Armin Kisslig ist nicht gern an diesem Ort, das sieht man ihm an. «Ich denke immer daran, wenn ich hier vorbeikomme.» Als er den Bahnübergang nach dem Unfall zum ersten Mal passierte, habe er «sicher zehn Mal nach links und rechts geschaut, bevor ich das Gleis überquerte». Der körperliche Schmerz ist weg, aber «das mulmige Gefühl bleibt».

Der Landwirt aus Schwarzenburg BE fährt seit Jahren als Aushilfschauffeur für eine lokale Transportfirma. Auch an jenem grauen Novembertag 1995. «Ich hatte Sandstein geladen, der für Arbeiten an einem Weg gebraucht wurde», sagt er. Für dieses Projekt befuhr Armin Kisslig den ungesicherten Bahnübergang zum Weiler Moos immer wieder. «Täuschte mich damals die Routine?», fragt er sich heute.

Am Morgen um 8.20 Uhr stellt der Chauffeur den Blinker. Er will links über den schrankenlosen Bahnübergang Richtung Bauplatz abzweigen. Eine Lücke im Gegenverkehr, Armin Kisslig gibt Gas. «Der Zug fuhr rund 20 Meter hinter mir in der gleichen Richtung – genau im toten Winkel zwischen Rückspiegel und Fenster.» Das Blinklicht am Bahngleis übersieht er. Die Gefahr realisiert er zu spät. «Ich merkte, dass Bremsen unmöglich war, und fuhr so weit wie möglich weiter.»

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Es kracht, der Zug knallt ins Heck. «Zum Glück nicht in die Kabine», sagt Kisslig. Der Lastwagen kippt und wird rund 30 Meter weitergeschleift. Mit eingeklemmter Hand und gebrochenem Halswirbel liegt der Chauffeur auf der Seite. Eine Frau, die an der Haltestelle wartet, wird von herumfliegenden Karosserieteilen verletzt. «Er lebt!», titelt der «Blick» am nächsten Tag. Und freut sich mit Kisslig: «Armin, dein Schutzengel machte gestern früh aber wirklich Überstunden.»

Gemeinderat spricht von «Skandal»
Weniger Glück hatte einige Monate später ein 64-jähriger Mofafahrer. Er zweigte von der Hauptstrasse Richtung Moos ab – direkt vor den Zug. Im Spital erlag er den Verletzungen. «Hier kamen schon Bauern und Viehdoktoren unter den Zug – es nützte nichts», sagt Armin Kisslig, der sich trotz seiner Schuld am Unfall verschaukelt vorkommt. «Grossprojekte wie die Bahn 2000 können nicht teuer genug sein, aber für die gefährlichen Bahnübergänge fehlt das Geld.»

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Das ärgert auch den Könizer Gemeinderat Walo Hänni. «Der Übergang muss saniert werden. Punkt», sagt der Politiker. Mit der Abzweigung, der Haltestelle, einem Fussgängerstreifen und dem Bahnübergang ist die Kreuzung überladen – die Ablenkungsgefahr gross. Den Sparbeschluss des Bundes bezeichnet Hänni als «Skandal».

Nach den zwei Unfällen einigten sich die Gemeinde und die Lötschbergbahn BLS auf ein 3,7 Millionen Franken teures Sanierungsprojekt. 1997 sollte es realisiert werden.

Jetzt liegen die Pläne wieder in der Schublade, weil die 1,6 Millionen Franken des Bundes fehlen. Kommentar der BLS: «Ohne diese Beiträge ist das Projekt nicht finanzierbar.»