«Tritt dir einer auf die Flosse, so ist es ein Genosse.» Nach diesem Motto schwelt seit zwei Jahren ein Konflikt zwischen Roland Gretler, Fotograf und Inhaber von «Gretler’s Panoptikum zur Sozialgeschichte», und der Zürcher Sektion der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI). Anlass war eine Ausstellung in den Räumen des Zürcher Volkshauses.

Im August 1997 hatte Gretler dem damaligen Präsidenten der Zürcher GBI-Sektion, Heinz Dreyer, sieben Plakate aus den Jahren 1922 bis 1981 zur Verfügung gestellt. Vereinbart war ein Preis von 250 Franken für drei Stunden Bearbeitungsaufwand. Die Ausleihe selbst war gratis. Für Gretler, der über 20 Jahre lang Gewerkschafter war, sind solche Freundschaftsdienste Teil der politischen Arbeit.

«Wir bitten um sorgfältige, fachgerechte Behandlung», stand auf dem Lieferschein. Als Rückgabetermin war «Ende 1997» vermerkt. Doch Gretler musste den GBI-Präsidenten mehrmals mahnen, bis die Plakate im Juni 1998 endlich zurückgeschickt wurden. Als die Plakate dann auch noch Risse und Knicke aufwiesen, war das Fass voll. Gretler gab eine Schadensexpertise mit Kostenvoranschlag für eine Restauration in Auftrag. Kostenpunkt: 4700 Franken. Die Restaurationskosten wurden auf weitere 19'000 Franken beziffert. Gretler leitete die Rechnung zur sofortigen Bezahlung an die GBI weiter. Doch die Gewerkschaft hüllte sich monatelang in Schweigen.

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Auf Anraten von SGB-Präsident Paul Rechsteiner wandte sich Gretler schliesslich an Albert Gubler, den geschäftsleitenden Sekretär der Zürcher GBI-Sektion. Doch dieser erklärte, Dreyer habe die Ausstellung als Privatmann organisiert. Eine Abmachung mit der Gewerkschaft sei nur bindend, wenn sie «von mindestens einem Sekretär unterzeichnet» sei. Das sei hier nicht der Fall. Im Ubrigen sei «Milizionär» Dreyer aber ein «bewährter und hoch geschätzter Präsident» und besitze das «100-prozentige Vertrauen des Sekretariats».

Die Verantwortlichen drücken sich
Nach monatelangem Schwarzpeterspiel hatte Gretler genug. Im September betrieb er den GBI-Sekretär und den inzwischen zurückgetretenen Präsidenten.

Die beiden reagierten «erstaunt». Er warte noch immer auf eine Rechnung, sagt Dreyer. Auch GBI-Sekretär Gubler mimt den Uberraschten: «Es ist keine Forderung von Seiten Gretlers an Heinz Dreyer ergangen.» Die Erinnerungslücke füllt sich erst wieder, als der Beobachter die beiden auf die eingeschriebene Rechnung vom 29. Dezember 1998 hinweist.

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Samt Betreibungskosten und Verzugszins beläuft sich die Rechnung per 10. November bereits auf 5100 Franken. Falls nicht gezahlt werde, reiche er Klage ein, droht Gretler. Doch noch immer zögert Dreyer. Kurz vor Fristablauf bittet er Gretler um eine neu datierte und an ihn als Privatperson adressierte Rechnung – als Versicherungsbeleg.

Will er etwa die Versicherung täuschen? «Nein», sagt der etwas verwirrte Gewerkschafter und fragt, was er denn tun solle. «So rasch wie möglich zahlen», lautet der Rat. Eigentlich hätte ihm das die GBI und nicht der Beobachter sagen müssen.