Auf dem Feldweg stehen drei Leute und wissen nicht, ob sie sich nun aufregen oder ob sie verzweifeln sollen. «Das hier», sagt Michèle Christe und zeigt weit nach Süden, wo der sanfte Hügel sich gegen das Dörfchen Miécourt neigt, «das ist bestes Landwirtschaftsland. Ich verstehe einfach nicht, wie man auf die Idee kommen kann, das zu opfern.» Bernard Hengy weist zum Wald, wo die Cabane des Grisettes steht, ein beliebter Treffpunkt mit Feuerstelle: «Die können wir gleich aufgeben, wenn die Sache realisiert wird», sagt er resigniert. Raoul Challet wiederum, ehemaliger Gewerkschaftssekretär und Bélier, ist wütend: «Für einen Kanton, der solchen Blödsinn erlaubt, habe ich damals nicht gekämpft.»

Der «Blödsinn», gegen den sich die drei Einwohner von Vendlincourt wehren, nennt sich «Safetycar Jura» und sorgt in der 600-Seelen-Gemeinde für Aufregung und böses Blut. Auf 15 Hektaren Land soll ein 2,6 Kilometer langer Autorundkurs entstehen, dazu eine Piste zum Üben von allen ­mögli­chen Fahrmanövern, ein Empfangsgebäude und ein Parkplatz. Initiant des 12-Mil­lionen-Projekts mitten in der idyllischen Landschaft der Ajoie ist Florian Lachat.

Die Idee für Safetycar Jura, so erzählt der umtriebige «Promoteur» bei einem Treffen im Bahnhofbuffet von Porrentruy, habe er schon mit 18 gehabt. Damals, kurz nach der Fahrprüfung, hatte Lachat einen Autounfall, «und das hat mich zur Erkenntnis gebracht, dass man in der Schweiz die Fahrerausbildung verbessern muss».

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Keine Umweltverträglichkeitsprüfung

«Und wozu braucht es dann eine mehr als zwei Kilometer lange Rundstrecke?», fragt Michèle Christe und blickt über die Felder. Für Raoul Challet wiederum ist klar: «Früher oder später finden hier Autorennen statt. Und wir haben dann den Lärm. Aber den haben wir auch ohne Rennen.»

«Unsinn», sagt Florian Lachat, «lauter Lügen.» Allein schon das Gewässerschutzgesetz verunmögliche Grossveranstaltungen in erweiterten Schutzzonen, wie die Charmille eine sei: «Selbst wenn ich wollte, würde ich vom Kanton nie und nimmer ­eine Bewilligung erhalten, um auf dem Circuit Rennen durchzuführen.»

Sonst hat der 36-Jährige, der in seiner Freizeit in einem Tatuus-Honda-Boliden Bergrennen fährt, von den jurassischen Behörden wenig zu fürchten. Er habe im Jura «une très bonne réputation», einen sehr guten Ruf, sagt Lachat über sich selber. Und gute Kontakte. Schon im Jahr 2005 konnte Lachat die Kantonsregierung für seine Idee begeistern.

So gross ist die behördliche Euphorie im Jura, dass Lachat für sein Grossprojekt nicht mal eine ­Umweltverträglichkeitsprüfung vorlegen musste. Man gab sich mit einer Art Vorstudie zufrieden.

Dafür durften die Behörden aus 18 von Lachat evaluierten Standorten diejenigen vier bestimmen, die in die engere Wahl kamen, darunter auch die Charmille in Vendlincourt. Diese liegt jedoch in einer Grundwasserschutzzone des Typs S2, einer «engeren Schutzzone», in der Bauvorhaben nur in Ausnahmefällen möglich sind. Für das jurassische Umweltamt war das in einer ersten Stellungnahme Grund genug gewesen, sich gegen eine Rundstrecke in Vendlincourt zu stellen.

«Unsinn, lauter Lügen»: Hobbyrennfahrer Florian Lachat, Initiant der Autoteststrecke

Quelle: Georgios Kefalas

«Da der Standort dem Promoter passt»

Initiant Lachat jedoch liess von einem Ingenieurbüro ein hydrogeologisches Gutachten erstellen. Prompt befand sich plötzlich nur noch ein Teil der für die Rund­strecke vorgesehenen 15 Hektaren Land in der Schutzzone S2, der grosse Rest wurde als weniger schützenswerte Zone S3 eingestuft, in der mit bestimmten Auflagen Bauten möglich sind.

Das jurassische Umweltamt begutachtete die von Lachat bezahlte Studie – und machte eine argumentative 180-Grad-Kurve: Plötzlich diente nicht mehr der offizielle Plan der Grundwasserschutzzonen als Entscheidungsgrundlage, sondern derjenige, der von Lachats Ingenieuren im Hinblick auf den Bau des Circuits erstellt worden war.

«Angesichts der Tatsache, dass der Standort dem Promoter am besten passt, differen­zierte das Umweltamt seine Position und kam zum Schluss, dass dieser als möglicher Standort in Frage kommt, auch insofern, als eine Interessenabwägung eine Bedro­hung des Grundwassers rechtfertigt», steht dazu in einem der zahlreichen Schriftstücke aus den jurassischen Amtsstuben. Der Schutz des Grundwassers als lästiges Hindernis für den von den Behör­den unterstützten Rundkurs war damit quasi per Federstrich aus dem Weg geräumt.

