AusländerintegrationMit Wörterbuch und Augenmass

Bild: Getty Images

Jugendliche Migranten haben in Basel den Verein Beraber gegründet, um fremdsprachige Schüler zu fördern. Individueller Unterricht im privaten Rahmen erleichtert ihnen nun das Einleben in die hiesige Gesellschaft. Davon profitieren auch Eltern, Lehrer und Behörden.

von Beat Grossrieder

Was bedeutet ‹uni› auf Deutsch?», fragt Nina Hobi und blickt ihrem Gegenüber in die Augen. Talaye Mousawi, die 16-jährige Sekundarschülerin aus dem Iran, beisst sich auf die Lippen und rollt die Augen. Wie meist am Montagabend sitzt sie in der Wohnung ihrer Nachhilfelehrerin und büffelt Fremdsprachen oder anderen Schulstoff. Nina Hobi, 25, ist eine von derzeit rund 30 Lehrkräften, die beim Verein Beraber Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund unterstützen. Das von fünf Studierenden der Universität Basel gegründete Projekt startete 2001 mit den ersten Förderstunden - heute ist Beraber etabliert und führt eine Warteliste, weil die Nachfrage das Angebot übersteigt. Talaye nutzt es: «‹Uni› könnte ‹Universität› heissen», sagt sie vorsichtig. Hobi verneint, hilft aber mit einer Eselsbrücke weiter: «Denk an die USA - ‹Etats-Unis›.» Nun findet die Iranerin die Lösung: «Es heisst ‹vereinigt›.»

«Ich habe es geschafft»

Wörterpauken ist nur ein kleiner Teil der Arbeit von Beraber. Im schlichten Sekretariat geben die Macherinnen und Macher des Projekts Auskunft über ihre Ziele. Niemand könnte das besser als Toylan Senel, Initiant und langjähriges Vorstandsmitglied des Vereins, heute meist nur noch im Hintergrund aktiv. Senel, 25, steht mit seinem Werdegang beispielhaft für das, was Beraber erreichen will: Kindern und Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln zu einer guten Schulbildung, einer soliden Berufswahl und einer gelungenen sozialen Integration verhelfen. Als Siebenjähriger kam Senel mit der Familie aus der Türkei in die Schweiz, sprach kein Wort Deutsch und musste sich «durchkämpfen». Inzwischen hat er ein Jusstudium beendet und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesamt für Justiz. «Ich kann anderen Migranten zeigen: ‹Ich habe es geschafft - warum nicht auch du?›», umschreibt er seine Vorbildfunktion.
Das türkische Wort «beraber» bedeutet «zusammen». In der Türkei und in anderen Kulturen ist es üblich, dass sich die älteren Kinder um die jüngeren kümmern und ihnen ein Vorbild sind - egal, ob es sich um Geschwister handelt oder nicht. Die Beraber-Lehrkräfte greifen diese Kultur auf und verstehen sich «als grosser Bruder oder grosse Schwester für Kinder und Jugendliche, die Lücken bei der Bildung oder Probleme im Alltag haben», sagt Senel. Im aktuellen Jahresbericht heisst es: «Die Lehrkräfte sind für die SchülerInnen zugleich Berater, Wegweiser, Seelsorger und Vorbilder.» Die Hochschule für Soziale Arbeit Luzern, die das Beraber-Projekt für den Beobachter begutachtet hat, hält in einer Stellungnahme fest: «Das Engagement dieser jungen Menschen ist hoch einzuschätzen, ganz besonders, weil sie ihr erreichtes Wissen mit anderen teilen.»

Dort helfen, wos brennt

Nina Hobi blättert im Langenscheidt-Bändchen «Mort à la Tour Eiffel» und lässt ihre Schülerin laut vorlesen. «Vous vous êtes mariés quand? Parlez-moi de votre femme!», sagt Talaye Mousawi. Auf dem Küchentisch liegen Wörter- und Grammatikbücher, ab und zu füllt Hobi die Wassergläser nach. «Talaye kommt nicht für ein spezielles Fach in die Förderung, sondern bringt alles mit, was ihr Mühe macht», erklärt die ausgebildete Primarlehrerin, die Medienwissenschaften studiert. Französisch ist ein Sorgenkind der jungen Iranerin, die aus ihrer Heimat kein Vorwissen mitbrachte und oft bereits mit dem Deutschen an Grenzen stösst. Dabei hat sich die Sekundarschülerin hohe Ziele gesteckt: Sie möchte in einem Jahr ans Gymnasium, dann Jura studieren und Anwältin werden. «So könnte ich mich für die Menschenrechte engagieren, auch in meiner Heimat.»

Kopftuch oder nicht?

Die Familie Mousawi kam 2004 in die Schweiz, nachdem sich der Vater gegen das iranische Regime aufgelehnt hatte und zweimal inhaftiert worden war. Obwohl die Mousawis Muslime sind und der Vater einen strengen Glauben lebt, muss die 16-jährige Tochter weder Kopftuch tragen noch die strengen Gebetsriten befolgen. Nina Hobi erwähnt eine andere Nachhilfeschülerin, eine junge Türkin, die mehr Mühe habe, eine Lehrstelle oder eine Arbeit zu finden, weil sie im Alltag stets das Kopftuch trage. Soll Beraber hier Ratschläge erteilen oder sich gar einmischen? Hobi zögert, sagt dann aber bestimmt: «Wir reden über alles, und ich besuche die Familie mindestens einmal zu Hause, damit ich die Verhältnisse kenne. Geht es um die Schulbildung und Berufswahl der Nachhilfeschülerinnen, kann ich meine Meinung klar vertreten. Aber sobald es um religiöse oder kulturelle Fragen geht, halte ich mich eher zurück.»

