Seit 13 Jahren lebt Besart Rashiti* in der Schweiz. Der 37-jährige Kosovo-Albaner ist «ein treu sorgender Familienvater» und die «Hauptbetreuungsperson» für seinen sechsjährigen Sohn, schreibt das Bundesgericht. Dennoch verweigert es Rashiti die Aufenthaltsbewilligung. Will die Familie zusammenbleiben, müssen auch Rashiti Frau, eine Schweizerin, und das gemeinsame Kind in den Kosovo ausreisen. Die Ausreisefrist läuft am 18. Oktober ab.

Rashiti war früher kein Musterknabe, er kam mit dem Gesetz in Konflikt und wurde zwischen 1993 und 1995 mehrmals bestraft. Er war stark alkoholabhängig und galt als aggressiv. Zum Verhängnis wurde ihm ein Vorfall im Jahr 1992. Nach einer Zecherei tauchte Rashiti morgens um drei Uhr betrunken im Zimmer einer Tänzerin auf. Was dort geschah, ist bis heute unklar. Rashiti sagt, die Tänzerin und eine im gleichen Haus wohnhafte Kollegin hätten ihm Geld gestohlen. Er habe es zurückverlangt, dabei sei es zu Handgreiflichkeiten gekommen. «Ich habe aber nie Sex verlangt.»

Die Anzeige wurde zurückgezogen
Die Justiz entschied sich für eine andere Version: Rashiti sei über die Tänzerin hergefallen und habe sie gezwungen, «den Geschlechtsverkehr zu vollziehen». Obwohl die Frau ihre Anzeige später zurückzog, verurteilte das Berner Obergericht Rashiti zu 24 Monaten Zuchthaus wegen des «unvollendeten Versuchs der Vergewaltigung». Wegen guter Führung musste Rashiti nur zwei Drittel der Strafe absitzen.

Noch im Gefängnis heiratete Rashiti seine jetzige Frau; bald darauf wurde ihr gemeinsames Kind geboren. Rashiti ist nicht mehr alkoholabhängig und seit seiner Entlassung nie mehr straffällig geworden. 1998 schrieb sein Bewährungshelfer: «Ich bin überzeugt, dass Herr Rashiti bezüglich seines Vergehens, welches zur Strafe führte, seine Lehren gezogen hat und ernsthaft daran interessiert ist, sich hier in der Schweiz zu integrieren.» Doch dazu erhielt er keine Chance. Seine Aufenthaltsbewilligungsgesuche wurden stets abgelehnt. Daran änderte auch seine Heirat mit einer Schweizerin nichts. Im Jahr 2000 wurde Rashiti von der Fremdenpolizei ausgeschafft – für seinen Sohn eine traumatische Erfahrung. Zwölf bewaffnete Polizisten holten Rashiti morgens um sechs aus dem Bett und flogen ihn nach Pristina aus. Doch der Kosovo-Albaner reiste wieder in die Schweiz ein und stellte erneut ein Asylgesuch. Es wurde abgewiesen.

Besart Rashiti ist ein intelligenter Mann, der neben urigem Berndeutsch weitere fünf Sprachen spricht. Er arbeitete auch schon als Übersetzer für das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport. Leute, die Rashiti kennen, schildern ihn als bestens integriert. Dennoch sehen die Behörden in ihm eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit.

«Selbst wenn er die Tat begangen hätte, hat er sie gesühnt und müsste eine Chance bekommen», sagt Françoise Kopf von der Vereinigung IGA Solothurn-SOS-Racisme. «Es hat bei diesem Fall seitens der Justiz etliche Ungereimtheiten gegeben.» Auch Paul Sütterlin, stellvertretender Leiter des Sekretariats der Eidgenössischen Ausländerkommission, findet es «schade, dass die Behörden nach so langer Zeit noch immer nicht bereit sind, Rashiti eine zweite Chance zu geben. Die Behörden könnten die Aufenthaltsbewilligung ja jederzeit wieder rückgängig machen, wenn er sich etwas zuschulden kommen lässt.»

Seiner Frau ist der Kosovo völlig fremd
Rashiti ist die Summe der Strafjahre zum Verhängnis geworden; für diverse Delikte wurde er mit insgesamt zwei Jahren und 45 Tagen bestraft. Nach Praxis des Bundesgerichts wird eine Aufenthaltsbewilligung bei einer zweijährigen Strafe verweigert. Es gibt jedoch Ausnahmen. Paul Sütterlin erwähnt den Fall eines Algeriers, der wegen Raubes zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde und ausgeschafft werden sollte. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte kassierte das Urteil der Schweizer Behörden: Angesichts seines «seitherigen Wohlverhaltens» sei die «Wegweisung des mit einer Schweizerin verheirateten Algeriers unverhältnismässig», urteilten die Strassburger Richter. Ähnlich liesse sich auch im Fall Rashiti argumentieren.

Ein normales Familienleben ist für Rashiti und seine Frau kaum mehr möglich. Beide sind wegen Depressionen in Behandlung. Rashiti ist suizidgefährdet, seine Frau nur noch zu 50 Prozent arbeitsfähig.

Anzeige

Der Schutz der Familie gilt als einer der höchsten Werte in der Schweiz. Will die Familie jedoch zusammenbleiben, müssen Frau und Kind mit Rashiti in den Kosovo ausreisen, wo eine ihnen unbekannte Welt ohne Perspektiven auf sie wartet. 

«Was soll ich im Kosovo?», fragt die Frau verzweifelt. «Ich spreche kaum ein Wort Albanisch und könnte dort auch nicht arbeiten.» Sogar das Bundesgericht findet das «schwer zumutbar».

* Name geändert