Die Suche nach gesamtschweizerischen Zahlen ist schwierig», schrieb der Beobachter im Artikel «Ex-Jugoslawen: Das neue Feindbild» zum Thema Ausländerkriminalität (Beobachter 9). Nur zwei Wochen später publizierte das Bundesamt für Statistik (BFS) eine Pressemitteilung zur «Kriminalität von Asylsuchenden». Sie basiert auf der Auswertung von 68046 Strafurteilen aus dem Jahr 1997.

Die Hauptergebnisse: Gut 45 Prozent aller Verurteilten waren ausländische Personen. Besonders hoch ist die Straffälligkeit bei asylsuchenden jungen Männern. Vergleicht man die Zahlen des BFS mit jenen des Bundesamts für Polizei (BAP), stellt man aber deutliche Unterschiede fest. Laut polizeilicher Kriminalstatistik waren 1997 über 51 Prozent der Straftäter ausländischer Herkunft. Warum der Unterschied? Das BFS erfasst nur verurteilte Täter, das BAP hingegen die Tatverdächtigen von angezeigten, aber noch nicht gerichtlich beurteilten Delikten.

Nicht deckungsgleich sind auch die Feststellungen der beiden Bundesämter bezüglich der Entwicklung der Ausländerkriminalität. Gemäss Bundesamt für Statistik ist der Anteil ausländischer Personen an der Gesamtheit der Verurteilten «seit 1991 konstant». Anders die polizeiliche Kriminalstatistik des BAP: Nach ihr stieg der Anteil der ausländischen Straftäter von 1991 (43 Prozent) bis 1999 (54 Prozent) kontinuierlich an.

Für diesen Widerspruch vermag das Bundesamt für Statistik keinen plausiblen Grund zu nennen. BFS-Expertin Renate Storz meint dazu bloss: «Wegen der unterschiedlichen Erhebungsmethoden der Kantone unterliegt die polizeiliche Kriminalstatistik grösseren Schwankungen.» Die Urteilsstatistik des BFS sei «zurzeit die bessere Statistik».

Relativ ausführlich untersuchte das Statistische Amt den Zusammenhang zwischen Aufenthaltsstatus, Alter, Geschlecht und Straffälligkeit. Knapp fallen dagegen die Angaben zur Herkunft der Straftäter aus. So greifen die BFS-Statistiker nur drei Nationalitäten heraus. Bei den Deutschen liege der Anteil verurteilter Personen mit 0,6 Prozent noch tiefer als bei der Schweizer Bevölkerung mit 0,7 Prozent. Bei Personen aus Ex-Jugoslawien – ohne Asylsuchende – dagegen bei 1,2 Prozent.

«Somit ist die Bevölkerungsgruppe aus dem ehemaligen Jugoslawien nicht überdurchschnittlich von einer Verurteilung betroffen», schreibt das Bundesamt für Statistik – und verweist auf «osteuropäische Staatsangehörige insgesamt: 1,4 Prozent». Genauere Zahlen zu dieser Behauptung sucht man in der BFS-Pressemitteilung allerdings vergebens.

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Fragwürdige Schlussfolgerungen

Doch die Schlussfolgerung des Bundesamts für Statistik ist falsch. Das zeigt eine Berechnung des Beobachters aufgrund der vom BFS zur Verfügung gestellten Länderzahlen. Aus statistischen Gründen sind aus dem Raum Osteuropa praktisch nur die Zahlen für Täter aus der Türkei und Ex-Jugoslawien verwertbar. Bezogen auf die Zahl ihrer in der Schweiz lebenden Angehörigen – also der Gastarbeiter und ihrer Familien –, weisen beide Volksgruppen einen «Verurteiltenanteil» von 1,3 Prozent auf. Wobei im Pressecommunique des BFS die Zahl für Ex-Jugoslawien merkwürdigerweise auf 1,2 Prozent abgerundet wurde.

Die Verurteiltenquote für Emigranten aus dem Balkan ist damit nicht nur doppelt so hoch wie bei Deutschen und Schweizern, sondern auch um einen Drittel höher als bei Ausländern aus westeuropäischen Staaten und Sri Lanka. Angesprochen auf diese irreführende Interpretation, redet BFS-Sprecherin Renate Storz von einem Missverständnis: «Zugegeben, die Ausführungen sind etwas kurz geraten. Die Pressemitteilung musste um eine Passage gekürzt werden, so dass nun der Sinn der Aussage missverständlich ist. Wir wollten nicht beschönigen, nur relativieren.»

«Relativieren» ja – aber nicht schönfärben. Zur Problemlösung trägt nur ein unverkrampfter Umgang mit den Fakten bei – ob einem die passen oder nicht.