Wer dir auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die linke hin.» Trotzdem habe ich mich dafür entschieden. Obwohl ich der Meinung bin, die Konflikte müssten sich auf andere Art lösen lassen.

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Aber die Mehrheit unseres Volkes ist immer noch der Ansicht, es brauche eine Armee und wir müssten diesen Dienst an der Gemeinschaft leisten. Persönlich wäre es mir lieber, der Einzelne könnte wählen, ob er sich im sozialen Bereich oder in der Armee engagieren will. Dass immer weniger Leute einen Dienst an der Gesellschaft leisten wollen, ist ein anderes Problem, ein ernstes allerdings. Jeder schaut nur noch für sich, die Gemeinschaft hat einen immer kleineren Stellenwert. Damit müssen Staat, Kirche und Gesellschaft fertig werden.

Als Feldpredigerin bin ich solidarisch mit den Menschen, die Dienst leisten. Das ist ein Grundrecht, das ich für mich in Anspruch nehme. Militär ist nicht Krieg, aber für die Männer und Frauen, die Dienst leisten, ist dieser Dienst der Ernstfall. Sie müssen Aufgaben erledigen, die sie nicht selbst gewählt haben.

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Ansprechperson für alle Fälle
In dieser Situation bin ich Ansprechpartnerin für Soldatinnen und Soldaten. Probleme gibts genug. Das beginnt mit der Trennung von der Familie. Dann sind da die Arbeiten, die man nicht gern verrichtet, und zurück im Zivilleben, steht man eventuell vor beruflichen Problemen.

Im Militärdienst treffe ich auf einen breiten Querschnitt von Männern unserer Gesellschaft. Das ist eine Chance – obwohl es natürlich noch besser wäre, wenn auch die Frauen gleichermassen vertreten wären. Ob mich die Dienstpflichtigen akzeptieren? Da habe ich keine Zweifel. Ich gehe einfach auf sie zu; das hat sich noch immer bewährt. Das verlangt ja auch mein Beruf als Seelsorgerin. Wenn ich das nicht kann, muss ich zusammenpacken. Die Kirche findet doch nicht nur am Sonntagmorgen statt.

Als Feldpredigerin muss ich auch an einen Einsatz in gefährlichen Situationen denken. Gefährlichen Militärdienst leisten Schweizer Soldatinnen und Soldaten gegenwärtig einzig im Kosovo, wo ich mir ebenfalls einen Einsatz vorstellen könnte. Schliesslich hilft dort die Schweizer Armee, den Frieden zu sichern.

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