Wanda Wylowa staunte, als sie beim Zürcher Hauptbahnhof ihr Velo aufschliessen wollte. Es war bereits entsichert - respektive mit einer Zange aufgebrochen. Eine Erklärung dafür fand sie auf dem Gepäckträger: einen gedruckten Zettel, auf dem stand, dass das Fahrrad ungünstig parkiert sei. Urheber des Schreibens sind die SBB. Wylowas Rad war nicht das einzige, das von den Bundesbahnen entsichert und somit zum Diebstahl freigegeben war - weitere 15 Velos standen mit durchgetrenntem Schloss an derselben Stelle vor dem Bahnhof.

Per Gesetz sind die SBB tatsächlich befugt, Sicherungen durchzutrennen und Fahrräder umzuplatzieren, falls diese den Betrieb behindern. «Allerdings muss die Aktion verhältnismässig sein», sagt Daniel Jositsch, Professor für Strafrecht an der Universität Zürich. Er bezweifelt, dass dies im vorliegenden Fall zutrifft, denn auffälligerweise entsicherten die SBB-Angestellten an jenem Ort nur die Fahrräder, die mit leicht durchtrennbaren Kabelsicherungen abgeschlossen waren. Verschont wurden diejenigen mit Bügelsicherung.

Es war kein Verbot signalisiert
«Ich kann es nicht fassen», ärgert sich Wanda Wylowa, «die SBB hätten mein Velo wenigstens an einen sicheren Ort bringen können.» Auch Fazal Sheikh wunderte sich, als er sein Gefährt ungesichert am Bahnhof vorfand, und beklagte sich bei den SBB. Doch eine Erklärung für das Vorgehen hat er nie erhalten. Geschweige denn eine Entschuldigung. Dem Beobachter gegenüber rechtfertigt SBB-Sprecherin Michèle Bamert das Vorgehen so: «Wenn der Platz dringend gebraucht wird, haben wir nicht die Zeit, die im Parkverbot angeketteten Velos in Sicherheit zu bringen.»

Dass sich ihre Fahrräder in einer verbotenen Zone befanden, war Wanda Wylowa und Fazal Sheikh nicht bewusst, denn in Sichtweite des Abstellplatzes ist kein Verbotsschild angebracht. «Wir verteilen jeden Tag Zettel mit Verwarnungen. Wir können nicht den ganzen Bahnhof mit Verboten beschildern», sagt die SBB-Sprecherin. Für Christoph Merkli, Geschäftsführer der IG Velo Schweiz, ist die Situation grundsätzlich unbefriedigend, denn die Regeln für das Parkieren von Fahrrädern sind unübersichtlich: Während Velofahrer auf dem Territorium der SBB keine Fahrräder an nicht als Veloparkplatz deklarierten Orten abstellen dürfen, ist dies im öffentlichen Raum auf Trottoirs erlaubt, sofern anderthalb Meter Platz für die Fussgänger frei sind. «Die unterschiedlichen Regelungen machen es Velofahrern schwer, sich richtig zu verhalten», sagt Merkli.

Kommt dazu, dass es bei vielen Bahnhöfen nicht genug offizielle Veloabstellplätze hat. Die SBB streiten das nicht ab. Man wolle die Situation verbessern und plane, ab kommendem Jahr an rund 60 Bahnhöfen die Kapazität auszubauen, sagt Markus Dössegger, Leiter des Bereichs «Kombinierte Mobilität» der SBB.

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Versicherungen versprechen Kulanz
In der Zwischenzeit wird die Bahn weiter kurzen Prozess machen, wenn falsch parkierte Fahrräder den Betrieb behindern.

Dadurch provozierte Diebstähle werden auch die Privatversicherungen beschäftigen. Die Mediensprecher der Winterthur-Versicherungen und der Mobiliar wollen das Verhalten der SBB nicht kommentieren. Beide Versicherungen würden aber, so sagen sie, bei auf diese Weise abhanden gekommenen Fahrrädern und bei Einhaltung der übrigen Auflagen für den Schaden aufkommen.