Beobachter: Herr Müller, fahren Sie Ski?
Hansruedi Müller:
Nicht mehr. Am Wochenende suche ich Freiheit und Ruhe. Die grossen Menschenmassen stressen mich nur.

Beobachter: Sie sprechen die Masse an. Das ist aber erst der Anfang. Viele Schweizer Bergbahnen hegen Ausbaupläne. Was halten Sie davon?
Müller:
Die Grundsatzfrage ist, mit welchen Umweltbeeinträchtigungen, aber auch mit welchen Rentabilitätsaussichten das gekoppelt ist. In den letzten Jahren hatten wir ein Kapazitätswachstum von drei bis vier Prozent pro Jahr. Ich bin der Ansicht, dass zwei Prozent reichen würden. Und es muss einhergehen mit einer Strukturbereinigung. Es müssen also auch Lifte und Bahnen stillgelegt werden.

Beobachter: Das trifft wohl vor allem die Kleinen. Soll es denn nur noch grosse Skigebiete geben?
Müller:
Auf keinen Fall. Auch die Grossen haben ein Interesse an den Kleinen. Denn wenn sie in zehn Jahren noch Skinachwuchs haben wollen, muss Wintersport ein Volkssport bleiben. Und das ist nur möglich, wenn auch die Voralpen mit Anlagen erschlossen bleiben. Denn Eltern gehen mit ihren Kindern am Sonntagnachmittag kaum auf das Lauberhorn, sondern zu den kleineren Skigebieten in der Nähe. Wenn diese verschwinden, entdecken die Jungen das Skifahren nicht mehr als etwas Schönes.

Beobachter: Wie beurteilen Sie solche Ausbauprojekte wie die Skigebietsverbindung Arosa–Lenzerheide?
Müller:
Ich bin sehr skeptisch, wie bei den allermeisten dieser Ausbaupläne. Es ist ein riesiges Wettrüsten im Gang, das sich in der Bilanz kaum auszahlen wird. Dazu kommt, dass in der Schweiz eigentlich der Grundsatz gilt, keine neuen Geländekammern mehr zu erschliessen. Ich finde es falsch, diese Politik zu untergraben, nur aus der Hoffnung heraus, dass man – um beim Beispiel zu bleiben – über den schnelleren Zugang über die Lenzerheide einige zusätzliche Touristen erhält.

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Beobachter: Dieser Grundsatz wird nicht immer umgesetzt. So hat der Bundesrat den Bau einer Gondelbahn auf das unberührte Hockenhorn im Wallis bewilligt.
Müller:
Unberührt war das Hockenhorn im Lötschental zwar nicht, denn es war ein beliebtes Bergtourengebiet. Dieser Entscheid ist dennoch heikel. Man muss sehen: Der regionalpolitische Druck auf die Behörden ist gross. Wenn die Initianten nachweisen, dass sie neue Bedürfnisse decken und umweltschonende Massnahmen vorsehen, geben die Behörden oft nach.

Beobachter: Wie stark soll der Staat in Skigebieten eingreifen?
Müller:
Der Staat muss in Bezug auf die Ökologie und die Sicherheit die Augen offen haben. Aber finanziell soll er sich möglichst heraushalten und keine Subventionen verteilen. De facto ist es leider anders. Die öffentliche Hand ist vermehrt bereit, Geld in die Transportanlagen zu stecken. Sogar Beschneiungsanlagen sind in die Kategorie von Sportplätzen und Hallenbädern gerutscht und gelten daher als unterstützenswert.

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Beobachter: Wintertourismus verursacht viel Autoverkehr. Warum steigen die Leute nicht auf die Bahn um?
Müller:
Das wird als umständlicher empfunden, und wer ein Auto besitzt, will es wenigstens am Wochenende brauchen. Zudem sind die Parkplätze in den Skigebieten ja vorhanden – meistens sogar gratis.

Beobachter: Mit den Grossskigebieten dürfte sich dies noch verschlimmern.
Müller:
Nicht unbedingt. Skitouren sind beispielsweise im Trend und gelten als «ökologisch». Dabei verursachen sie ebenfalls viel Verkehr, denn Tourengänger fahren auch mit dem Auto in die Berge. Die Ökobilanz ist fragwürdig. Bei den grossen Zentren hat man wenigstens alle Autos auf speziell vorgesehenen Parkplätzen konzentriert. Das ist immer noch besser, als wenn Autos irgendwo herumstehen, wo einige Tropfen Öl oder Benzin einen grossen Schaden im Grundwasser anrichten können.

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Beobachter: Was wäre Ihre Vision für den Schweizer Wintertourismus?
Müller:
Ich wünsche mir einen langsameren und gemächlicheren Tourismus. Wenn Menschen schneller fahren können, dann fahren sie auch weiter. Das ist ein Naturgesetz. Statt mit 130 können wir aber auch mit 100 Stundenkilometern ins Skigebiet fahren. Das ist wohltuend für den einzelnen Menschen, weil er so weniger gestresst ist. Und auf der anderen Seite führt es dazu, dass wir kürzere Distanzen zurücklegen. Die Nähe wird wieder attraktiver. Meine Empfehlung: nicht auf die Winterfreuden verzichten, sondern sie gemächlicher geniessen.