Nicht bloss das Grundwasser macht den Gegnerinnen und Gegnern in Vendlincourt jedoch Sorgen. Sie fürchten vor allem den Lärm der geplanten Anlage. Gemäss Sonderzonenplan darf Lachat dort zwischen dem 1. März und dem 30. November an sieben Tagen pro Woche von 9 bis 17.30 Uhr die Motoren heulen lassen, mit einer Pause von 12 bis 13.30 Uhr. An Wochenenden dürfen die Motoren maximal 90 Dezibel laut sein, unter der Woche gar 98 Dezibel.

Um die Bedenken der Bevölkerung in Sachen Lärm zu zerstreuen, liess Lachat im Juni 2007 ein Dutzend Fahrzeuge auf der Charmille aufstellen. Die Motoren wurden gestartet und der Lärm gemessen. Die Bewohnerinnen und Bewohner sollten dann auf eigens verteilten Fragebogen angeben, ob und falls ja wie stark sie den Lärm wahrgenommen hatten. Laut 26 von 29 retour­nier­ten Fragebogen, heisst es in der Testauswertung, sei der auf der Charmille er­zeugte Lärm im Dorf nicht hörbar gewesen.

Darüber jedoch gehen die Meinungen in Vendlincourt auseinander. Genauer: über den Moment, an dem der Lärm hätte hörbar sein müssen. Die Gegner um Michèle Christe werfen Lachat nämlich vor, die Motoren gar nicht zur angekündigten Zeit gestartet zu haben: «Damit sind die Tests überhaupt nicht aussagekräftig.»

Lachat wiederum reagiert pikiert auf den Vorwurf: «Wir haben die Tests exakt zu den angegebenen Zeiten durchgeführt und dies auch dokumentiert», erklärt er.

Während sich Lachat als der perfekte Initiant präsentiert, der alle Bedenken ernst nehmen will, spielen diese Bedenken für Autofans keine Rolle. Im von Motorsportfreunden betriebenen Online-Forum Asphalte.ch etwa freut man sich uneingeschränkt auf den geplanten Rundkurs: «Ein kleiner Circuit, das wäre genial», schreibt dort etwa «Falcon», und «Lapin Agile» erkundigt sich schon mal, ob man auch «faire vroum» (zu Deutsch: Gas geben) dürfe? Der Rundkurs werde für Klubanlässe und Renntrainings perfekt eingerichtet sein, verspricht denn auch Lachat, Username «Florian» – und versucht, die Bedenken der Motorsportler in Sachen Lärmvorschriften zu zerstreuen: Ein Rennwagen der Formel Renault 2000 etwa werde die Vorgaben für Werktage problemlos erfüllen.

Die Gegner gehen vor Bundesgericht

Gegenüber Skeptikern rückt Hobbyrennfahrer Lachat die Möglichkeit des «faire vroum» lieber etwas in den Hintergrund.

Ihm gehe es primär um die Verkehrs­sicherheit, betont er immer wieder. Eine Mehrzahl der Unfälle geschehe bei Geschwindigkeiten zwischen 60 und 120 Stundenkilometern, «und in der Schweiz kann man nirgends üben, wie man sich in solchen Situationen adäquat verhält». 

Ob Lachat seine Piste in der Ajoie realisieren kann, wird letztlich nicht in Vendlincourt, sondern in Lausanne entschieden werden. Nach der verlorenen Abstimmung über die Umzonung der Charmille gelangte eine Gruppe von Gegnerinnen und Gegnern mit der Unterstützung von Helvetia Nostra, der Stiftung des Umweltschützers Franz Weber, an das Kantonsgericht. Dieses hat Anfang Juli das erste Urteil in der Sache gesprochen, Florian Lachat recht gegeben und den Unterlegenen die gesamten Gerichtskosten aufgebürdet. Diese ziehen das Urteil jedoch ans Bundesgericht weiter.

Florian Lachat gibt sich betont gelassen. Das Bundesgericht könne gar nicht anders, als dem Projekt den Segen erteilen, erklärt er: «Das Dossier ist absolut wasserdicht.»

So siegesgewiss ist Lachat, dass er auf Asphalte.ch auch mit Hohn und Spott für seine Gegner nicht spart: «Der Rekurs ihres Anwalts ist geradezu erbaulich, so arrogant aufgeblasen und von krasser Ignoranz, wie er daherkommt.»

Das Projekt

Der Projektplan von «Safetycar Jura» zeigt, wie die Autoteststrecke (rot eingezeichnet) bei Vendlincourt JU aussehen soll.

Quelle: Georgios Kefalas
  1. 2,6 Kilometer langer Autorundkurs, Breite der Piste zwischen 10 und 13 Meter
  2. Haupt- und Empfangsgebäude
  3. Piste zum Üben verschiedener Fahrmanöver

Quelle: www.safetycarjura.ch; Infografik: Beobachter/dr

Nachtrag

Der Beobachter und Florian Lachat haben sich auf folgende Präzisierungen geeinigt: Der am Wochenende erlaubte Lärmgrenzwert beträgt nicht 90, sondern maximal 85 db. Das Gebiet «La Charmille» liegt vollumfänglich in der Grundwasserschutzzone S3. Bei der «notice d’impacte» handelt es sich um eine Vorstudie, die inhaltlich einer Umweltverträglichkeitsprüfung entspricht, gegen die aber keine Beschwerde möglich ist. Insofern richtet sich die Kritik des Beobachters an die jurassischen Behörden und zieht die Ehrenhaftigkeit von Herrn Lachat nicht in Zweifel.