Letzten Sommer war Heinz Wyss unterwegs im Südtirol. Mit im Renault-Kleinbus sassen Junioren und Betreuer der Kanu-Nachwuchsnationalmannschaft. Auf der Talfahrt vom Jaufenpass trat Wyss auf die Bremse, doch er trat ins Leere. Nur mit Glück konnte er das Fahrzeug noch abbremsen. «Reiner Zufall, dass nichts passiert ist», sagt Heinz Wyss heute.

In der nächsten Garage erklärte ihm ein Mechaniker flapsig, das könne bei einer Passfahrt eben passieren. Ein Blick auf die Bremsleitungen zeigte nichts Auffälliges. «Noch einmal Glück gehabt», dachte sich Wyss. Dass er nicht der erste Renault-Master-Fahrer war, der dies erleben musste, erfuhr er erst vor kurzem.

Am Gurnigel gab es im Sommer 2003 einen Unfall mit drei Toten. Auch damals versagten die Bremsen eines Renault Master. Der Beobachter machte wenig später mehrere Fälle von Bremsversagen publik. Befragte Garagisten erklärten, bei den Baujahren 1981 bis 1996 seien die Bremsen ein Schwachpunkt des Fahrzeugs. Keine Probleme machen die Fahrzeuge ab Jahrgang 1997; diese haben eine komplett überarbeitete Bremsanlage.

Hersteller Renault Trucks sagte damals dem Beobachter, man sei «sehr interessiert an der Klärung der Unfallursache». Doch einen Konstruktionsmangel schliesst Renault nach wie vor aus.

Noch heute bleibt der Vizepräsident des Verwaltungsrats von Renault Trucks, Gabriel Nigon, dabei: «Hauptursache von Bremsversagen bei den uns bekannten fünf Fällen waren Unterhaltsmängel, verursacht von Haltern oder Garagen.» Da liege es nahe, dass Garagisten den schwarzen Peter dem Hersteller zuschieben wollten.

Thomas Gut, Experte der auf Unfallanalyse spezialisierten deutschen Firma Dekra, aber erklärt: «Bei Kleintransportern kann die Bremse bei sehr starker Beanspruchung in einen kritischen Bereich kommen. Deshalb können schon kleine Unzulänglichkeiten zu grossen Problemen führen.» Offenbar ist man sich jetzt auch bei Renault bewusst, wie heikel die Bremsen sind. Letzten Juli stellte die Firma beim Bundesamt für Strassen ein Gesuch, um an die Adressen der über 2300 betroffenen Fahrzeughalter heranzukommen. Wollte Renault die Fahrzeuge zurückrufen? Thomas Rohrbach, Mediensprecher beim Bundesamt für Strassen, bestätigt: «Adressen geben wir nur für einen Rückruf wegen Sicherheitsproblemen heraus.»

Ein Rückruf ist heikel, weil der Hersteller damit einen Mangel eingesteht. Renault spricht von einem «umfassenden, kostenlosen Oldie-Bremscheck». Und betont, es sei keine Rückrufaktion gewesen, weil es keinen Konstruktionsmangel gebe. Renault habe Garagen und Halter für sorgfältigen Unterhalt sensibilisieren wollen.

Auch beim vor Jahresfrist ab Kontrolle gekauften Fahrzeug von Heinz Wyss vermutet Renault mangelnde Wartung. Bis Juli 2004, als die Bremsen versagten, hätte «mit grösster Wahrscheinlichkeit» die Bremsflüssigkeit gewechselt werden müssen, schreibt ein Gutachter. Wyss dagegen macht es grosse Mühe, dass der Hersteller die Schuld einfach ihm zuschiebt. Er verlangte, dass die Bremsen des Fahrzeugtyps von neutraler Stelle umfassend geprüft würden – bisher vergeblich.

Nach dem tödlichen Unfall am Gurnigel sitzt nicht Renault, sondern Fahrer und Vermieter des Kleinbusses auf der Anklagebank. Gegen sie ist ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung hängig.

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