Wer die Förderung des Vereins in Anspruch nehmen will, wird zuerst zum Aufnahmegespräch eingeladen. Beraber klärt mit den Eltern und dem Schützling ab, welche Ziele man sich setzt und wie man diese erreichen will. Dies wird in einem Vertrag festgehalten, ebenso die Kosten: 20 Franken bezahlen die Eltern pro Stunde, weitere fünf kommen aus der Vereinskasse dazu. «Dabei schauen wir auch, ob die Kinder und Jugendlichen von sich aus motiviert sind oder ob sie nur auf Druck der Eltern kommen», sagt Anousha Hadinia, eine 23-jährige Psychologiestudentin mit iranischen Wurzeln, seit drei Jahren bei Beraber. Das gemeinsame «Commitment» von Eltern und Schülern sei für den Erfolg der Förderung unerlässlich.

«Ich will für meine Schüler keine moralische Instanz sein», meint Hadinia, vielmehr verstehe sie sich als «interkulturelle Mediatorin». Alle Beraber-Mitglieder sind sich einig, dass diese Fähigkeit in der heutigen Berufswelt zunehmend gefragt ist. «Deshalb geht es bei unserer Arbeit nicht primär ums Geldverdienen, sondern ums Engagement», sagt Sébastien Orsini, ein 26-jähriger Psychologiestudent. Wenn er Förderstunden anbiete, erhalte er immer auch viel zurück, was man nicht mit Geld begleichen könne. «Ich gehe zu den Familien nach Hause, sehe in deren Alltag hinein und kann so meinen Horizont erweitern.»

«Das ist gut angelegtes Geld»

Beraber erntet viel Lob, denn vom Angebot profitieren letztlich auch Behörden und Schule. Eine Vernachlässigung der Ausländerintegration führt zu hohen Folgekosten; je besser junge Migranten ausgebildet sind, umso eher finden sie Arbeit und werden Teil der Gesellschaft. Der Kanton Basel-Stadt verlieh dem Projekt 2002 den Integrationspreis, die Fachstelle «Integration Basel» sprach seither rund 36'000 Franken.
«Das ist gut angelegtes Geld», sagt die wissenschaftliche Fachstellen-Mitarbeiterin Jutta Durst, denn der Verein leiste einen wesentlichen Beitrag zur Chancengleichheit Fremdsprachiger: «Die Beraber-Mitglieder erfüllen eine wichtige Mittlerfunktion, die in Basel niemand in der Art erfüllen kann», sagt Durst. «Sie sind auf der einen Seite Coach, Götti und Vorbild für die Jugendlichen. Auf der anderen Seite sind sie auch Ansprechpartner für die Lehrkräfte und interkulturelle Übersetzer für die Eltern.»

Auch Julia Morais, Integrationsbeauftragte des Kantons Basel-Landschaft, stellt Beraber ein gutes Zeugnis aus. Der Verein leiste Wertvolles, weil er den Kindern und Jugendlichen in einem für das Zusammenleben zentralen Bereich unter die Arme greife. «Die Sprache und die Bildung sind absolut prioritär für eine gelungene Integration», ist Morais überzeugt. Beraber selber, das bald auch in Zürich gestartet werden soll, äussert sich dazu in einem Strategiepapier kurz und bündig: «Wir wollen bewirken, dass sich fremdsprachige Kinder und Jugendliche als ein Teil der hiesigen Gesellschaft fühlen.»

Talaye Mousawi und Nina Hobi lesen weiter in «Mort à la Tour Eiffel». Draussen zieht ein Gewitter auf, die Luft in der kleinen Küche wird stickig. «Madame, vous connaissez Mélanie Cotine? Nous cherchons à comprendre son décès», liest die junge Iranerin zögernd. Noch eine halbe Seite, dann wird es für diese Woche genug sein. Den Termin für die nächste Woche werden die beiden kurzfristig per SMS festlegen. Zum Abschied bringt Nina Hobi ihre persönliche Motivation auf den Punkt: «Alle reden immer davon, wie wichtig Integration doch sei. Aber einmal selber etwas dafür tun, das ist dann meist eine ganz andere Sache.»

Ausgezeichnete Projekte: Zur Nachahmung empfohlen

Die Erhaltung tragfähiger sozialer Netze war dem Beobachter von jeher ein Anliegen. Dafür braucht es nicht nur starke staatliche Einrichtungen, sondern auch private Initiative und Kreativität, um die Nischen zu füllen, die der institutionelle Sozialapparat nicht abdeckt. Solche Angebote, die auch im Kleinen wirkungsvolle Arbeit leisten, werden in einer sechsteiligen Serie anlässlich des 80. Geburtstags des Beobachters vorgestellt. Wir würdigen privat initiierte Sozialprojekte aus den Bereichen Familie, Arbeit, Jugend, Nachbarschaftshilfe, Pflege und Ausländerintegration - auch als Muster zur Nachahmung. Als Fachjury hat die Hochschule für Soziale Arbeit Luzern die Redaktion unterstützt und inhaltlich begleitet.
Sämtliche vorgestellten Sozialprojekte finden Sie auch in unserem «Dossier Sozialprojekte».

Kontakt

Verein Beraber
Florastrasse 12
4057 Basel
Telefon 061 691 83 86
E-Mail: beraber@gmx.ch
Internet: www.beraber.ch

Veröffentlicht am 2007 M06 28